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Frankfurter Gewürzhaus : Alles auf Anfang bei Alsbach

Bisher Kundin, jetzt Chefin: Christiane Rüdiger und ihr Team beim Einräumen der Regale im neuen Alsbach-Gewürzgeschäft an der Töngesgasse. Bild: Helmut Fricke

Für das Frankfurter Gewürzhaus geht es im August unter neuer Leitung an der Töngesgasse weiter. Die Kunden können die Wiedereröffnung des Ladens kaum abwarten.

          Ein Hexenschuss. Ausgerechnet jetzt, da schwere Kisten hin- und hergeschoben, Berglinsen und Cashewkerne, Orangenpfeffer und Senföl in die Regale geräumt werden müssen. Christiane Rüdiger, neue Chefin des bekannten Gewürz- und Teehauses, verdreht kurz die Augen, lacht und macht weiter. Zur Eröffnung in knapp einer Woche muss alles fertig sein.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Stammkunden sind schon jetzt im Glück. Mehr als 1000 hatten sich im vergangenen Jahr auf die Liste von Doris und Kurt Becker, den langjährigen Inhabern, eintragen lassen, als es im Geschäft an der Staufenmauer hieß: Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe. Der Eigentümer hatte wegen anderer Pläne den Mietvertrag nicht verlängert. Ende September war Schluss, und viele fragten sich: Wie sollten sie fortan ohne die speziellen Alsbach-Gewürzmischungen überleben und ohne ihren geliebten Safran?

          „Das Geschäft lebt in erster Linie von seinen Stammkunden“

          Das war auch die Frage, die Christiane Rüdiger, langjährige Stammkundin an der Staufenmauer, zunächst durch den Kopf ging. Dann jedoch begann in ihr der Gedanke zu keimen, sie selbst könne das Geschäft fortführen. Das Ehepaar Becker, das längst im Rentenalter ist, hatte sich einen Nachfolger für das Geschäft gewünscht und dies auch publik gemacht. Freunde und Familie ermunterten Rüdiger: Wenn du einen Laden machst, dann diesen.

          Voraussetzung freilich waren Räume in der Nähe. „Das Geschäft lebt in erster Linie von seinen Stammkunden“, sagt Rüdiger. Durch Zufall sah sie, dass das Antiquariat Alicke – bekannt wegen seiner großen Auswahl an sogenannten Francofurtensien – seine Geschäftsräume am Ende der Töngesgasse aufgeben wollte. Das ist nicht weit weg vom bisherigen Standort und eine deutlich bessere Lage, von der Konstablerwache kommend geht man direkt drauf zu. Sofort setzte sich Rüdiger mit dem Vermieter, der Frankfurter Aufbau AG, in Verbindung. Man wurde sich einig.

          Der Raum, der mit 50 Quadratmetern fast so groß ist wie der alte, hat einen hübschen Rundbogen in der Mitte und Oberlichter zu einem Garten. In den vergangenen Wochen wurde alles auf Vordermann gebracht: neue Fenster eingebaut, Fußboden gelegt und gestrichen. Herausgekommen ist ein heller, freundlicher Ort mit gemütlichen Sitznischen aus Holz im Schaufenster. Die Regale sind aus zweiter Hand: Sie stammen vom Buch- und Plattenladen Zweitausendeins am Kornmarkt, der in diesem Frühjahr aufgeben musste, und kommen hier, passend eingebaut, noch einmal zu Ehren.

          Noch feilen sie am richtigen System

          Christiane Rüdiger hat Respekt vor ihrer neuen Aufgabe. „Wir sind ein Fachhandel. Es ist nicht damit getan, dass man weiß, wo im Regal der Paprika steht“, sagt die Quereinsteigerin. Mit Hilfe der Eheleute Becker, die, aus dem Gewürze-Großhandel kommend, das Alsbach-Geschäft 1989 übernommen und den Großhandel parallel weiter betrieben hatten, ist die Nachfolgerin dabei, sich in ihr neues Fachgebiet einzuarbeiten. „Die beiden sind eine große Starthilfe.“ Außerdem hat sie zwei gestandene Alsbach-Mitarbeiterinnen mit im Team: Michaela Schaub, die schon bei Alsbach gelernt hat, und Wilhelmina van Klink. Beide zeigten sofort Flagge, als es hieß, es geht weiter.

          Zurzeit sind die drei Frauen dabei, die Regale einzuräumen – wenn sie denn dazu kommen. Keine Stunde vergeht, in der nicht ein früherer Kunde in der Ladentür steht und strahlt. Dann ist das Juchhu groß. Auch die Paketzusteller sind hier alte Bekannte, wie sich zeigt. „Es ist der Wahnsinn“, stellt Rüdiger fest. Dreißig bis vierzig Leute habe sie schon an einem Tag gezählt. „Das beflügelt einen natürlich beim Einräumen und Putzen.“

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          Noch feilen die Damen am richtigen System. „Die Sortierung müssen wir noch ausbaldowern“, sagt van Klink. So oder so, man riecht schon, was hier bald verkauft wird: mehr als 400 Gewürze und ebenso viele Teesorten, unter diesen auch die eine oder andere Rarität. Im Keller gibt es ein Lager für die Ware, dort werden die Eigenmischungen nach Art des Hauses abgefüllt. Einen Handel mit Großkunden wie die Beckers will die neue Chefin, die aus dem Allgäu stammt und seit 26 Jahren in Frankfurt lebt, nicht mehr betreiben, allenfalls noch im kleinen Stil Restaurants beliefern.

          Am nächsten Dienstag, dem 1. August, um 9.30 Uhr beginnt die neue Ära für das 1920 gegründete Traditionshaus. Mit ein bisschen Glück hat sich bis dahin auch der Rücken der neuen Chefin wieder eingerenkt.

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