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Was Start-ups zum Wachstum fehlt : Erste Liga ist Frankfurt für Gründer noch nicht

Volles Haus: Oliver Schwebel von der Wirtschaftsförderung Frankfurt, Business-Angels-Vorsitzender Andreas Lukic, F.A.Z.-Redakteur Falk Heunemann sowie die Gründer Matthias Kramer von Lizza und Lars Reiner von Ginmon (von links) diskutieren über die Standortbedingungen für Gründer in Frankfurt. Bild: Frank Röth

An Gründern mit guten Geschäftsideen mangelt es im Frankfurter Raum nicht. Aber an Risikokapital und geeignete Räume kommen sie anderswo leichter, wie beim Metropol-Forum der F.A.Z. deutlich wurde.

          Als Gründerstadt sieht Andreas Lukic Frankfurt in der zweiten Liga, zusammen mit München und Hamburg. London und Berlin verortet der Vorsitzende der Investorenvereinigung Business Angels Frankfurt-Rhein-Main dagegen klar in der erstenLiga, und San Francisco mit dem Silicon Valley – und New York spielen seiner Ansicht nach noch einmal in einer ganz anderen Klasse, in der Champions League, wenn man so will.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Danach gefragt, worauf diese Klassenunterschiede zurückzuführen seien, hat er eine simple Antwort: „Start-ups folgen immer dem Geldstrom“, sagte er gestern bei einer Diskussionsveranstaltung des regionalen Wirtschaftsmagazins „Frankfurter Allgemeine Metropol“ und dieser Zeitung. Demnach dürften doch eigentlich nirgendwo mehr Gründer zu finden sein als im Zentrum der deutschen Finanzindustrie Frankfurt. Dem aber ist nicht so. Denn Lukic meint das Risikokapital, das Gründer für die Umsetzung neuer Geschäftsideen benötigen. Was das betreffe, seien die Bedingungen beispielsweise in Berlin für Start-ups besser.

          Schwer zu finden: passende, günstige Räumlichkeiten

          Tatsächlich ist die Lage in der Region nicht eben komfortabel für Gründer, wie das Start-up-Barometer der Berater von Ernst & Young (EY) zeigt: Von den 4,3 Milliarden Euro, die in ganz Deutschland an Gründer ausgegeben wurden, erhielten hessische Start-ups gerade einmal 83 Millionen. In Berlin, Bayern und Hamburg wurde ein Vielfaches in vielversprechende Geschäftsideen investiert.

          Matthias Kramer, Mitgründer des Lebensmittel-Produzenten Lizza, beschrieb in der von F.A.Z.-Redakteur Falk Heunemann geleiteten Diskussion mit einem Beispiel aus seiner Praxis die Schwierigkeiten, vor denen Start-ups stehen können: Obwohl es Lizza mit einer Leinsamen-Pizza innerhalb von zwei Jahren auf einen Umsatz von knapp sechs Millionen Euro gebracht hat und mehr als 45 Arbeitsplätze entstanden sind, verweigerte Kramer zufolge die Frankfurter Hausbank es, dem Unternehmen einen Dispositionskredit einzuräumen, der es ermöglicht hätte, die mit der Produktion schnell und im Volumen stark anwachsenden Geldtransaktionen abzuwickeln. Und das, obwohl die beiden Gründer bereit waren, dafür zu haften. Lizza hat sich zwar das Kapital anderweitig besorgen können. Die Enttäuschung über die Bank ist geblieben.

          Die große Nachfrage aus dem Einzelhandel zwang Lizza zudem, neue Räumlichkeiten zu suchen, das Domizil in Frankfurt-Goldstein wurde zu klein. Fündig wurden die Pizza-Produzenten nur in Neu Isenburg – womit ein zweites Hindernis beschrieben ist, dass sich für Gründer in Frankfurt in den Weg stellt: passende, günstige Räumlichkeiten, die nicht auf zehn Jahre gemietet werden müssen.

          Für die Lebensmittelproduktion sind die Vorschriften zwar sehr viel strenger und die Suche daher noch beschwerlicher. Aber auch für ein Fintech-Start-up wie Ginmon sind die Bedingungen in Frankfurt nicht ideal, wie Gründer Lars Reiner berichtete. Für sein Unternehmen, das online eine automatisierte und daher kostengünstige Anlagestrategie mit börsengehandelten Fonds verspricht, suchte er neue Räume. Im Angebot seien in Frankfurt zwar jede Menge große Flächen, oft von mehreren tausend Quadratmetern, aber nur wenige mit 300 oder 400 Quadratmetern, die gerade von Start-ups gesucht würden, die mitten im Wachstum sind. Ginmon habe zwar im Bahnhofsviertel schließlich das Gesuchte gefunden, das sei aber eher Zufall gewesen. Generell sei das Angebot an Büros in dieser Größenordnung viel zu gering.

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          Ungeachtet der Hindernisse, sehen Reiner und Kramer in Frankfurt auch große Vorteile für Gründer. So sei mit der Goethe-Universität der Zugang zu Nachwuchskräften mit ökonomischen Knowhow ideal, und die Technische Hochschule in Darmstadt eröffne den Kontakt zu jungen Leuten mit Digitalisierungs-Expertise.

          Dass Frankfurt noch keine in jeder Hinsicht ideale Umgebung für Gründer bietet, bestritt Oliver Schwebel, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Frankfurt, nicht. Zugleich wies er darauf hin, dass sich die Stadt schon viel zum Guten gewendet habe. Gründern biete sich inzwischen die Möglichkeit, ihre Ideen mit anderen beispielsweise in den Universitäten und Hochschulen in sogenannten Inkubatoren zu entwickeln. Zudem gebe es viele andere oft von Unternehmen finanzierte „Brutstätten“ in der Stadt, beispielsweise das Techquartier der Stadt im Pollux-Hochhaus, sagte Schwebel. Und schließlich hole Frankfurt auf, was die für Start-ups geeigneten Räume betreffe: Allein in diesem Jahr kämen 10000 Quadratmeter an Co-Working-Space, also Flächen für kurzzeitig anmietbare Gemeinschaftsbüros, hinzu.

          Investorenvertreter Lukic wollte denn auch seinen Satz von der zweitenLiga nicht als zu negatives Urteil verstanden wissen. Immerhin habe Frankfurt viel getan, um den Aufstieg in die zweite Liga aus der Regionalliga für Gründer überhaupt erst zu ermöglichen.

          Arm, aber in der Weltspitze Bis vor wenigen Jahren konnte man von einer Gründerszene in Rhein-Main kaum sprechen, dafür gab es zu wenige Start-ups. Seit Bankenkrisen und Wachstumsgeschichten wie Google und Facebook entstehen aber auch an Rhein und Main immer mehr neue Firmen. Die Start-up-Genome-Studie nahm darum Frankfurt 2017 erstmals in die Top 50 der weltbesten Gründerstandorte auf, in der Stadt eröffneten ein Dutzend neue Co-Working-Büros, und die vor gut einem Jahr eröffneten Start-up-Zentren der Großbanken, der Börse und der Stadt (Tech-Quartier) platzen aus allen Nähten. Laut PWC-Umfrage unter Gründern liegt der Standort Frankfurt nun bundesweit auf Platz 3, hinter Hamburg und Berlin. Sie loben die gute Vernetzung, die Verkehrsanbindung und die Kundennähe. Doch fehlt es ihnen in der Bankenmetropole an Geld: Von den 4,3 Milliarden Euro, die an Risikokapital in Deutschland vergeben wurden, flossen nur 83 Millionen nach Hessen, hat Ernst&Young ermittelt. Der große Rest ging nach Berlin, Hamburg und Bayern. (fahe.) Nur zwei Jahre ist das Frankfurter Start-up Lizza alt, dennoch sind ihre Leinsamen-Produkte schon in Tausenden Supermärkten bundesweit zu finden. Dass Matthias Kramer (Foto) und Mitgründer Marc Schlegel mit Pizzateig und Nudeln so schnell gewachsen sind, verdanken sie unter anderem der Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“. Dort hatten sie die Investoren Frank Thelen und Carsten Maschmeyer überzeugt, sich an ihrem Start-up zu beteiligen. Erster Investor war Alexander Baratta, Großbäckereibetreiber aus Oberursel. Inzwischen erwirtschaftet Lizza mehr als fünf Millionen Umsatz, hat knapp 50 Mitarbeiter – und ist aus Platzgründen nach Neu-Isenburg umgezogen. (fahe.) Ginmon ist japanisch, heißt übersetzt „Silbernes Tor“ und steht sinnbildlich für Wohlstand. Ginmon-Chef Lars Reiner (Foto) hat das Start-up vor gut vier Jahren gegründet, im Herbst vergangenen Jahres eröffnete das Frankfurter Fintech einen Zweitsitz in der chinesischen Metropole Schanghai und verkündete eine Partnerschaft mit der chinesischen Großbank China Everbright. Die Firma ermöglicht privaten Anlegern, mit Hilfe seines Robo-Advisors automatisch ein für sie passendes Depot aus kostengünstigen Indexfonds (ETFs) zusammenzustellen. Zunächst im Main-Incubator der Commerzbank beheimatet, bezog Ginmon 2017 größere Räume im Frankfurter Bankenviertel. (ddt.) Als Business Angels, UnternehmensEngel, bezeichnen sich Investoren wie Andreas Lukic (Foto), die Gründer nicht nur mit Geld versorgen, sondern auch mit Wissen und Kontakten helfen. Lukic, Gründer von Valuenet Capital Partners, ist seit zehn Jahren Vorsitzender der Business Angels Frankfurt Rhein-Main, eines regionalen Interessenverbands von rund 150 Investoren – des größten Netzwerks dieser Art in Deutschland. Der Verband organisiert unter anderem Pitches, bei denen sich Start-ups mehreren potentiellen Geldgebern vorstellen können. Mitglieder des Netzwerkes hatten etwa die Smartbike-Firma Cobi und die Mitfahr-App Flinc in der Anfangsphase finanziert. (fahe.) Oliver Schwebel ist der oberste Wirtschaftsförderer der Stadt Frankfurt. Der gelernte Bankkaufmann aus Kronberg, der über langjährige kommunalpolitische Erfahrung verfügt, wechselte 2010 zur Wirtschaftsförderung und wurde im Mai 2015 als deren Geschäftsführer bestellt. Derzeit ist Schwebel (Foto), der schon beim Frankfurter Ironman gestartet ist, einer der führenden Kräfte der Stadt im Werben um den Zuzug von Bankern aus Großbritannien an den Main. Start-ups unterstützt die Wirtschaftsförderung mit dem Gründerfonds, mit dem Gründerzentrum, aber auch bei der Suche nach Büros. Zudem schreibt das städtische Tochterunternehmen den Frankfurter Gründerpreis aus. (ddt.)

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