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Kuchen- und Pralinenmarkt : Familienbetriebe auf neuen Wegen

Das Alte Café Schneider wechselt den Besitzer Bild: F.A.Z. - Michael Hauri

Alteingesessene Geschäfte schließen oder wechseln den Besitzer, neue Läden eröffnen. Die Beispiele Altes Café Schneider, Weigand und Opitz zeigen: Der Kuchen- und Pralinenmarkt in Frankfurt ist in Bewegung.

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          Nichts ist so beständig wie der Wandel, heißt es, auch in der Gastronomie ist es so. Als Anfang der Woche bekannt wurde, dass das Alte Café Schneider in Frankfurt verkauft ist, wähnte mancher schon ein neues Kapitel aufgeschlagen in dem Buch, das vom traurigen Sterben der Traditionshäuser handelt, von Verdrängung durch Coffeeshops.

          Jacqueline Vogt
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch der Fall Schneider liegt anders, die Weiterführung des Betriebs als Familienunternehmen wie seit 1906 scheitert daran, dass es keinen Nachfolger gibt, der das Geschäft übernehmen möchte. Aus demselbem Grund schließt Ende dieses Monats eine andere Frankfurter Konditorei für immer die Türen; ein Betrieb aus Niederrad hingegen hat in der Innenstadt eine Verkaufsfiliale neu eröffnet.

          Verkauf an die Wiener's-Kette

          Das Café Wipra mit seinen Tieren, das Café Schwille, das Café Kranzler – all diese Namen sind in Frankfurt längst Geschichte. Wie ein Fels stand immer das Alte Café Schneider an der Kaiserstraße, berühmt für seine Bethmännnchen und die Tausendblättertorte, die Apfelweincreme und die Himbeermousse, das hausgemachte Eis, den Russischen Zupfkuchen, die Prinzregententorte. Das meiste wird es auch weiterhin geben. Denn Inhaberin Brigitte Herbers hat an die in München ansässige Wiener’s-Kette verkauft, und deren Inhaber will die Produktion erhalten. Wiener’s ist heute Franchisegeber für bundesweit neun Lokale, eines davon in Frankfurt an der Goethestraße.

          Das Interieur bleibt nicht erhalten
          Das Interieur bleibt nicht erhalten : Bild: F.A.Z. - Michael Hauri

          Das Alte Café Schneider, das Wiener’s-Inhaber Franz Kaiser zum 1. September erworben hat, wäre sein zehnter Betrieb. Branchenkenner munkeln, dass Kaiser den Standort an der Goethestraße womöglich räume, und nähren den Verdacht aus der Tatsache, dass dem Wiener’s gegenüber im vergangenen Jahr eine „Nespresso-Boutique-Bar“ eröffnet wurde.

          Dieses Konzept des Nestlé-Konzerns ist eine Lounge mit Kaffee, Drinks und kleinen Speisen im Angebot sowie der Möglichkeit, Kaffeemaschinen und die für sie passenden Einmal-Portionen zu kaufen, die in Aluminiumkapseln verpackt sind. „Unsinn, wir gehen nicht von der Goethestraße“, kommentiert Wiener’s-Chef Kaiser die Umzugsgerüchte. In Frankfurt („Hier wird unser Konzept sehr gut verstanden“) werde im Gegenteil expandiert: Für einen dritten Betrieb, ebenfalls in der Innenstadt, seien die Vertragsverhandlungen abgeschlossen.

          Konditorei Weigand schließt

          Kaiser, der nach eigenen Worten mehr als eine halbe Million Euro in die Umgestaltung des „Schneider“ investiert, wird den Konditoreibetrieb dort nicht nur weiterführen, sondern ausbauen. „Soweit das logistisch möglich ist, werden wir einen Teil unserer Betriebe von hier aus beliefern. Und wir denken auch daran, für andere zu produzieren“, sagt er. Anderen Interessenten hatte Brigitte Herbers stets den Erhalt der Kuchen- und Tortenküche („das Herzstück des Betriebs“) zur Auflage gemacht. An diesem Punkt waren frühere Verkaufsverhandlungen gescheitert.

          Die Wiener’s-Lokale, eine Mischform aus Coffeeshop und Café in modernem Design, haben ein hochwertiges Angebot österreichischer Prägung; ein Programm, dem Kaiser wachsende Wertschätzung vorhersagt. „Die Zeit ist reif dafür, dass der deutsche Konsument der Coffeeshops überdrüssig ist“, sagt er. Dass unmittelbar neben dem Alten Café Schneider vor gut anderthalb Jahrten eine – stets gut besuchte – „World Coffee“-Filiale eingerichtet wurde, störe ihn nicht. Brigitte Herbers sagt, diese Eröffnung habe ihren Umsatz nur wenig beeinflusst.

          Während Herbers’ Kunden in Zukunft zwar auf das ihnen liebgewordene Café-Interieur, nicht aber auf das Sortiment und vorerst auch nicht auf den Anblick der Chefin verzichten müssen (über einen Beratervertrag bleibt sie dem Haus noch drei Jahre verbunden), sieht das am Oeder Weg anders aus. Dort zieht in zwei Wochen die Konditorei Weigand aus, unwiderruflich, aus Altersgründen, wie Inhaberin Gisela Weigand sagt. Fast 60 Jahre war die Firma in Familienbesitz, jetzt wollen die Inhaber kürzertreten. Auch dort kein Nachfolger: Weigands Tochter ist Biologin.

          Chocolaterie am Großen Hirschgraben

          So stimmt, ähnlich wie beim Alten Café Schneider, das Ende einer Ära den einen oder anderen zwar wehmütig, doch heißt das nicht, dass süße Qualitätsware gar keinen Markt mehr habe. Jochen Opitz zum Beispiel, Konditor und Spross einer Konditorenfamilie aus Niederrad, hat Anfang des Monats am Großen Hirschgraben eine Chocolaterie aufgemacht, in der er auch Kuchen, Pralinen sowie Champagner eines Betriebs ebenfalls im erweiterten Familienbesitz anbietet (das Weingut gehört seiner Tante). „Es läuft gut an“, sagt er.

          Nachdem so viele Konditoreien „gestorben“ seien, sei Platz für neue Angebote vorhanden. Opitz, dessen Spezialität ein duftiger Schololadenkuchen ist, verkauft in seinem Geschäft schräg gegenüber dem Goethe-Haus eine Backwarenauswahl, die am Opitz-Stammsitz produziert wird, und hat sich daneben auf das Beliefern spezialisiert.

          Das schicke Szenelokal Walden, das seinem Laden direkt gegenüber ist, zählt zu seinen Kunden genauso wie die neueröffnete Gerbermühle. In der Innenstadt, sagt Opitz, der auch als Betriebswirt ausgebildet ist, gebe es „zu wenig Läden“, die für Individualanbieter geeignet seien und nicht horrend teuer vermietet würden. An Ideen hingegen fehle es nicht. Sein Plan für die nahe Zukunft ist es, ein „Kuchen-Catering“ aufzubauen, um die Firmenkapazitäten in Niederrad optimal nutzen zu lassen.

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