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Frankfurt : Chemiebetriebe nach Abbau nun mit Personalzuwachs

Das Rhein-Main-Gebiet ist ein starker Chemiestandort. Bild: Lucas Wahl

Clariant will nach Jahren in den roten Zahlen die lange Phase des Umbaus abschließen und verlagert seine Arbeitsplätze in der Forschung nach Höchst. Celanese sucht dagegen Fachkräfte.

          3 Min.

          Kai-Uwe Hemmerich erlebt ein völlig neues Clariant-Gefühl in diesen Wochen. Der Frankfurter Betriebsratschef des schweizerischen Chemieunternehmens musste anders als zuvor nicht schon wieder einen Sozialplan aushandeln. Waren die zurückliegenden zwölf Monate doch das erste Jahr ohne Stellenabbau bei Clariant im Industriepark Höchst seit der Jahrtausendwende. Das ist auch insofern bemerkenswert, als die Chemie- und Pharmabranche in Hessen laut Statistik 1,7 Prozent weniger Arbeitsplätze zählt als vor Jahresfrist. Da reibt sich so mancher in der Belegschaft die Augen: „Die Leute glauben noch nicht, dass wir eine ganz normale Firma werden“, berichtet Hemmerich.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Clariant will nach Jahren in den roten Zahlen die lange Phase des Umbaus abschließen. „Wir sind jetzt da, wo wir vor zwei Jahren hinwollten“, hat Vorstandschef Hariolf Kottmann gerade erst versichert. Und die Belegschaft in Höchst mit der Aussage beglückt, dort bis 2012 für 50 Millionen Euro ein Forschungszentrum zu bauen. 500 Beschäftigte sollen neue Produkte austüfteln – also etwas, das Clariant zuletzt fehlte. Und der Betriebsratschef hofft, dass die Neuentwicklungen einmal auch in der Nähe der Forschung produziert werden, also in Höchst. Dort hatte Clariant 2009 gut 160 Stellen abgebaut; derzeit beschäftigt das Unternehmen im Westen Frankfurts gut 1300 Menschen.

          „Wir haben eine deutliche Offensive über alle Geschäfte hinweg“

          Dabei wird es aber nicht bleiben. Denn Clariant will Forscherstellen vom Werk in Reinach in der Schweiz nach Höchst verlagern. Wieviele es genau sein werden, behält der Konzern noch für sich. Zudem sollen laut Betriebsratschef rund zehn Auszubildende übernommen werden.

          Mit Zahlen zu Neueinstellungen in Frankfurt-Höchst geizt auch Celanese. Gesichert ist immerhin, dass auch dieser Chemiekonzern, der 2009 noch mehr als 125 Arbeitsplätze abgebaut hatte, in Frankfurt und in Kelsterbach wieder einstellt. Ein Sprecher formuliert dies so: „Wir haben eine deutliche Offensive über alle Geschäfte hinweg.“ Dahinter steht das Ansinnen, die zuletzt in Rhein-Main rund 1500 Kräfte zählende Celanese mit Blick auf Technologie und Innovationen stärker als bisher voranzubringen und neue Produkte sowie Anwendungen am Markt zu präsentieren.

          Starke Chemiekonjunktur

          Besonders offensiv geht Celanese nach Aussage des Sprechers in den Geschäftsfeldern technische Kunststoffe, die die Tochter Ticona in Kelsterbach herstellt, und Dispersionen vor, die etwa in Farben für Wohnräume verarbeitet werden. Aber auch die Tochter Nutrinova, die Lebensmittelzusätze im Industriepark Höchst produziert, und Basischemikalienbetriebe können neue Mitarbeiter begrüßen. Dabei geht es um Fachkräfte mit Hochschulabschluss: Naturwissenschaftler, Betriebswirte und Ingenieure. Ungeachtet der strategischen Neuausrichtung hin zu Technologie und Innovation haben die Unternehmen nach der rezessionsbedingten Talfahrt wieder gut zu tun. Da gilt auch für die Clariant. „Es brummt wirklich“, hebt Betriebsrat Hemmerich hervor.

          Auch in Fechenheim spürt ein Unternehmen die wieder starke Chemiekonjunktur: „Gut, gut“, lautet kurz und knapp die Antwort von Karl-Gerhard Seifert auf die Frage, wie es der Allessa-Chemie geht. Das Unternehmen hat sogar auf die Winterpause verzichtet, so groß ist der Auftragseingang. Das tut dem Unternehmen doppelt gut. Zum einen bleiben der Allessa die Jahre 2008 und 2009 als „furchtbar“ in Erinnerung, wie Aufsichtsratchef Seifert sagt. Zum zweiten kann das weiterhin größte deutsche Chemieunternehmen Frankfurts im Juli den zehnten Jahrestag seiner Gründung feiern.

          Allessa behauptet sich

          Das ist schon deshalb etwas Besonderes, weil seinerzeit viele Branchenexperten der Allessa keine lange Überlebenszeit gegeben hatten. Allerdings haben die Beschäftigten etwa durch Lohnverzicht dazu beigetragen, das Unternehmen zu stabilisieren: Sie arbeiten 37,5 Stunden in der Woche, erhalten aber nur für 35 Stunden Geld. Zudem ist das Unternehmen um Personalabbau nicht herumgekommen und hat noch 800 Kräfte, nachdem es anfangs 1500 gewesen waren.

          Nun äußert sich Seifert „ganz optimistisch“ für 2011. Zumal es der Lohnhersteller von Spezialchemikalien geschafft hat, sich vom Hauptkunden Clariant unabhängiger zu machen: Hingen anfangs vier Fünftel des Geschäfts an den Schweizern, so sind es nun noch 35 Prozent. Denn die Allessa stellt mittlerweile eigene Produkte für Arzneien, Kosmetika und Pflanzenschutzmittel her.

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