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Flughafenausbau : Ticona muß mit Auflagen rechnen

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Ein Absturz ist unwahrscheinlich Bild: dpa

Beruhigende Nachrichten für die Befürworter des Flughafenausbaus: Einem neuen Gutachten zufolge ist statistisch nur alle 61400 Jahre mit einem Absturz auf das Ticona-Chemiewerk in der Einflugschneise zu rechnen.

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          Die Auseinandersetzung, wie gefährlich die Nachbarschaft des Frankfurter Flughafens und des Chemiewerks Ticona in Kelsterbach sei, ist um eine Zahl reicher: Statistisch alle 61400 Jahre sei mit einem Flugzeugabsturz zu rechnen, der einen Störfall bei Ticona auslöse, lautet das Ergebnis eines Gutachtens des TÜV Rheinland-Pfalz.

          Der Verfasser und Fachleute des Regierungspräsidiums stellten am Donnerstag im Umweltausschuß des Landtags die Expertise vor. Unterdessen wurde bekannt, daß der Flughafenbetreiber Fraport und die Konzernmutter von Ticona, die Celanese AG, darüber verhandeln, wie die Folgen eines Absturzes beim Anflug auf die geplante Landebahn zu reduzieren seien.

          „Totalverlust“ nicht ausgeschlossen

          Die Ausbaupläne des Flughafens waren allerdings nur mittelbar Anlaß zu dem Gutachten gewesen. Nachdem die Störfall-Kommission Anfang des vergangenen Jahres nicht nur das Risiko eines Absturzes auf Ticona nach dem Bau einer Landebahn in der Nordwest-Variante als unakzeptabel hoch eingestuft, sondern auch starke Bedenken gegen die „Ist-Situation“ mit jährlich rund 58000 Flügen über das Chemiewerk geäußert hatte, erteilte das Umweltministerium den Auftrag an den TÜV Pfalz. Dieser hatte auch schon im Auftrag des Wirtschaftsministeriums die stark voneinander abweichenden Expertisen zur Sicherheitslage im Falle einer Nordwest-Landebahn bewertet.

          Unter ungünstigen Bedingungen müsse mit zahlreichen Toten und Verletzten sowie einem „Totalverlust“ des Werks gerechnet werden, heißt es in dem am Donnerstag den Landtagsabgeordneten präsentierten Papier. Zugleich wurde als „wichtig“ hervorgehoben, daß die „Bevölkerung und die Verkehrsteilnehmer außerhalb des Betriebsgeländes (von Ticona) durch einen derartigen Störfall nicht gefährdet werden“.

          Weitere Vorkehrungen verlangt

          Für das Regierungspräsidium Darmstadt ist die genannte „Eintrittswahrscheinlichkeit“ ein Anlaß, von der Chemiefirma Ticona, deren Betrieb etwa 3,5 Kilometer westlich des Flughafens zwischen Raunheim und Kelsterbach an der Autobahn3 liegt, weitere Vorkehrungen zu verlangen; Ticona hat schon vor geraumer Zeit beantragt, die Produktion ausweiten zu dürfen. Dabei denkt die Behörde vorrangig daran, mehr Personal aus der Gefahrenzone zu bringen, betriebliche Einrichtungen zu verlagern oder die Lagermenge gefährlicher Stoffe zu verringern.

          Ticona produziert in Kelsterbach Polyacetal-Granulat (Handelsname Hostaform). Dieser technische Kunststoff wird unter anderem zur Herstellung von Haushaltsgeräten, in der Autoindustrie und im Flugzeugbau verwandt. Ausgangsstoff ist Methanol. Als Zwischenprodukte fallen Formaldehyd, Trioxan und Dioxalan an. Schon vor einigen Wochen hatte Ticona, gleichsam Forderungen des Ministeriums vorgreifend, die Lagerstätte für das stark giftige Bortrifluorid eingebunkert.

          Sicherere Abflugsroute gefordert

          Die Grünen-Landtagsfraktion fand im Anschluß an die Ausschußsitzung vor allem den Hinweis des Gutachters bemerkenswert, wonach sich das Absturzrisiko auf das Ticona-Werk um „fast das Hunderttausendfache“ verringern ließe, wenn die startenden Flugzeuge jenen größeren Schwenk nach Süden vollziehen würden, der vor der Neufestlegung der Abflugrouten 1991 üblich gewesen sei. Damals überflogen deswegen erheblich weniger Flugzeuge das Ticona-Gelände. Auch die Experten des Regierungspräsidiums halten die Routen für eine „wichtige Variable“, denn deren Einfluß auf die Gefährdung sei stark.

          Der FDP-Abgeordnete und frühere Wirtschaftsminister Dieter Posch zog aus dem Gutachten den Schluß, daß „das Ticona-Problem weiter einer Lösung harrt“. Die Liberalen hätten als erste darauf hingewiesen, daß die Seveso-II-Richtlinie auch in diesem Fall zu beachten sei. Nach dem neuen Gutachten ist aus Sicht Poschs „klar, daß der Ausbau des Flughafens und Nachbesserungen beziehungsweise sicherheitserhöhende Maßnahmen bei Ticona einander bedingen“.

          Fraport zeigt sich optimistisch

          Laut Manfred Schölch, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Fraport AG, sind die Verhandlungen mit Celanese darüber, welche Vorkehrungen in dem Chemiewerk notwendig und von wem sie zu finanzieren sind, nach wie vor in Gang, gestalten sich jedoch schwierig. Das Votum der Störfallkommission beim Bundesumweltministerium hält Schölch weiterhin für unvereinbar mit dem Stand aktueller wissenschaftlicher und technischer Erkenntnisse. Schölch, im Vorstand für den Ausbau zuständig, ist der Ansicht, sein Unternehmen gehe in einer der zentralen Fragen mit den besseren Argumenten in den Erörterungstermin. Der wird voraussichtlich am 12.September in Offenbach beginnen.

          Den Ausbau sieht Schölch durch ein verschärftes Fluglärmgesetz, wie es vom Bundesumweltministerium ins Kabinett eingebracht wurde, nicht gefährdet. Selbst wenn die Vorstellungen noch im laufenden Planfeststellungsverfahren Gesetz würden, müßte laut Schölch dieses nicht neu aufgerollt werden, weil man in der Frage, welche Anrainer belastet seien, sehr weiträumig Untersuchungen in Auftrag gegeben habe. Allerdings entstünden durch strengere Auflagen zum Lärmschutz, sollte sich Umweltminister Jürgen Trittin (Die Grünen) durchsetzen, für den Frankfurter Flughafen Mehrkosten bis zu 350 Millionen Euro, die letztlich die Passagiere zu tragen hätten.

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