https://www.faz.net/-gzg-6kkzp

Fachmesse Automechanika : Weniger Autohändler, weniger Werkstätten

Was fehlt? Richtig, das Lenkrad. Ein Aussteller zeigt auf der Fachmesse Automechanika, die heute beginnt, dass sich ein Fahrzeug auch mit Joystick lenken ließe. Bild: Jens Gyarmaty

Am Dienstag beginnt die Fachmesse Automechanika. In Frankfurt trifft sich dort eine Branche im Umbruch.

          3 Min.

          Für die GVO GmbH ist das Warten noch nicht vorbei. Seit Februar ist das Autohaus im Insolvenzverfahren, zum zweiten Mal binnen vier Jahren. GVO – das sagt nicht jedem etwas. Es ist der neue Name für eines der traditionsreichsten Frankfurter Autohäuser, das über Jahrzehnte als Georg von Opel GmbH firmierte. Der Enkel des legendären Adam Opel hatte nicht nur einen Zoo in Kronberg, sondern bereits 1936 auch die Unternehmensgruppe gegründet. Sechs Geschäfte zählen zum Nachfolgeunternehmen, das im Zuge der Sanierung nach der ersten Insolvenz 2006 entstand und nun abermals in Schwierigkeiten steckt – diesmal als Tochtergesellschaft der Berliner MAG-Metz-Gruppe, die in Nord- und Westdeutschland Autohäuser betreibt und im Frühjahr Insolvenz anmeldete. Seitdem führt der Insolvenzverwalter die Geschäfte auch von GVO fort.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Keine einfache Zeit für die Beschäftigten und doch nichts Außergewöhnliches in der Branche, die nach den Worten von Jürgen Karpinski, Präsident des hessischen Landesverbands des deutschen Kraftfahrzeuggewerbes, im Umbruch ist. „Wir haben ein Strukturproblem“, sagt Karpinski. Nach wie vor gebe es zu viele Betriebe – und zu viele veraltete. Schon in den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Kraftfahrzeugbetriebe in Frankfurt um ungefähr ein Zehntel gesunken, auf jetzt noch etwa 400. Doch werde der Schrumpfungsprozess weitergehen. „Es wird sicherlich noch eine weitere Konsolidierung geben.“ Der Branchenkenner sagt ein abermaliges Schrumpfen der Zahl der Betriebe um ein Zehntel voraus.

          Nie von oben herab - vor allem nicht zu Frauen

          Eine stagnierende Zahl an Autos, ausgereifte Modelle mit weniger Reparaturen als früher, größere Wartungsintervalle – all dies macht den Werkstätten zu schaffen. Der Neuwagenverkauf wiederum leidet unter Rabattschlachten. Von einer „Zeitenwende im Automobilservice“ spricht gar Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft in Geislingen. „Das Servicegeschäft stößt an Wachstumsgrenzen“, sagt er. Zudem machten Ketten wie ATU den Vertragshändlern mit ihren Werkstätten Konkurrenz – etwa mit Paketpreisen für Inspektion, Radwechsel und Urlaubs-Check. Diez kann sich sogar Rabattschlachten, wie man sie bisher nur vom Neuwagenverkauf kennt, künftig auch bei Wartung und Reparaturen vorstellen. Notwendig seien daher Innovationen, um sich von der Konkurrenz abzusetzen. Wenn er über die Zukunft des Werkstattgeschäfts spricht, fällt er in einen Jargon, wie man ihn sonst von Bankern und Werbeleuten kennt: Die Gutbetuchten wollten einen „Premium Service Provider“, die jungen Leute ein „Mobility Service Outlet“, die Preisbewussten einen „Service Discounter“.

          Solche Begriffe verwendet Karpinski nicht, aber das es auf Service ankommt, muss man ihm nicht mehr beibringen. Das von ihm geführte Autohaus Schmitt mit vier Geschäften in Frankfurt und Idstein wirbt damit, dass Kunden abgeholt und nach Hause gebracht werden und sich einen Mietwagen leihen können. Auch Innenreinigung und Pannenkurse zählen zum Angebot. Und nie von oben herab mit den Kunden sprechen, sagt Karpinski. Vor allem nicht mit Frauen.

          Die Abwrackprämie ist Geschichte

          Der Konzentrationsprozess in der Branche wird in dieser Woche ein Hauptthema auf der Fachmesse Automechanika sein, die heute in Frankfurt eröffnet. Sie hat nicht den Glanz der Internationalen Automobil-Ausstellung, mit der sie im jährlichen Wechsel stattfindet. Doch für jemanden wie Karpinski ist sie ungleich wichtiger: „Da holen wir unsere Innovationen her.“ Annähernd 4500 Unternehmen aus 76 Ländern zeigen ihre Produkte für die Automobilbranche, vom Schraubenzieher über die Felge bis zur Waschstraße. Autos selbst kommen bei dieser Veranstaltung nur am Rande vor.

          Der Umbruch bei den Autohändlern und Werkstätten ist jedoch nur das eine Großthema. Das andere ist der Autoabsatz selbst. Die Abwrackprämie hat die Branche über die schlimmsten Monate gerettet, doch das ist Geschichte. Doch wirklich pessimistisch ist man auch jetzt nicht. Zwar liegt die Zahl der Neuzulassungen in diesem Jahr deutlich unter der von 2009. Doch im Vergleich zu 2008, als es noch keine staatlichen Zuschüsse für den Kauf eines Autos gab, liegt der Rückgang bei gerade einmal 9,5 Prozent, wie Wilhelm Hülsdonk, Vizepräsident des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes, sagt. „Diese Entwicklung liegt innerhalb der von uns als normal zu bewertenden Schwankungsbreite.“ Auch der Gebrauchtwagenmarkt entwickele sich erfreulich.

          Elektroauto fordert Werkstätten heraus

          Auch Hülsdonk hegt die Sorge, dass sich die Rabattschlachten in die Werkstatt verlagern. „Früher im Handel fing es an mit kostenlosen Fußmatten und dem voll getankten Auto. Nun gibt es im Service das gleiche Spiel, man lockt die Kunden mit kostenlosen Serviceangeboten.“ Doch wer Werkstattleistungen verschenke, der lege die Axt an die wichtigste Ertragssäule der Betriebe.

          In ganz anderer Weise fordert das Elektroauto die Werkstätten heraus. Nicht so sehr, weil es sich um eine neue Technik handelt. Batterien gebe es schließlich schon lange in Autos, winkt Karpinski ab – nun komme eben noch eine hinzu. Er sieht ein ganz anderes Problem für die Werkstätten: An einem Elektroauto ist noch weniger zu warten und zu reparieren als an einem modernen Wagen mit Verbrennungsmotor. „Wer braucht dann noch einen Ölwechsel“, grübelt der Verbandspräsident. Glücklicherweise seien die Elektroautos ja noch nicht ausgereift, fügt er an. Da dauere der Wandel noch.

          Weitere Themen

          Malerei als Zerstörung

          Frankfurter Künstler : Malerei als Zerstörung

          Max Geisler hat etwas für Baumaterialien übrig. Der junge Frankfurter Künstler mit Atelier in Offenbach sieht selbst in verbogenen Aluprofilen Linien von hohem ästhetischen Reiz.

          Topmeldungen

          Neue Leitungen braucht das Land.

          Subventionen der Regierung : Gefangen im Verwaltungsdickicht

          Die Regierung gibt mehr Geld aus denn je. Doch sie versäumt, mit einfachen Mitteln Bürokratie einzusparen, sagen Kritiker. Und die Planungsbeschleunigung? Verzögert sich.
          Burak Yilmaz (32), Pädagoge, im Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie in Duisburg

          Junge Migranten : Was gehört zu Deutschland?

          Das Dirndl? Die Shisha-Pfeife? Die Juden? Junge Migranten aus Duisburg sprechen mit einem Sozialarbeiter über Identität und Geschichte. Und warum der Holocaust zur Diskussion über heutige Werte führt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.