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Euro Finance Week : Der Spagat der Banken

Unter Beobachtung: Andreas Scholz (rechts) im Gespräch mit Staatssekretär Jörg Kukies (groß) und Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing Bild: privat

Auf der Euro Finance Week ruft Deutsche-Bank-Chef Sewing dazu auf, die Zersplitterung der Bankenlandschaft abzubauen. Die Konferenz zeigt: Corona ist nicht die einzige Herausforderung der Branche.

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          Zum Tanzen war Andreas Scholz in diesem Moment vermutlich nicht zumute, aber der Kommentar war durchaus zutreffend. „Man hätte hier genug Platz für einen Tango“, sagte der Geschäftsführer der Euro Finance Group, die für die Ausrichtung der wichtigsten Bankenkonferenz in Frankfurt zuständig ist. Seit 23 Jahren gibt es am Finanzplatz die Euro Finance Week, und natürlich lebt solch eine Veranstaltung nicht nur vom Inhalt, sondern auch vom Austausch ihrer Teilnehmer. Doch der fällt in diesem Jahr aus: Die Euro Finance Week muss wie alle Konferenzformate wegen der Corona-Bestimmungen ohne Publikum auskommen.

          Daniel Schleidt
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für die Eventbranche ist das keine einfache Situation, und es ist aller Ehren wert, dass die Veranstalter mit vier Kameras aus dem Zoo-Gesellschaftshaus heraus trotzdem eine Konferenz organisiert haben, die diesen Namen verdient. Zumal es in diesen Tagen ja auch wichtige Themen gibt, die die Finanzbranche bewegen. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing etwa erinnerte am Montag daran, dass sich die Banken in der Corona-Krise als robuster als noch in Zeiten der Finanzkrise erwiesen. Dennoch: „Wir sind schlicht nicht profitabel genug“, sagte Sewing.

          Der Deutsche-Bank-Chef sieht die Zersplitterung der deutschen Bankenlandschaft als das größte Strukturproblem der Branche. „Mehr als 5000 Finanzinstitute in Europa sind einfach viel zu viele.“ Für eine Konsolidierung seien aber die politischen Rahmenbedingungen noch nicht gegeben, kritisiert Sewing. „Wir brauchen die Vollendung der Bankenunion, damit grenzüberschreitende Kooperationen attraktiver werden.“ Ob es dann auch zu einer die Landesgrenzen überschreitenden Fusion der Deutschen Bank mit einem anderen Haus kommt? Dazu konkret äußert sich Sewing nicht, aber es sei immer gut, eine gewisse Größe zu haben, um mit etwaigen Partnern auf Augenhöhe sprechen zu können. „Alles andere ist Spekulation.“

          Ein hybrides Format

          Auch bei der Europäischen Zentralbank sieht man Bedarf, Überkapazitäten abzubauen, um die „anhaltend niedrige Profitabilität zu beheben“, wie der Vizepräsident der EZB, Luis de Guindos, sagt. Die Notwendigkeit, strukturelle Probleme anzugehen, sei dringender denn je. „Konsolidierung durch Fusionen und Übernahmen ist ein potentieller Weg, um Überkapazitäten in diesem Sektor abzubauen.“

          Den Banken steht also ein schwieriger Spagat bevor, weil sie sich einerseits effizienter aufstellen müssen, sich andererseits in einem schwierigen Umfeld bewegen und drittens noch nicht wissen, wie die Corona-Folgen auf ihre Kreditbücher durchschlagen werden.

          Auch die Euro Finance Week hat unter der Corona-Krise zu leiden. Vor kurzem noch hatte die Euro Finance Group, eine Tochter des Deutschen Fachverlags, geplant, die Konferenz als hybrides Format zu veranstalten, also mit etwa 150 Teilnehmern vor Ort und den übrigen vor den Bildschirmen. Dann hätte man wenigstens die neue Location vorzeigen können, schließlich findet die Kongresswoche erstmals im Gesellschaftshaus des Frankfurter Zoos statt. Doch nun kam alles anders. „Natürlich hätten wir gerne Zuschauer vor Ort gehabt“, sagt Andreas Scholz, andererseits verkündet er am Vormittag, es hätten sich rund 1500 Zuschauer online dazugeschaltet. So viele hätten sicherlich nicht in den Saal gepasst, insofern hat die Digitalisierung im Zeichen von Corona auch ihr Gutes.

          Auch die Banken müssen sich diesem Thema seit einigen Jahren stellen, die Zahl der Filialbesucher der Geldhäuser geht zugunsten von digitalem Banking und mobilem Bezahlen zurück. Andererseits habe die Pandemie auch eine Renaissance der persönlichen Beratung zur Folge gehabt, sagt Bettina Orlopp, Finanzchefin der Commerzbank. Die harten Einschnitte durch das Coronavirus seien auch durch die Finanzinstitute und dann häufig im persönlichen Dialog mit dem Bankberater abgefedert worden, so Orlopp. „Weil hier Leute arbeiten, die die Unternehmen und deren Geschäftsmodelle seit Jahren kennen, konnten sie schnell helfen.“ Das zeige, „dass es vielleicht doch nicht so gut ist, immer zu der Bank zu gehen, die den günstigsten Preis hat, denn gerade in Krisen ist der verlässlichste Partner dann doch der bessere“.

          Gute Beratung hin oder her: Der Ko-Vorstandsvorsitzende der DZ Bank, Cornelius Riese, ist überzeugt, in den nächsten Monaten eine erhöhte Zahl von Insolvenzen zu sehen, und die würden auch in den Bankbilanzen ankommen. „Die Branche hat einen langen, kalten Winter vor sich, und der wird länger andauern als der meteorologische Winter.“ Bis dahin müssen sich die Banken mit den Covid-Folgen, aber auch mit der Zeit nach der Pandemie befassen, „die Krise darf uns nicht den Blick verstellen auf fundamentale Umbrüche in der Welt“, so Sewing.

          Trotz dieser herausfordernden Zeiten ist auch bei der Euro Finance Week noch Raum für das ein oder andere augenzwinkernde Wortspiel. Zum Beispiel, als es um die hochkarätige Besetzung einer Diskussion geht. Die nämlich bezeichnet der Moderator als Elefantenrunde. Doch das, schiebt er schnell hinterher, solle man angesichts der Lage im Zoo bitte nicht zu wörtlich nehmen.

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