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Nach Corona-Zwangspause : Fracht allein kann Flughafen Hahn nicht retten

Voll geladen: Ein Fünftel mehr Fracht wurde zuletzt am Flughafen Hahn im Hunsrück umgeschlagen. Bild: dpa

Nach der Corona-Zwangspause hofft der Flughafen Hahn im Hunsrück endlich auf die Rückkehr der Passagiere. Der erhoffte rettende Ansturm von chinesischen Fluggästen blieb bisher aus.

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          Es ist noch nicht lange her, da zählte man am Flughafen Hahn darauf, dass sehr bald sehr viele Chinesen im Hunsrück laden und die Verkehrszahlen mit Macht in die Höhe treiben würden. Vor allem richtete sich die Hoffnung auf die chinesische Mittelschicht, die mit dem Aufstieg Chinas zu einer globalen Wirtschaftsmacht entstanden ist und es zu Wohlstand gebracht hat. Rund 109 Millionen Chinesen etwa haben laut einer Statistik der UBS Bank ein Jahreseinkommen zwischen 50.000 und 500.000 Dollar, die chinesische Regierung kommt sogar auf 400 Millionen, allerdings bei deutlich niedrigeren Jahreseinkommen.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Von dieser Mittelschicht, wie groß sie nun auch immer sein mag, nahmen die Flughafenbetreiber im Hunsrück nun an, dass sie – wie anderswo – schon bald eine erhebliche Reiselust entwickeln würde. Angesichts der Größe Chinas ist die Hoffnung nicht unbegründet gewesen. Schließlich hat auch der chinesische Mischkonzern HNA dieses enorme touristische Wachstumspotential ausgemacht und 2017 vom Land Rheinland-Pfalz dessen 82,5 Prozent an dem defizitären Flughafen für rund 15 Millionen Euro gekauft– 17,5 Prozent hält nach wie vor das Land Hessen.

          Keine Aufnahme von touristischen Flügen

          Aber der touristische Verkehr zwischen China und dem Hunsrück lief schon vor der Covid-19-Pandemie nicht so an wie ursprünglich erwartet. Im vergangenen Jahr war noch die Rede von drei Flügen und mehr in der Woche, die von diesem Jahr an den Hunsrück mit China verbinden würden. Doch im März dieses Jahres hieß es dann knapp vom Flughafenbetreiber, dass in diesem Sommer nicht mit einer Aufnahme dieser touristischen Flüge zu rechnen sei.

          Überhaupt konnte der Flughafen Hahn schon 2019 nicht vom globalen Wachstum des Luftverkehrs profitieren, anders als beispielsweise der große Nachbar in Frankfurt. Diesem bescherte das starke Verkehrsaufkommen ein Plus von 1,5 Prozent und damit den Sprung über die Marke von 70 Millionen Passagieren im Jahr. Und das, obwohl sich im zweiten Halbjahr bereits die weltweite konjunkturelle Abkühlung massiv auf die Verkehrszahlen auswirkte.

          Aber während beim größten deutschen Flughafen ein Passagierrekord stand, bevor in diesem Jahr durch Covid-19 der Absturz ins Bodenlose folgte, sah es auf dem Hahn schon vor der Pandemie eher katastrophal aus, was die Zahl der Fluggäste betraf: Knapp 1,4 Millionen Passagiere, die der Flughafenverband ADV für den Hahn im gesamten Geschäftsjahr 2019 ausweist, bedeutete für den Konversions-Flughafen, der früher vom amerikanischen Militär genutzt wurde, ein dramatisches Minus von 30,6 Prozent. Und das ganz ohne Corona und die weltweiten Reisebeschränkungen.

          Zu Lasten des Hunsrück-Flughafens

          Das hat mit der Strategieänderung des Hauptkunden Ryanair zu tun. Die Iren wagten vor drei Jahren den Schritt an den Frankfurter Flughafen, den Airline-Chef Michael O’Leary zuvor stets als uninteressant und „viel zu teuer“ gebrandmarkt hatte. Die Strategieänderung ging klar zu Lasten des rund 120 Kilometer entfernten Hunsrück-Flughafens. Andere kleine Airlines wie Wizz, Air Serbia und neuerdings Flyone aus Moldau können die Lücke nicht schließen.

          Dass das China-Geschäft irgendwann doch noch anspringt, glaubt Christoph Goetzmann, Mitglied der Geschäftsleitung der Flughafen Frankfurt-Hahn GmbH, wohl. Aber angesichts der Pandemie und der Wochen des totalen Stillstands auch auf dem Hahn mag er keine Prognosen wagen. Hoffnung gibt dem Flughafenmanager vor allem das Frachtgeschäft, das gerade in Zeiten der Pandemie deutlich zugelegt hat. Von Januar bis Mai legte das Frachtgeschäft im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 21 Prozent auf 85.000 Tonnen zu.

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          Inzwischen hebt selbst der ebenso durch die Pandemie dramatisch getroffene Nachbar in Frankfurt hervor, dass die Frachtfliegerei brummt. Aber Fraport-Vorstandschef Stefan Schulte versäumt es nicht, im selben Moment klarzustellen, dass das Frachtgeschäft den Flughafen nicht retten kann. „Betriebswirtschaftlich hilft uns das – offen gesagt – wenig. Denn der Großteil unseres Umsatzes hängt am Passagierverkehr“, sagte er kürzlich dieser Zeitung. Auf dem Flughafen Hahn ist die Lage keine grundsätzlich andere: Denn mit Fracht lässt sich im Vergleich zur Passagierfliegerei sehr viel weniger Geld verdienen.

          Umso schwerer fällt ins Gewicht, dass man im Hunsrück auch bei einer rascheren Besserung der Lage nicht annimmt, dass es vor dem Sommer 2021 überhaupt regelmäßige China-Verbindungen geben wird. Denn das gesamte Passagiergeschäft des Flughafens ist ein rein touristisches, Business-Passagiere spielen dort praktisch keine Rolle. Anders als solche Geschäftsreisende, die schnellstmöglich eine geplante Reise nachholen wollen, verschieben Touristen den Urlaubsflug auf das nächste Jahr oder sagen ihn ganz ab.

          Erschwerend kommt Goetzmann zufolge hinzu, dass man in China sehr aufmerksam verfolgt, wie Europa mit der Pandemie umgehe. Bilder von Feiern in Innenstädten und an den einschlägigen Mittelmeer-Destinationen ohne Masken und Mindestabstände erzeugten dort größte Unsicherheit. Das wiederum sei nicht die Stimmung, die zu einem Urlaubsflug nach Europa animieren könne.

          Vergleichsweise kontinuierlich sind dagegen die Kunden des sogenannten ethnischen Verkehrs. Dabei handelt es sich wesentlich um meist Arbeitsmigranten, die ihre Familien in den Heimatregionen besuchen. Diese Klientel ist in aller Regel preissensibler als andere und scheut auch Komforteinbußen nicht. Aber auch diese Gruppe der Passagiere reicht wohl kaum, um den Flughafen Hahn in absehbarer Zeit näher an die Rentabilitätsschwelle zu bringen. Das ist deshalb besonders heikel, weil der Flughafen Hahn nach dem Reglement der EU-Kommission spätestens 2024 ohne staatliche Betriebsbeihilfen auskommen muss. Ob es angesichts der weltweiten Covid-19-Krise womöglich noch einen Aufschub gibt, ist offen. Mit oder ohne ihn muss der Flughafen Hahn also weiter auf die Touristen aus Ostasien hoffen.

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