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Möbelhandel : Frankfurt, Segmüller und der Verdrängungswettbewerb

Ikea und Hornbach sind schon in Nieder-Eschbach - Segmüller würde gerne bei ihnen siedeln Bild: Wolfgang Eilmes

Wo im Norden Frankfurts derzeit Golfer spielen, würde der Möbelriese Segmüller gerne eine Filiale eröffnen. Das sorgt für Unruhe unter Möbelhändlern. Doch fehlt bisher die planungsrechtliche Basis, und der Golfplatz-Betreiber will nicht verkaufen.

          In der Möbelbranche gilt die Region rund um Frankfurt als eines der am härtesten umkämpften Gebiete in ganz Deutschland. Hohe Wirtschaftskraft, vergleichsweise hohe Einkünfte, viele zahlungskräftige Kunden – alle namhaften Anbieter wissen das. Der schwedische Möbelriese Ikea beispielsweise ist sich der Umsatzchancen so sicher gewesen, dass er in nächster Nähe zu dem großen Markt in Wallau zwischen Wiesbaden und Frankfurt und dem in Hanau gleich noch einen der gelb-blauen Märkte an den Rand der Bankenstadt in Nieder-Eschbach setzte. Das Beispiel macht Schule: Segmüller will einen ähnlich gewaltigen Möbelpalast am Bad Homburger Kreuz errichten, wie die Kette mit Zentrale in Bayern schon seit drei Jahren bei Weiterstadt betreibt. Noch ist der Plan mit Fragezeichen verbunden – doch die Skepsis der Branche ist groß, wie Frank Albrecht, Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands, berichtet. Die im Einzelhandelsgutachten ermittelte Verkaufsfläche für Möbeleinzelhandel sei längst vorhanden, argumentiert Albrecht gegen das Ansinnen Segmüllers.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Tatsächlich kann – der Mann-Mobilia-Markt in Eschborn nicht zu vergessen – die Umgebung wahrlich nicht als unterversorgt bezeichnet werden, was Möbel betrifft. Von den vier Großen der Branche würde im Fall eines Segmüller-Zuzugs im Norden Frankfurts nur mehr die Berliner Höffner-/Walther-Kette fehlen, die vor zwei Jahren beispielsweise Möbel Erbe in Hanau übernommen hat, nachdem Höffner schon 2002 die einst in Gründau Lieblos ansässige Walther AG schluckte. Der traditionelle Möbelhandel in Rhein-Main hat also längst Opfer des Preiskriegs der Großen zu beklagen. Einst etablierte Namen sind verschwunden: Im Februar dieses Jahres öffnete Helberger nach 178 Jahren zum letzten Mal, im Mai endete die hundertjährige Geschichte des Familienunternehmens Wesner in Höchst.

          So mancher Möbelhändler schweigt

          Michael Thonet vom Thonet-Forum an der Frankfurter Solmsstraße sieht die Anbieter hochklassiger Möbel und diejenigen, die sich auf die Ausstattung ganzer Objekte spezialisiert haben, nicht von den einem Segmüller-Haus im Norden Frankfurt tangiert. Er frage sich allerdings, wo Segmüller überhaupt noch einen Markt sehe, meinte er im Gespräch.

          Peter Leu, der an der Westerbachstraße in Frankfurt-Sossenheim ein Stilforum für hochklassige Möbel betreibt, weiß die Antwort: „Es ist ein reiner Verdrängungswettbewerb“. Er selbst fürchtet eine neue Segmüller-Dependance nicht, weil die in französischen, italienischen und englischen Manufakturen gefertigten Stücke, die er anbietet, gar nicht in der Menge zu haben sind, die für einen Massen-Anbieter interessant sind. Segmüller gehe es bei den Plänen für den Norden Frankfurts wohl vor allem darum, Ikea direkt Konkurrenz zu machen. Von den Bad Homburger Möbelhäusern Meiss und der ebenfalls dort ansässigen Braum Einrichtungsgruppe, die beide ein neues Möbelhaus im Norden Frankfurts besonders deutlich zu spüren bekämen, war am Dienstag ebensowenig eine Stellungnahme zu erhalten wie vom Möbelhof Orth in Butzbach.

          Segmüller würde gerne im Gewerbegebiet Am Martinszehnten bauen, wo sich außer Ikea schon die Baumarktkette Hornbach angesiedelt hat. Konkret geht es um ein Areal, das derzeit von der Golf-Range Frankfurt genutzt wird. Von heute auf morgen bauen könnte Segmüller allerdings schon aus juristischer Sicht nicht: Planungsrecht müsste erst geschaffen werden, wie Burkhard Palmowsky, persönlicher Referent von Frankfurts Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU), sagt. Zudem könnte Frankfurt nicht alleine entscheiden, ob Segmüller am gewünschten Ort bauen darf. Vielmehr müssten wie schon im Fall Ikea die Umlandkommunen gefragt werden, Regionalversammlung und Planungsverband wären am Zuge.

          Golfplatz-Betreiber will nicht verkaufen

          Zu den Chancen, Baurecht für Segmüller zu erreichen, hält sich das Dezernat Schwarz bedeckt. Es liefen interne Gespräche mit dem Möbelhändler, das Verfahren befinde sich noch in einem frühen Stadium. Auf dem Weg zum Bau eines Möbelmarktes steht eine weitere Hürde: Für die Golf-Range müsste ein anderes Gelände gefunden werden, zumal ein Teil des Areals dem Betreiber Bernhard Hess gehört. Bisher hat Hess weder von der Stadt noch von Segmüller einen Anruf erhalten. Dessen ungeachtet hat er „keinerlei Interesse“, Grund zu verkaufen, wie er dieser Zeitung sagte.

          André F. Kunz, Geschäftsführer des Bundesverbands des Möbel- und Einrichtungsfachhandels, sieht den Konzentrationsprozess auf dem Möbelmarkt noch längst nicht beendet. Die Höffner-Walther-Gruppe setze wie die österreichische Lutz-Gruppe alle Energie daran, Ikea vom ersten Platz zu verdrängen – über den Preis, aber auch durch Zukauf. Ein Kampf, bei dem kleine Häuser ohne Nische wohl kaum Chancen haben. Die Größe des Kuchens, um den es geht, scheint sich in diesem Jahr immerhin auf dem Niveau des Vorjahres zu bewegen: Der Möbelfachhandel rechnet mindestens mit den 17,5 Milliarden Euro Umsatz.

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