https://www.faz.net/-gzg-9zw0u

Frankfurter BMW-Niederlassung : Aber Autos werden auch verkauft

Sitzkisten statt Blechkisten: In der Frankfurter BMW-Niederlassung wird nun über Mobilität debattiert. Bild: Marcus Kaufhold

BMW will in einer Frankfurter Niederlassung künftig über die Mobilität der Zukunft diskutieren. Der Plan ist bundesweit einmalig. Kann er aufgehen?

          3 Min.

          Holzkisten sind die Sitzsäcke der neuen Generation. Wer ins Frankfurter Tech-Quartier geht, in Gründerzentren der Konzerne vorbeischaut oder die Zentralen groß gewordener Start-ups besucht, muss seinen Rücken darauf einstellen, lehnenlos auf einem Kubus zu sitzen.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch im neuen „Frankfurt Mobilé“ in der BMW-Niederlassung dürfen sie nicht fehlen. Gut 30 dieser Kisten in Eichenholzoptik haben die Designer in der Halle an der Hanauer Landstraße in Frankfurt verteilt, in der noch vor einiger Zeit ganz herkömmlich Autos zum Verkauf standen. In der Mitte des Raumes ragt gar eine Sitzpyramide aus drei Etagen empor, in derselben Holzoptik wie die kleinen Kisten. Darüber hängen gut hundert Röhren, die je nach Laune der Programmierung ihre Farben ändern. „Und das hier ist echtes Moos, kein künstliches“, sagt Designer Claus Fischer, als er auf die grüne Wand hinter sich zeigt.

          Eine „demokratische Fläche“

          Es soll eben alles anders wirken in diesem „Mobilitätsforum“, als man es von einem Autohaus erwartet. Von einem bundesweit einmaligen „Dialogforum“, das Denkanstöße und gesellschaftliche Debatten ermöglichen soll, spricht etwa Niederlassungsleiter Axel Juhre. Fischer, der das Konzept entworfen hat, sieht in der 360 Quadratmeter großen Halle eine „demokratische Fläche“, die an die Foren aus der Antike erinnere und die es in vergleichbarer Form nur im Nike-Flagship-Store in New York gebe. Bis zu 200 Leute fänden in diesem Forum Platz, um über gewandelte Mobilität, vernetzten Verkehr und Alternativen zum Auto zu diskutieren.

          Will BMW in Frankfurt etwa keine Autos mehr verkaufen? Das wäre in der Tat bundesweit neu. Und es erinnert an die Debatten zur Zukunft der Internationalen Automobil-Ausstellung IAA. Auch die Weltmotorschau will nicht länger nur Motoren zeigen, sondern gesellschaftliche Themen ansprechen – um diesen Konzeptwandel zu dokumentieren, haben die Organisatoren den Traditionsstandort Frankfurt aufgegeben. Nun geht es nach München, den Konzernsitz von BMW. Dabei haben sowohl die große Autoausstellung als auch der vergleichsweise kleine BMW-Händler in Frankfurt das gleiche Problem: Am Ende wollen beide ja nicht Bustickets verkaufen, sondern immer noch Premiumkarossen zum Premiumpreis.

          Weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft

          Doch zumindest in den Großstädten gibt es zunehmend Menschen, die auf einen eigenen Wagen verzichten, sei es wegen der Kosten, mangelnder Parkplätze oder auch wegen des Klimas. Zur IAA protestierten 20.000 Umweltaktivisten in Frankfurt für eine Verkehrswende und gegen die vermeintlichen Klimakiller aus Blech und Chrom. „Die Autoindustrie wird von ihnen zu sehr als Problem wahrgenommen und zu wenig als Teil der Lösung gesehen“, sagt Juhre. Das Auto werde aber auch weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft bleiben, meint er. Aber wie lässt sich das den Großstädtern vermitteln?

          Den Ausschlag habe im Oktober 2019 eine Veranstaltung auf der anderen Seite der Hanauer Landstraße gegeben, erzählt der Niederlassungsleiter. Der Standort der Marke Mini, die zu BMW gehört, hatte zu einer Diskussionsrunde zur Mobilität eingeladen, mit einer Zukunftsforscherin und einem Architekten. Auf 80 oder 90 Teilnehmer habe man gehofft, erzählt Juhre, gekommen seien aber mehr als 200. „Und mehr als zwei Drittel von ihnen sagten, dass sie noch nie im Autohaus waren.“ Für sie üben mit Technik vollgestopfte Karossen, die dicht gedrängt in Hallen am Stadtrand ausgestellt werden, keinen Kaufreiz aus. Bei Veranstaltungen im neuen Mobilitätsforum will der Händler sie offenbar überzeugen, dass er auch für sie etwas im Angebot hat.

          Nur Nischengeschäfte

          „Da findet der Beziehungsaufbau statt“, erläutert Juhre. BMW habe schließlich auch Carsharing, E-Scooter und Elektro-Bikes im Angebot. Der Absatz der reinen Elektroautos in seinen Niederlassungen habe sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Tatsächlich sind das jedoch nur Nischengeschäfte. Von den insgesamt 5000 neuen und gebrauchten Fahrzeugen, die die sechs BMW-Standorte der Niederlassung im Quartal verkauft haben, waren nur 350 elektrisch. Das Carsharing-Angebot Sharenow betreibt BMW nun gemeinsam mit dem Konkurrenten Daimler, weil es sich ansonsten nicht rechnet.

          In der Konzernzentrale habe er „einige Überzeugungsarbeit“ für sein Mobilitätsforum leisten müssen, sagt Juhre, am Ende aber habe München dem Versuch zugestimmt. Im Januar begann der Umbau, 250.000 Euro wurden dafür investiert. Die Eröffnung war für März geplant, mehrere Veranstaltungen mit der Mainova, dem RMV oder auch der Senckenberg-Gesellschaft seien damals bereits geplant gewesen. Doch wegen Corona wurde die offizielle Eröffnung verschoben. Nun soll es erst einmal kleinere Diskussionsformate geben, zudem soll das Forum für Mitarbeiterschulungen genutzt werden.

          Die ersten Entwürfe des Forums seien noch autofrei gewesen, erzählt Designer Fischer. Doch an einen Ende der Halle steht ein Elektro-Mini, am anderen Ende ein Plugin-BMW 745e für 127.000 Euro. Und wer von der Straße durch die Scheiben schaut, sieht nicht die Sitzpyramide, sondern den davor stehenden SUV, eine Konzeptstudie namens i-Next. „Man lebt, fährt, wohnt in diesem Auto“, schwärmt ein Verkäufer vor. Er käme auf 400 PS und von null auf 100 Kilometer pro Stunde in drei Sekunden. Ganz ohne Auto geht die neue Mobilität bei BMW offenbar nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.