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Frankfurter Initiative : Neue Standards für Bilanzen

Die BASF ist eines der neun Gründungsunternehmen der Initiative. Bild: AFP

Vor einigen Jahren wäre das noch Traumtänzerei gewesen: Die Frankfurter Initiative Value Balancing Alliance will den Geschäftsbericht reformieren, indem soziales und ökologisches Engagement in die Bilanz einfließen.

          3 Min.

          Die Organisation ist klein und hat ihren Sitz in einem Gründerzeitbau im Frankfurter Westend, doch ihr Vorhaben ist groß und dazu angetan, die Regeln für die Bilanzierung von Unternehmen und damit das Wirtschaftsleben zu revolutionieren. Die Rede ist von der Value Balancing Alliance, einer Initiative, die im Juni 2019 gegründet wurde. Sie will erreichen, dass Beiträge von Unternehmen für Umwelt und Gesellschaft monetär abgebildet und in den Bilanzen berücksichtigt werden. Dazu soll ein neuer, verbindlicher Standard entwickelt werden, der für Investitionsentscheidungen maßgeblich werden soll.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Was nüchtern klingt, lässt sich auch eingängiger und pathetischer formulieren: „Wir müssen weg von der Profitmaximierung und hin zur Wertoptimierung.“ Der Mann, der dieses Ziel verfolgt, heißt Christian Heller. Der Manager, der 1978 in Darmstadt geboren wurde und einen Master in Philosophie erworben hat, führt die Value Balancing Alliance, die derzeit ein gutes Dutzend Mitarbeiter beschäftigt.

          Auch wenn es sich um eine gemeinnützige Organisation handelt, sind Heller und sein Team keine Weltverbesserer, die von außen auf die Welt der Unternehmen blicken. Vielmehr kennen sie das Wirtschaftsleben von innen, die Allianz wurde von neun Unternehmen aus Deutschland, der Schweiz, Korea und Japan gegründet, darunter Bosch, SAP, die Deutsche Bank, Porsche und BASF, Letztere hat Heller zur Value Balancing Alliance entsandt.

          „Eher fünf nach als fünf vor zwölf“

          Diese Unternehmen haben erkannt, dass die alten Bilanzierungsstandards den Anforderungen in Zeiten von Klimwandel und wachsender sozialer Ungleichheit nicht mehr entsprechen. Zwar ist in Unternehmensberichten viel von Nachhaltigkeit die Rede, wenn es ernst wird – also in den Zahlen –, bleiben diese vermeintlich weichen, mitunter schwer messbaren Aspekte weitgehend außen vor. Heller formuliert es so: „Der Aspekt Nachhaltigkeit spielt zwar in der Berichterstattung von Unternehmen eine wachsende Rolle, aber noch nicht so sehr in ihrer Steuerung.“ Und er fügt hinzu: „Das muss sich ändern angesichts der Tatsache, dass es eher fünf nach als fünf vor zwölf ist.“ Er sagt das nicht mit Tremolo in der Stimme, sondern sehr nüchtern und analytisch.

          Was vor einigen Jahren von vielen noch als Traumtänzerei abgetan worden wäre, hat aufgrund des Stimmungswandels in der Politik und unter maßgeblichen Akteuren der Wirtschaft eine neue Dringlichkeit erhalten. Dass das Bewusstsein für die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit gewachsen ist, hat Heller auch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos festgestellt: Es sei allen Beteiligten „klar, dass es nicht mehr um das ,Ob‘, sondern um das ,Wie‘ geht“, wenn über die Berücksichtigung ökologischer und gesellschaftlicher Kosten und Gewinne in den Bilanzen gesprochen werde.

          Drei Jahre Zeit haben sich Heller und die Initiatoren der Allianz gegeben, um eine belastbares und marktfähiges Modell zu entwickeln, mit dem sich die Gewinne und Verluste von Unternehmen in einem umfassenden Sinn messen lassen. Der CO2-Ausstoß entlang der gesamten Wertschöpfungskette soll ebenso berücksichtigt werden wie die Investitionen in die Fortbildung der Mitarbeiter. Und es stellt sich die Frage, ob Gehälter nur als Kosten auftauchen sollen, oder ob nicht auch ihr Beitrag für das Funktionieren der Gesellschaft zu berücksichtigen ist.

          Kooperation mit Harvard, Oxford und Hamburg

          Bis zum Sommer soll ein erstes Arbeitsmodell – intern „Model 0.1“genannt – erarbeitet sein. Vier wesentliche Bedingungen müsse der neue Standard erfüllen: Er soll eine einheitliche Methodik vorgeben, außerdem die Angaben für Bürger, Nicht-Regierungs-Organisationen und Investoren vergleichbar machen, auf Unternehmen unterschiedlicher Märkte, Branchen und Größen anwendbar sein und schließlich von allen Unternehmen innerhalb einer Gruppe angewendet werden.

          Beraten wird die gemeinnützige Allianz von Experten der Mitgliedsunternehmen und von den vier großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte, EY, KPMG und PwC, die aus Compliance-Gründen nicht Mitglieder der Organisation sein dürfen, sondern als Pro-Bono-Berater agieren. Mit den Universitäten Harvard, Oxford und Hamburg wurde eine Kooperation vereinbart. Auch mit der Politik sucht die Allianz den Austausch. „Wir bauen verschiedene Partnerschaften auf“, berichtet Heller. „Mit der Stiftung Global Solutions von Dennis Snower arbeiten wir in Richtung G 20 zusammen.“ Und gemeinsam mit Partnern werde man einen einheitlichen EU-Standard zur Messung und Bewertung von Umweltrisiken und -chancen von Firmen entwickeln.

          Bei der Wahl des Standorts für die Value Balancing Alliance war zunächst London der Favorit. „Wegen des Brexits und der Preise waren sie draußen“, berichtet Heller. Frankfurt sei aufgrund der Erreichbarkeit, der starken Finanzbranche, der kurzen Wege nach Berlin, Paris und Brüssel und wegen seiner Internationalität ausgewählt worden.

          Am heutigen Freitag wird die Value Balancing Alliance ihre Arbeit in einer Feierstunde in der Alten Oper offiziell aufnehmen, und die Rednerliste spiegelt den Anspruch wider: Außer dem hessischen Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) wird auch Volker Mosbrugger zu den Gästen sprechen. Der Generaldirektor des Frankfurter Senckenberg-Instituts hat einen großen Forschungsverbund für Klima und Biodiversität gegründet und wirbt seit langem unter Managern für mehr Bewusstsein für die Zusammenhänge von Natur, Gesellschaft und Ökonomie. Die Ähnlichkeit seiner Gedankengänge mit den eigenen Überlegungen hat Heller frappiert.

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