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Wirtschaft in der Corona-Krise : „Für Hessen eine starke Belastung“

Sieht Potential an den Aktienmärkten: Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud Bild: Wolfgang Eilmes

Das Bundesland Hessen leidet in besonderer Weise unter der Krise, sagt die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, Gertrud Traud. Für 2021 sieht es aber schon wieder besser aus.

          3 Min.

          Wie geht es der hessischen Wirtschaft?

          Manfred Köhler
          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          In etwa so wie der Wirtschaft der Bundesrepublik insgesamt. Nach den vorläufigen Zahlen für das erste Halbjahr lag Hessen sogar etwas besser. Danach ist das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland um 6,6Prozent gesunken, in Hessen aber nur um 6,1 Prozent. Aber ich bin vorsichtig. In der Finanzkrise vor gut einem Jahrzehnt hieß es zunächst auch, in Hessen laufe es besser als in Deutschland insgesamt. Später wurden die Zahlen mehrfach korrigiert, und Hessen lag unter dem Durchschnitt.

          Wie kommt das?

          Für die Bundesländer liegen noch nicht alle Halbjahreszahlen in regionalisierter Form vor, manche Bereiche werden nur geschätzt. Später werden sie durch echte Zahlen, zum Beispiel aus der Umsatzsteuerstatistik, ersetzt, so dass Anpassungen bei den Zahlen des Bruttoinlandsprodukts notwendig werden.

          Warum entwickelt sich die hessische Wirtschaft Ihrer Ansicht nach derzeit schlechter als im Bund insgesamt?

          Das Argument ist immer gleich: Hessen ist stark durch Dienstleitungsunternehmen geprägt, und gerade diese sind im ersten und auch jetzt im zweiten Lockdown besonders eingeschränkt worden. In Frankfurt kommt dann noch die Lage des Flughafens und der Messe hinzu. Messen gibt es gar nicht, beim Luftverkehr ist die Erholung auch in den vergangenen Wochen nur minimal ausgefallen. Und das, während sich die Wirtschaft Deutschlands insgesamt im dritten Quartal besser erholt hat als erwartet, das Bruttoinlandsprodukt ist doch immerhin um 8,2 Prozent gewachsen. Deshalb denke ich, dass Hessen auch in diesem dritten Quartal unter dem Durchschnitt geblieben ist. Beachten Sie bitte auch, dass nach wie vor viele Beschäftigte im Homeoffice sind. Wer in gewöhnlichen Zeiten aus einem anderen Bundesland nach Hessen, etwa nach Frankfurt, einpendelt – und das sind normalerweise viele –, gibt hier auch Geld aus. Das fällt jetzt auch noch weg. Corona ist für Hessen schon eine besonders starke Belastung.

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          Wie wird sich das vierte Quartal entwickeln?

          Ich gehe nicht davon aus, dass der Einbruch so stark sein wird wie im Frühjahr, weil die Einschränkungen des Wirtschaftslebens nicht so gravierend sind. Ich erwarte für das vierte Quartal für ganz Deutschland immerhin eine schwarze Null, keinen neuerlichen Einbruch.

          Mit welcher Entwicklung rechnen Sie dann für das gesamte Jahr 2020?

          Ich erwarte einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukt um 5,0 Prozent – bereinigt um die unterschiedliche Zahl der Arbeitstage in den verschiedenen Jahren wären das 5,4 Prozent. Für die Bundesländer gibt es diese Bereinigung nicht. Das hessische Wachstum erwarten wir um einen ganzen Prozentpunkt schwächer als der Bundesdurchschnitt, also einen Rückgang um sechs Prozent.

          Und wie wird es im nächsten Jahr?

          Wenn man die Wirtschaft lässt, dann boomt sie auch wieder. Sofern es keinen dritten Lockdown gibt, hätten wir im ersten Quartal Wachstumsraten von 1,5 Prozent, im zweiten von 1,8 Prozent, und wenn es dann irgendwann einen Impfstoff geben sollte, könnte es aufs ganze Jahr gesehen ein Plus von fünf Prozent geben. Hessen sollte da auch wieder mithalten können.

          Warum das?

          Je mehr die Restriktionen greifen, desto schneller werden sich die Dienstleistungsbereiche auch wieder erholen.

          Trügt der Eindruck, oder ist die Stimmung derzeit schlechter als die Lage?

          Eingeschränkt werden derzeit vor allem die Gastronomie und die Freizeitaktivitäten. Das drückt die Stimmung in der Bevölkerung. In den industriellen Bereichen läuft die Dynamik aus dem dritten Quartal weiter. China boomt schon wieder, auch die Vereinigten Staaten laufen relativ gut, das ist gut für unsere Exporte. Und der Einzelhandel insgesamt, also den Online-Handel eingeschlossen, war in diesem Jahr nie im Minus. Der Handel profitiert von der Krise, die Leute können nicht mehr reisen, und sie geben ihr Geld deshalb anders aus. Im Möbelhandel soll es sogar extrem gut laufen.

          Was prognostizieren Sie für den Arbeitsmarkt?

          Die Arbeitslosenzahlen sind überall gestiegen, und einen gewissen Anstieg erwarten wir noch. Aber nicht mehr so wie im Sommer. Der aktuelle partielle Lockdown wird vermutlich mehr Effekte bei den Kurzarbeiterzahlen haben.

          Wäre es sinnvoll, die Senkung der Mehrwertsteuer zu verlängern?

          Diese Diskussion ist zu erwarten. Aber der Einzelhandel war ja bisher gar nicht so betroffen von der Pandemie. Wer für das vierte Quartal dieses Jahres noch etwas mehr Wachstum über den Konsum erzeugen möchte, sollte die Senkung nicht verlängern. Denn dann fielen die erwünschten Vorzieheffekte weg. Wenn hingegen die Senkung über den Jahreswechsel verlängert werden sollte, wird sie dann sicherlich nicht im Laufe des Wahljahres 2021 hochgesetzt. Und danach wiederum wird es heißen, jetzt laufe die Wirtschaft gerade wieder, da könne man doch den Aufschwung nicht durch höhere Steuern abwürgen.

          Letzter Punkt: Sehen wir derzeit Einstiegskurse an den Aktienmärkten?

          Dass zuletzt eine Korrektur kommen würde, war absehbar. Wenn unser Szenario so eintritt wie prognostiziert, wenn also im vierten Quartal die Wirtschaft nicht weiter schrumpft, dann gibt es auch für Aktien wieder Potential.

          Hessen vorn, Hessen hinten

          Wie sich die hessische Wirtschaft im bundesweiten Vergleich insgesamt schlägt, wird stets genau beobachtet. In den Jahren von 2012 bis 2019 lag fünfmal der Bund vorne, dreimal Hessen. Im ersten Halbjahr 2020 fiel das Minus des Bruttoinlandsprodukts mit 6,1 Prozent in Hessen um 0,5 Prozentpunkte niedriger aus als das in Deutschland. Das im Interview von der Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud erwähnte Phänomen, dass sich die Zahlen Hessens umso schlechter darstellen, je genauer sie werden, war für das Rezessionsjahr 2009 zu beobachten. Zu Jahresbeginn 2010 hieß es, das Bruttoinlandsprodukt sei in Hessen 2009 lediglich um 3,9Prozent geschrumpft. Einige Monate später war bei einer Revision der Zahlen von einem Minus von 4,3 Prozent die Rede. 2012 meldeten die Statistiker, der Rückgang 2009 habe 6,3 Prozent betragen, ein Jahr später wurde der Wert auf 7,3 Prozent beziffert. Schließlich legte man sich auf ein Minus von 7,6 Prozent fest, während der Bund nur 5,6 Prozent verloren hatte.

          mak.

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