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„Fair Finance Week“ : Der lange Hebel der Finanzwirtschaft

Nachhaltigkeit könnte der Schlüssel sein: Es gelte aus der Pandemie Lehren für die Zukunft ziehen, mahnt Philipp Nimmermann, Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium. Bild: dpa

Lehren aus der Krise: Auf der „Fair Finance Week“ wird der Einfluss der Banken auf Nachhaltigkeit diskutiert – als Schlüssel dafür, wie sich Gesellschaft und Wirtschaft künftig besser gegen Risiken wappnen können.

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          Die Erkenntnis mag banal klingen und manchem angesichts der Auswirkungen der Corona-Pandemie auch zynisch erscheinen: Doch in der Wirtschaft hat sich immer wieder gezeigt, dass Krisen auch dafür gesorgt haben, dass aus ihnen Lehren gezogen und Systeme verbessert wurden. Jüngstes Beispiel dafür ist die weltweite Finanzkrise 2008. Sie hatte ihren Ursprung in einem verzweigten Bankennetz und in zu schwachen Regeln. Die Krise traf die Weltwirtschaft ins Mark, doch seitdem hat sich einiges getan: So müssen Banken deutlich mehr Eigenkapital vorweisen, mit dem sie in Krisen Verluste abpuffern können. Die Aufsicht ist strenger, marode Banken können nach einem festen Regelwerk abgewickelt werden.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Philipp Nimmermann glaubt, dass der Umgang mit der Finanzkrise auch bei der Bewältigung der Corona-Folgen helfen kann. Nimmermann ist Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium und sagte am Montag bei der Eröffnung der „Fair Finance Week“, seit der Krise hätten die Finanzmärkte gelernt, mit komplexen Risiken besser umzugehen, sei es mit Blick auf Liquidität und Eigenkapital, sei es mit Blick auf Klimarisiken. Heute, wünscht sich Nimmermann, könnten die Banken dieses Wissen nutzen, um mit der Realwirtschaft auszutarieren, wie man künftig mit Risiken, etwa hervorgerufen durch eine Pandemie, umgehen könne.

          Der Schlüssel dazu könnte die Nachhaltigkeit sein, glaubt der Staatssekretär, „sie ist das breiteste Konzept, um unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft widerstandsfähiger zu machen“. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass Nachhaltigkeit als ganzheitlicher Ansatz mit seinen wirtschaftlichen, klimatischen und sozialen Aspekten helfen kann, um für künftige Krisen besser gewappnet zu sein. „Auf einmal reden wir in der Corona-Krise wieder über Lieferketten, über Arbeitsbedingungen in Fleischfabriken, über Flexibilität und über Homeoffice.“ All diese Aspekte könnten mit nachhaltiger Unternehmensführung geregelt werden, sagte Nimmermann.

          Gegenstück zur Kongressreihe „Euro Finance Week“

          Die Fair Finance Week versteht sich als Gegenstück zur Kongressreihe „Euro Finance Week“, die nächste Woche in Frankfurt stattfindet. Wobei: Längst zeigt sich, dass auch die etablierten Banken sich zunehmend des Themas Nachhaltigkeit annehmen. Im Kampf gegen die Klimakrise und für das Erreichen der UN-Nachhaltigkeitsziele wird bei fünf Diskussionsrunden der Fair Finance Week diskutiert, welchen Beitrag die Finanzbranche dabei leisten kann. „Der Hebel der Finanzwirtschaft ist groß, wenn sie die Realwirtschaft bei der Transformation zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft begleitet“, glaubt Georg Schürmann, Geschäftsleiter bei der Triodos Bank, die sich als Nachhaltigkeitsbank versteht. Banken müssten ihre Kunden aktiv begleiten und dabei unterstützen, sich möglichst nachhaltig aufzustellen. „So werden gleichzeitig die Wettbewerbs- und Widerstandsfähigkeit der finanzierten Unternehmen gestärkt wie auch die Nachhaltigkeits- und Ausfallrisiken bei den Banken reduziert“, sagt Schürmann. Sprich: Weil Geschäftsmodelle, die zum Beispiel nicht klimafreundlich sind oder nicht den Grundsätzen moderner Unternehmensführung entsprechen, künftig nicht mehr funktionieren könnten, müssen Banken ein Interesse haben, ihre Kunden dazu zu bringen, nachhaltige Wege zu gehen.

          Das Gleiche gilt für Investments, sowohl durch Finanzakteure als auch durch Kleinanleger, wenngleich viele Anleger immer noch davon ausgehen, dass sich nachhaltige Geldanlagen und hohe Renditeerwartungen gegenseitig ausschließen, obwohl zahlreiche Studien mittlerweile das Gegenteil belegt haben. Dass viele Menschen sich dessen nicht bewusst sind, ist ein großes Problem, sagt Frank Pierschel, der bei der Finanzaufsicht Bafin für Nachhaltigkeitsrisiken verantwortlich ist. „Es kann doch nicht sein, dass Menschen weder über die realen Klimabedrohungen noch über die finanziellen Produkte informiert sind, die dazu beitragen können, Klimaziele zu erreichen“, kritisiert Pierschel. Es sei deshalb an der Zeit, in Finanzbildung zu investieren, um diesen Zustand zu ändern, fordert er.

          Von Verbraucherseite wächst derweil der Druck auf die Finanzindustrie. Studien zeigen, dass immer mehr Kunden erwarten, für Investitionen von ihrer Bank neben finanziellen auch soziale Renditen zu erhalten, weil gezielt Branchen wie die Kohleindustrie in der Geldanlage ausgespart werden. „Mit Finanzentscheidungen gestalten wir die Zukunft“, sagt Silvia Winkler, Geschäftsführerin der genossenschaftlich organisierten Nachhaltigkeitsbank Oikocredit für Hessen. Und Frank Pierschel glaubt, dass schon heute nachhaltige Investments im Vorteil sind: „Jeder Euro, der heute nicht in Nachhaltigkeit investiert wird, wird in zehn bis 15 Jahren verloren sein.“

          Veranstaltet wird die Fair Finance Week von einem Netzwerk an Unternehmen, zu dem die Evangelische Bank, die GLS Bank, die Triodos Bank und Oikocredit Hessen-Pfalz gehören. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen finden sich unter www.fair-finance-frankfurt.de.

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