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Fluglotsen : Keine Sekunde Unaufmerksamkeit erlaubt

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Viel Verkehr: Andreas Piehl darf als Fluglotse bei der Deutschen Flugsicherung maximal zwei Stunden am Stück arbeiten. Bild: Wonge Bergmann

Fluglotsen organisieren den gesamten Luftverkehr. Trotz der großen Verantwortung müssen sie in jeder Situation kühlen Kopf bewahren.

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          Andreas Piehl spricht fließend Englisch, der „th“-Laut ist bei ihm aber nie zu hören. Statt „three“ sagt er konsequent „tree“. Allerdings redet er nicht so, weil er eine schlechte Aussprache hat, sondern weil sein Arbeitgeber es von ihm verlangt. Piehl ist Fluglotse bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) und kommuniziert aus der Kontrollzentrale in Langen über Funk mit Piloten aus der ganzen Welt. „Unser Englisch ist speziell“, sagt er lachend. Alle Laute und Worte die missverstanden werden können, dürfen die Lotsen nicht benutzen. So ist das auch mit dem „th“-Laut. Der könne leicht überhört werden und die Piloten verwirren. Die Zahl neun heißt auf Lotsensprache „neiner“.

          Das Fliegen habe ihn schon immer fasziniert, sagt der 26 Jahre alte Piehl. Nach seinem Abitur im März 2010 wollte er sich eigentlich zum Piloten ausbilden lassen. Doch die Zeit bis zum nächsten Ausbildungsstart war lang. Zufällig erzählte ihm sein Vater damals vom Beruf des Fluglotsen, und Piehl bewarb sich spontan für die Ausbildung bei der Deutschen Flugsicherung. Gemeinsam mit seinen Mitbewerbern wurde er zwei Tage lang getestet: auf seine visuelle und akustische Aufmerksamkeit, auf seine Reaktion auf Stress, auf seine Belastbarkeit.

          Fluglotsen werden ausschließlich nach Bedarf ausgebildet

          Piehl überzeugte und kam in die nächste Runde. In der zweiten Testphase musste er seine Teamfähigkeit beweisen. Zudem untersuchte ein Mediziner seine Seh- und Hörfähigkeit. Danach gehörte er zu den fünf Prozent der Bewerber, die eine Ausbildung beginnen durften. Eineinhalb Jahre lang lernte er gemeinsam mit 15 anderen Auszubildenden zunächst die Theorie des Lotsenberufs und später anhand realistischer Simulationen all das, was er nun für den Arbeitsalltag braucht.

          Die Ausbildung der DFS findet an der Akademie in Langen statt, dort werden sowohl Tower- als auch Centerlotsen ausgebildet. Während die Towerlotsen der Flugsicherung an den 16 internationalen Flughäfen des Landes die Start- und Landefreigaben sowie die Bewegung der Flugzeuge am Boden koordinieren, kümmern sich die Centerlotsen in einem der vier Kontrollzentren um die Bewegung der Maschinen in der Luft. Fluglotsen werden ausschließlich nach Bedarf ausgebildet. Der spätere Einsatzort wird schon während der Ausbildung festgelegt, so dass sich die Lotsen auf einen bestimmten Luftraum spezialisieren können. Piehl hatte Glück, ihm wurde sein Wunscharbeitsplatz als Centerlotse für den Sektor „Approach Frankfurt“ zugeteilt. Dementsprechend kümmert er sich um alle Flugzeuge, die im Landeanflug Richtung Frankfurter Flughafen sind.

          Insgesamt hat die Deutsche Flugsicherung 5400 Mitarbeiter, 2200 davon sind Fluglotsen. Die Kontrollzentrale in Langen ist die Arbeitsstätte von 650 Fluglotsen, ungefähr 90 davon arbeiten tagsüber zur gleichen Zeit. Der Sektor „Approach Frankfurt“ wird von sechs Lotsen gleichzeitig überwacht.

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          Zu jedem Zeitpunkt muss in diesem Beruf höchste Konzentration herrschen, spätestens nach zwei Stunden werden die Lotsen von Kollegen abgelöst und haben eine Stunde Pause. Auf dem Campus in Langen können sie währenddessen ein Fitnessstudio nutzen, sich im Ruheraum erholen und in der Cafeteria etwas essen.

          Mix aus Konzentration und Entspannung im Arbeitsalltag

          In seinem Sektor sei immer viel Verkehr, sagt Piehl. Manchmal müsse er sich um über zehn Flugzeuge gleichzeitig kümmern und die Landungen koordinieren. Jede Entscheidung muss so schnell wie möglich getroffen werden und trotzdem gut durchdacht sein. Damit ein Lotse nicht allein die volle Verantwortung für die Flugzeuge tragen muss, arbeitet er immer in einem Zweierteam. Ein Kollege übernimmt die Aufgaben des sogenannten Radarlotsen und ist über Funk mit den Piloten in Kontakt. Der andere arbeitet als Koordinationslotse. Er plant die Landungen und unterstützt den Radarlotsen, wenn schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen.

          Alle Lotsen arbeiten abwechselnd auf beiden Positionen. Nur die zu überwachenden Sektoren werden niemals getauscht. Jeder Luftraum habe spezielle Tücken, mit denen nur die dafür ausgebildete Person vertraut sei, sagt Piehl. Ausnahmen von dieser Regel gebe es nicht.

          Vor allem in brenzligen Situationen sei es von Vorteil, eine Entscheidung nicht allein treffen zu müssen, sagt Piehl. Bisher hat er erst eine Notsituation erlebt. Ein Flug von Kairo nach München musste aufgrund von Schneefall in Frankfurt landen. Doch am dortigen Flughafen war viel Verkehr, das Flugzeug kam in die Warteschleife. Irgendwann habe er „Mayday“ Rufe aus dem Cockpit erhalten. Dem Flugzeug sei das Benzin knapp geworden. „Da war mir schon ein wenig komisch zumute“, erzählt der junge Mann. Zum Glück habe ein erfahrener Kollege neben ihm gesessen. Gemeinsam konnten sie das Flugzeug sicher auf die Erde lotsen. Angst, etwas falsch zu machen, habe er nie, sagt Piehl. Vielmehr sporne ihn die große Verantwortung an, sich noch besser zu konzentrieren.

          „Für mich ist es der Traumjob“, sagt der junge Mann. Er genießt den Mix aus Konzentration und Entspannung im Arbeitsalltag. Auch das fixe Arbeitsumfeld, die Arbeitssicherheit und die gute Bezahlung sprächen für den Beruf. Lotsen werden nach Auslastung des Einsatzgebietes bezahlt, ein Lotse im Tower des Dresdner Flughafens verdient nicht so viel wie Piehl, der mit dem Sektor „Approach Frankfurt“ einen Luftraum mit hohem Verkehrsaufkommen überwacht. Doch jeder Lotse verdiene mindestens 100000 Euro im Jahr, sagt DFS-Sprecherin Kristina Kelek. Das sei auch richtig so. Schließlich sei die Leistung, die jeder einzelne Lotse jeden Tag erbringe, kaum hoch genug zu bewerten.

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