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Traditionsbetrieb vor dem Aus : Rechenzentrum statt Werkzeugfabrik?

Standhaft I: Beschäftigte von Günther & Co. protestieren gegen die geplante Schließung ihres Betriebs Bild: Diana Cabrera Rojas

Dem Frankfurter Werkzeugbauer Günther & Co. droht das Aus bis April 2021. Wie der Betriebsrat berichtet, gibt es schon einen Kaufinteressenten für das Betriebsgelände. Und zwar aus der lokalen Boom-Branche schlechthin.

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          Frankfurt steht vor dem Verlust eines weiteren Traditionsbetriebs aus dem produzierenden Gewerbe. Die IG Metall hegt zwar etwas Hoffnung, den schwedischen Mutterkonzern Sandik noch überzeugen zu können, die Fabrik des Werkzeugbauers Günther & Co. im Stadtteil Rödelheim nicht zu schließen. Doch hat nach Aussage des Betriebsratsvorsitzenden Thomas Diener schon ein anderes Unternehmen ein Auge auf das Betriebsgelände geworfen. Und am Mittwoch hat der Personalvorstand der Walter AG, zu der Günther zählt, abermals das Aus für den Betrieb zum April nächsten Jahres in Aussicht gestellt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Entsprechend hatte sich Walter schon am 21. Januar geäußert, zum Entsetzen der Belegschaft. Zwar haben die Arbeitnehmervertreter vorgeschlagen, die Fabrik zu verlagern und als „kleineres Frankfurt“ fortzuführen. Doch Personalvorstand Anette Skau-Fischer machte nicht den Eindruck, diesem Vorschlag folgen zu wollen. Mit ihrem Vorstoß kommen die Arbeitnehmer indes nicht nur dem Ziel von Walter und Sandvik entgegen, Kosten zu sparen.

          Datenzentrum als Nachbar

          Wenn der Betrieb an einen anderen Standort zöge, könnte das Unternehmen das Betriebsgelände an der Eschborner Landstraße verkaufen. Und dies haben Walter und Sandvik nach Aussage von Diener vor. „Es gibt einen Käufer“, sagt Diener. „Aber wer es ist, hat uns der Arbeitgeber nicht genannt, und er wird ihn uns wohl auch nicht nennen.“ 21 Millionen Euro stünden als Kaufsumme im Raum, sagt der Betriebsratsvorsitzende des Zulieferers für Auto-, Flugzeug- und Maschinenbauer. Andere Standorte des Unternehmens seien nicht so attraktiv, um sie zu versilbern, meint er.

          Der Standort von Günther & Co. darf schon mit Blick auf das Umfeld als interessant für Investoren eingestuft werden. Denn grundsätzlich mangelt es Frankfurt an Flächen für Gewerbe- und Industriebetriebe. Zudem breitet sich in der Stadt besonders eine Branche aus: Die Betreiber von Rechenzentren brauchen weitere Flächen, denn ihre Kunden fragen weitere Stellplätze für Hochleistungsrechner nach. Deshalb baut Branchenvertreter Interxion schon wieder ein Datenzentrum. Und zu den Nachbarn von Günther & Co. zählt in Gestalt von E-Shelter der größte Rechenzentrumsbetreiber in der Rhein-Main-Region. Wer vom Werkstor von Günther & Co. aus über das Betriebsgelände schaut, kann ein Datencenter hinter dem Zaun sehen. Ein paar Kilometer weiter, an der Wilhelm-Fay-Straße in Sossenheim, befindet sich auch längst einer der lokalen Hotspots dieser Boom-Branche.

          „Verschiedene Grundstücke im Blick“

          Da liegt der Schluss nahe, dass E-Shelter gerne die Gelegenheit zur weiteren Expansion in unmittelbarer Nähe seines Stammsitzes nutzen würde. Wie steht es nun mit dem Interesse an dem Areal des Werkzeugbauers? „Im Rahmen unserer Expansionsstrategie betrachten wir derzeit verschiedene Grundstücke in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet“, heißt es bei E-Shelter. Eine Anfrage an die Walter AG in dieser Angelegenheit blieb bisher ohne Antwort.

          Der Frankfurter IG-Metall-Geschäftsführer Michael Erhardt sieht dessen ungeachtet auch die Stadt im Ringen um die Zukunft der Fabrik von Günther & Co. gefordert. Sie dürfte ein Interesse daran haben, den Werkzeugbauer zu halten. Und er fragt: „Soll das hier ein Stadtteil für Rechenzentren werden?“

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