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Frankfurter DGB-Chef Jacks : „Erst die Krise meistern“

Für einen Mietenstopp: Philipp Jacks ist Vorsitzender des DGB-Stadtverbands Frankfurt. Bild: Helmut Fricke

Nach der Bewältigung der Corona-Pandemie möchte der Frankfurter DGB-Chef Philipp Jacks im Jahr 2021 gleich mehrere Systemfragen stellen. Dabei steht vor allem die Reformation des Wohnungsmarktes im Zentrum.

          5 Min.

          Der 43 Jahre alte Philipp Jacks führt seit vier Jahren den Deutschen Gewerkschaftsbund in Frankfurt an, als hauptamtlicher Geschäftsführer der DGB-Region Frankfurt-Rhein-Main und Vorsitzender des Stadtverbands. Der DGB, hessische Mieterverbände, die Caritas, linke Parteien und andere Verbände wollen mit einer Petition an den Hessischen Landtag erreichen, dass für Wohnungen in Gebieten „mit angespannten Wohnungsmärkten“ die Mieten nur um maximal ein Prozent im Jahr steigen dürfen. 15.000 Online-Unterschriften will das Bündnis „Mietenstopp für alle“ bis Ende März sammeln, bislang haben sich 1200 Unterstützer auf der Internetseite des Bündnisses registriert.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In wenigen Tagen hätte der Deutsche Gewerkschaftsbund in Frankfurt das politische Jahr mit seinem Neujahrsempfang eröffnet. Daraus wird 2021 nichts, oder?

          Wir haben den Empfang verschoben, er findet nun am 10. Juni statt, zeitgleich zur 90-Jahr-Feier des Gewerkschaftshauses, das 1931 als damals höchstes Bürogebäude Frankfurts an der Wilhelm- Leuschner-Straße eröffnet wurde.

          Wie hat die Corona-Krise die Gewerkschaftsarbeit ansonsten verändert?

          Sehr deutlich. Wir haben uns zum Beispiel völlig anders organisiert. So hat der 1. Mai zum ersten Mal digital stattgefunden, das war eine riesige Veränderung. Und auch die ganze Arbeit in den Betrieben durch die Gewerkschaften musste digital stattfinden, die Gespräche mit den Mitgliedern und Betriebsräten. Den Umstieg auf Videokonferenzen haben wir ziemlich gut hinbekommen.

          Was davon wollen Sie beibehalten?

          Wir haben zum Beispiel schon in den Gremien diskutiert, auch künftig auf viele Fahrwege zu verzichten. Komplett geht das nicht, in den Betrieben muss man sich auch weiterhin persönlich treffen. Aber sich vier Stunden in den Zug zu setzen, um an einer turnusmäßigen Gremiensitzung teilzunehmen, wird sicherlich nur noch die Ausnahme sein.

          Kürzlich haben Sie in einer „Winterwerkstatt“ mit Ehrenamtlichen die Herausforderungen der Zukunft diskutiert. Was wurde da thematisiert?

          Zusammengefasst: öffentliche Investitionen in und nach der Krise, um Arbeitsmarkt, Wirtschaft, Gesellschaft, Demokratie und Klima zu stabilisieren. Im neuen Jahr müssen wir aber auch darüber sprechen, wie wir die Kosten der Krise gerechter verteilen. Denn wenn das so weiterläuft wie bisher, ist zu befürchten, dass vor allem die mittleren und unteren Einkommen die Lasten tragen werden, während die Nettovermögen der Milliardäre laut Studien um 20 Prozent gestiegen sind. In anderen Ländern ist das anders.

          Woran denken Sie dabei?

          In Argentinien, Spanien, Bolivien etwa wird diskutiert, wie man die Reichen stärker in die Pflicht nehmen kann. In Argentinien sollen 30 Prozent der Krisenkosten durch eine Vermögensteuer finanziert werden. Mehr müssen wir uns aber auch dringend wieder um zwei Themen kümmern, die zuletzt komplett untergegangen sind, nämlich die Klima- und die Asylfrage. Diese beiden Themen rütteln an unseren Grundfesten, für beide müssen wir darum dringend Lösungen finden. Fluchtursachen bekämpft man nicht durch Zäune, sondern durch Reichtumsverteilung und Demokratieförderung. Ich hoffe daher nicht, dass wir nach dieser Krise wieder zum business as usual zurückkehren, so wie schon nach der Bankenkrise 2008.

          Welche Reformen schweben Ihnen vor?

          Es hat sich ja gezeigt, dass zum Beispiel das Gesundheitssystem längst nicht so gut ist, wie es sein sollte. Es hat sich auch gezeigt, dass unser Sozialsystem, obwohl es eines der besten der Welt ist, noch besser sein müsste, um etwa Selbständige besser aufzufangen. Es freut mich, dass vielen Menschen jetzt offensichtlich bewusst wird, dass unser Wirtschaftssystem eben große Ungerechtigkeiten hervorbringt und wir grundsätzliche Veränderungen brauchen.

          Haben Sie dann Verständnis für die „Querdenker“-Demonstranten?

          Ich finde es sehr gut nachvollziehbar, dass viele Menschen unzufrieden sind in der heutigen Lage. Aber ich finde es dramatisch, wie sich die „Querdenker“ auf Einzelpersonen fokussieren. Dass Bill Gates, George Soros und Angela Merkel Teil einer dubiosen Weltverschwörung seien und jetzt eine Diktatur errichten wollten, ist natürlich völliger Quatsch und geht völlig am Kern des Problems vorbei. Wir müssen den Horizont weiten: Wie stärkt man die Demokratie, Bürgerrechte und soziale Gerechtigkeit, am besten weltweit? Aus der Pandemie könnten wir lernen, dass sehr schnell Lösungen gefunden werden können, wenn die Lage ernst genommen wird.

          Die Gewerkschaften sind in den vergangenen Monaten eher defensiv aufgetreten, wird sich das 2021 ändern?

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