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Frankfurter Brauerei : Einigung über neuen Radeberger-Standort in weiter Ferne

Ulrich Kallmeyer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Radeberger-Gruppe: „Wir sind keine pingeligen Mäkelfritzen” Bild: agata skowronek

Schon seit Monaten sucht die Radeberger-Gruppe in Frankfurt einen neuen Standort für ihre Brauerei samt Logistik-Zentrum. Das Unternehmen will den Stadtteil Sachsenhausen verlassen und nach Nieder-Eschbach umziehen. Frankfurts Politiker wollen, dass Radeberger seine Brauerei am Südrand des Industrieparks Höchst ansiedelt.

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          Bei der seit Monaten dauernden Suche nach einem neuen Frankfurter Standort für die Brauerei und das Logistik-Zentrum der Radeberger-Gruppe scheint eine Lösung ferner denn je. Das Unternehmen, das über Jahrzehnte als Binding firmierte, will den Stadtteil Sachsenhausen verlassen, weil die Wohnbebauung dem Industriegelände immer näher kommt. Ulrich Kallmeyer, Vorsitzender der Geschäftsführung, verdeutlichte noch einmal, dass aus seiner Sicht als neuer Standort nur ein unbebautes Grundstück in Nieder-Eschbach, nahe am Bad Homburger Autobahnkreuz, in Frage komme. Hingegen wollen die Politiker im Römer, dass Radeberger seine Brauerei am Südrand des Industrieparks Höchst ansiedelt.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Beide Vorschläge werden von der jeweils anderen Seite rundweg abgelehnt. Das Grundstück in Nieder-Eschbach hatte der Magistrat zwar selbst Radeberger vorgeschlagen. Dann aber war im letzten Moment erkannt worden, dass es sich um ein Landschaftsschutzgebiet handelt. Inzwischen lehnen nicht nur die Grünen eine Bebauung ab, sondern auch die CDU selbst. Von der Radeberger-Gruppe wiederum wird der Standort am Industriepark mit dem Argument zurückgewiesen, das Image des in Frankfurt gebrauten Bieres werde unter der Nähe zur Chemie- und Pharmaproduktion leiden.

          Frankfurt verbunden

          Kallmeyer deutete an, dass er nur noch bis Ende des Jahres auf ein Angebot der Stadt warte, das seinen Vorstellungen entspreche. Aus dem Römer wiederum wurde bedeutet, man sei bereit, den Konzern ziehen zu lassen, wenn er nicht mit dem Grundstück in Höchst einverstanden sei. Mancher Amtsträger im Umland wartet nur darauf; Radeberger sind schon mehrere Grundstücke angeboten worden. Kallmeyer ließ auch durchblicken, es gebe eine Reihe von Interessenten. Für Frankfurt würde eine Wegzug Radebergers den dritten Verlust eines Traditionsunternehmens in kurzer Zeit bedeuten, nachdem in diesem Jahr schon die Deutsche Börse und Evonik, vormals Degussa, ihre Umsiedlung nach Eschborn und Hanau bekanntgegeben hatten.

          Der Radeberger-Chef warb eindringlich für den Standort Nieder-Eschbach. Radeberger sei Deutschlands größte Brauereigruppe, sie sichere 500 Arbeitsplätze und zahle bis zwei Millionen Euro Gewerbesteuer im Jahr. Die Gruppe fühle sich Frankfurt verbunden, dort sei ihre Heimat. Um dies zu unterstreichen, stehe auf den neuen Kisten der Marke Binding der Schriftzug „Bierbrauer in Frankfurt“.

          Grünzug und Landschaftsschutzgebiet

          Am neuen Standort solle die „grünste Brauerei“ überhaupt entstehen. Er sei bereit, das Grundstück in Sachsenhausen ohne Zuzahlung im Tausch für das Areal in Nieder-Eschbach herzugeben, so Kallmeyer. „Wir sind keine pingeligen Mäkelfritzen.“ Das Unternehmen wolle lediglich ein zusammenhängendes Areal ohne Wohnbebauung in der Nähe und mit einem einzigen verkaufsbereiten Eigentümer. „Wir brauchen vor allen Dingen kein neues Problem, etwa über chemische Assoziation mit dem Industriepark Höchst.“ Der Manager zitierte eine Umfrage von TNS Infratest, wonach 64 Prozent der Biertrinker von einem solchen Standort „unangenehm berührt“ wären.

          Unklarheit herrscht in der Frage, wie rasch in Nieder-Eschbach Baureife zu erlangen wäre. Während Kallmeyer äußerte, ihm sei bedeutet worden, dazu reiche ein Jahr, heißt es in Planerkreisen, dass die Aufhebung des Status als regionaler Grünzug und Landschaftsschutzgebiet sowie die Verlagerung des Naturschutzausgleichs von diesem Areal auf andere Flächen mindestens zwei Jahre dauern werde. Planungsrechtlich seien dies „große, dicke Brocken“.

          Planerische Hürden

          Dass diese bewegt werden, dazu wird es nach Angaben der Frankfurter Umweltdezernentin Manuela Rottmann (Die Grünen) gar nicht kommen. „Nieder-Eschbach ist kein geeigneter Standort für Radeberger, wir brauchen das Grundstück als Landschaftsraum“, als eine der wenigen verbliebenen grünen Verbindungen in den Taunus. Auch aus Gründen der Verlässlichkeit gegenüber den Bewohnern im Norden der Stadt könne das Areal nicht einfach bebaut werden. Die hohen planerischen Hürden hierfür seien bewusst geschaffen worden.

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