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Frankfurt : Finanzplatz profitiert international – und verliert Jobs

Verliert Arbeitsplätze, aber nicht viele: das Frankfurter Bankenviertel Bild: Röth, Frank

Der Finanzplatz Frankfurt gewinnt international mit der Ansiedlung der europäischen Bankenaufsicht und des Renminbi-Handelszentrums. Doch die krisenbedingte Konsolidierung fordert ihren Tribut.

          Der Finanzplatz Frankfurt wird Ende 2016 noch etwas mehr als 60.000 Beschäftigte zählen. Das wären 1300 Stellen weniger als zu Beginn dieses Jahres. Das ist ein Ergebnis einer Studie, die die Landesbank Hessen-Thüringen gestern vorgelegt hat. Die zweite zentrale Aussage der Untersuchung ist allerdings dann schon eine positive: Der Finanzplatz hat mit der Ansiedlung der europäischen Bankenaufsicht und des Handelszentrums für den chinesischen Renminbi im Wettbewerb mit den Finanzplätzen London und Paris an Attraktivität gewonnen.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Allerdings ist die Lage der Kreditinstitute in Deutschland insgesamt der Studie nach derzeit durch zwei Schwierigkeiten gekennzeichnet: Einerseits zwingen die Vorgaben Banken dazu, ihr Eigenkapital aufzustocken und die Risiken in den Büchern zu reduzieren. Beides soll die Institute robuster und transparenter machen. Andererseits machen es die nach wie vor niedrigen Zinsen den Banken schwer, Gewinne in der früheren Höhe zu erwirtschaften.

          Frankfurt für internationale Finanzinstitute immer beliebter

          Abgesehen davon, klagen die Kreditinstitute auch darüber, dass die Regulierung, die das Risiko vor allem für den Staat und damit für den Steuerzahler reduzieren soll, in den Instituten die Kosten steigere. Aus diesen Gründen sieht Ulrike Bischoff, die die Untersuchung verfasst hat, die deutschen Banken und damit den Finanzplatz Frankfurt mindestens in den nächsten beiden Jahren weiter unter Konsolidierungsdruck.

          Zugleich diagnostiziert die Helaba eine auch international steigende Attraktivität Frankfurts für Finanzinstitute aus aller Welt. Nachdem es zunächst zwischen 2008 und 2010 eine Delle gegeben habe, sei die Zahl der Banken in Frankfurt seither wieder gestiegen auf heute 193 Hauptsitze von Geldinstituten, gut drei Viertel davon aus dem Ausland. Die Repräsentanzen hinzugerechnet, kommt die Helaba auf derzeit alles in allem 186 Auslandsbanken in Frankfurt.

          Dass die Zahl der Banken in Frankfurt zulegt, ist nach Ansicht der Autorin der Studie deshalb besonders bemerkenswert, weil die Zahl der Banken in der Eurozone seit 1999 um fast ein Drittel zurückgegangen ist auf gut 6500 – bei gleichzeitiger Ausweitung des Währungsgebietes. In Deutschland ist in diesem Zeitraum die Zahl der Banken sogar noch deutlicher, nämlich um 40 Prozent, gesunken. Allerdings war der Bestand auch höher.

          Konsolidierung in Frankfurt eher moderat

          Alles in allem waren demnach in Deutschland zuletzt rund 1800 Geldinstitute ansässig, in Großbritannien nicht einmal mehr 400, in Frankreich noch gut 900. Nun zählt die Helaba in Deutschland rund 650.000, in Großbritannien 420.000 und in Frankreich 415.000 Beschäftigte bei Kreditinstituten.

          Zugleich weist die Studie darauf hin, dass sich die Beschäftigung am Finanzplatz Frankfurt nicht parallel zur Branche im übrigen Deutschland entwickelt. Die Entwicklung hier spiegele sehr viel ausgeprägter die jeweilige Lage der Branche wider. So seien etwa in Frankfurt in der Bankenkrise zwischen 2008 und 2010 rund vier Prozent der Stellen in den Bankentürmen weggefallen. Deutschlandweit habe die Branche im selben Zeitraum lediglich drei Prozent verloren.

          Alles in allem, so heißt es in der Studie weiter, vollziehe sich die Konsolidierung der Branche in Frankfurt trotzdem moderat. So habe es hier Ende vergangenen Jahres lediglich 2300 Branchenarbeitsplätze weniger gegeben als Ende 2008. Das sei „eine überschaubare Konsolidierung gerade angesichts der Intensität der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise“, resümiert die Studie, warnt aber zugleich, dass dieser Prozess noch nicht abgeschlossen sei. So passten nach wie vor Banken ihre Personalkapazitäten der schwierigen Lage an. Sie bauten also Stellen ab. Zudem führe die Tendenz weg von den Filialen hin zum Online-Banking und zu Dependancen ohne Personal zusätzlich zum Abbau von Beschäftigung.

          Allerdings kommt Frankfurt der EZB-Sondereffekt zugute, nämlich der Ausbau der Zentralbank zum obersten Aufsichtsorgan für die Banken in ganz Europa. Die rund 1000 Neueinstellungen, mit denen man zu Beginn dieses Jahres begonnen hat, seien nahezu abgeschlossen, heißt es in der Studie. Da ein großer Teil dieser neuen EZB-Mitarbeiter aus den nationalen Aufsichtsbehörden stamme, sei nun beispielsweise bei der Deutschen Bundesbank in Frankfurt neuer Personalbedarf entstanden, der bislang noch nicht wieder gedeckt sei.

          Trotzdem sieht die Studie den Anteil der Banken an der Beschäftigung in Frankfurt weiter zurückgehen von derzeit zwölf auf elf Prozent. Auch daran zeige sich, dass Frankfurt nicht allein von seinem Finanzsektor lebe.

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