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Frankfurter Farbenhersteller : Dystar vor entscheidender Woche

Wankender Weltmarktführer: Zentrale des Farbenherstellers Dystar im Industriepark Höchst Bild: Frank Röth

Die Übernahme des insolventen Frankfurter Textilfarbenherstellers Dystar geht in die Schlussphase. Am Montag will die indische Kiri eine weitere Hürde nehmen – gleichzeitig wird ein Investor aus China in Frankfurt erwartet. Der Betriebsrat blickt derweil besorgt nach Leverkusen.

          Der Blick geht aus dem knallbunten Gebäude am Tor Nord des Industrieparks Höchst weit nach Osten. Dort, in Indien und in China, sitzen die einzigen Investoren, die den insolventen Frankfurter Textilfarbenhersteller Dystar mit der auffallend farbigen Zentrale übernehmen möchten. Der eine heißt Kiri Dyes & Chemicals – der andere firmiert unter Hubai Chuyuan Chemical. Am Main haben sie sich bisher rar gemacht, doch am Montag wollen beide Interessenten in Frankfurt ihre Karten auf den Tisch legen. Der Beginn der Woche könnte zumindest vorentscheidend werden für die Zukunft des Unternehmens. In jedem Fall soll sich bis Ende Januar zeigen, was aus dem auf die Farbwerke Hoechst zurückgehenden, wankenden Weltmarktführer wird: Bis dahin wollen die Insolvenzverwalter den Verkauf besiegeln.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Frankfurter Betriebsrat blickt derweil sorgenvoll nach Leverkusen. Dort sitzt in Gestalt der Lanxess AG der Eigentümer der Fabriken von Dystar. Aus Sicht des Anwalts Jürgen Walter, der die Arbeitnehmervertreter berät, spielt die Bayer-Abspaltung im Verkaufsprozess eine wichtige Rolle. Lanxess müsste auch dem neuen Eigentümer des Textilfarbenherstellers die Fabriken verpachten. Hintergrund: Bis Sommer 2004 war Dystar ein Gemeinschaftsunternehmen von Aventis, BASF und Bayer.

          Insolvenzverwalter: Alle Optionen offen

          Kiri scheint auf den ersten Blick die besseren Karten zu haben. Hat er doch im Dezember eine grundsätzliche Übereinkunft mit den Insolvenzverwaltern erzielt, weshalb er als erste Wahl gilt. Andererseits halten sich die Insolvenzverwalter alle Optionen offen und sind zu weiteren Gesprächen mit Investoren bereit, so eine Sprecherin von Insolvenzverwalter Stephan Laubereau. Und Hubai Chuyuan aus China wartet mit einer verlockend erscheinenden Offerte auf: Nach Angaben des Frankfurter Chemieunternehmers und früheren Hoechst-Vorstands Karl-Gerhard Seifert will das Unternehmen im Gegensatz zu Kiri den für die Produktion wichtigen Dystar-Standort Brunsbüttel erwerben und langfristig betreiben. Zudem wolle Hubai die Leverkusener Anlage, die Vorprodukte für Brunsbüttel fertige, für mehrere Jahren pachten. Kiri Dyes plane dagegen, die Anlagen jeweils nur für eine überschaubare Zeit zu pachten. Angesichts dessen unterstützt Seifert den Investor aus China – zumal dessen Produkte gut zu den Erzeugnissen von Dystar aus Brunsbüttel passen, wie er sagt.

          Betriebsratschef Schaus (links) und Anwalt Walter: „Jeden Tag, an dem die Produktion still steht, verlieren wir Kunden”

          In Brunsbüttel waren zuletzt 151 der 1300 Mitarbeiter von Dystar hierzulande beschäftigt, 383 in Leverkusen und 410 am Stammsitz im Industriepark Höchst, wo die Verwaltung sowie Forschung und Entwicklung untergebracht sind. Um diese Standorte geht es letztlich bei der Übernahme. Für das 260 Mitarbeiter zählende Werk Geretsried bei München wird eine gesonderte Lösung gesucht, während der Standort Ludwigshafen, wo Dystar mit 85 Kräften auch in der Insolvenz den tiefblauen Jeansfarbstoff Indigo herstellt, als außen vor gilt.

          „Wenigstens Dystar sichern“

          Die Arbeitnehmervertreter verfolgen als Begleiter des Investorenprozesses eine klare Leitlinie: „Wenn wir schon den Standort Deutschland nicht mit der bisherigen Personalstärke halten können, dann müssen wir wenigstens Dystar sichern“, sagt der Frankfurter Betriebsratschef Heinz Schaus. Dabei sei der Belegschaft jeder Investor recht, der die deutschen Standorte sichert – wobei die Mitarbeiter im Zweifelsfall jenem den Vorzug geben, der mit Blick auf die Arbeitsplätze und die Laufzeit der Pachtverträge das bessere Angebot vorlegt, wie er hervorhebt.

          Aus Sicht Walters spielt das Chemieunternehmen Lanxess im Investorenprozess um Dystar die Rolle des Züngleins an der Waage. Dystar habe die Produktionsanlagen in Brunsbüttel und Leverkusen nur von der Lanxess AG gepachtet. Dabei sei zu beachten, dass das Unternehmen ein Anrecht darauf hätte, die Fabriken von Dystar „chemierein“ übergeben zu bekommen. Dies dürfte einen zweistelligen Millionenbetrag kosten, wie Walter sagt. Dystar habe dieses Geld allerdings nicht. Wenn Dystar die Produktion nicht wieder anfahren könne und die Anlagen dauerhaft ruhten, bliebe Lanxess im Zweifelsfall auf den Kosten sitzen. Sollte Lanxess andererseits mit dem künftigen Eigentümer des Textilfarbenherstellers keinen Pachtvertrag schließen, wäre keine Produktion möglich, erläutert Walter.

          Weltmarktanteil bei rund 25 Prozent

          Er appelliert an die mit der Angelegenheit befassten Banken, vor allem die HSH Nordbank als Kreditgeber für Dystar, wie an Lanxess, den Investorenprozess nicht zu behindern. Mit Blick auf den Konzern aus Leverkusen fordert er „Solidarität innerhalb der Chemiebranche in Deutschland“. Für die Belegschaft wäre es das Schlechteste, falls Kiri die Übernahme nicht gelänge und es auch mit Hubai nicht zu dem sogenannten Closing käme.

          Dabei haben die Frankfurter auf dem Weltmarkt grundsätzlich gute Karten, wie Schaus meint. Zwar kostet ein Kilogramm Textilfarbe aus Deutschland drei Euro, während die Inder die gleiche Menge für 25 Cent produzieren. „Doch das Pfund, mit dem wir wuchern können, ist die Qualität“, sagt Schaus. So riefen auch immer wieder Kunden an und fragten, wann Dystar in Deutschland wieder die Produktion aufnehme. Noch liege der Weltmarktanteil bei 25 Prozent. „Aber jeden Tag, an dem die Anlagen still stehen, verlieren wir Geschäft“, mahnt Schaus.

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