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Eschborn : Die Herren der Abwrackprämie

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Bisher vielen unbekannt, nun im Blickpunkt: das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle in Eschborn, das für die Abwrackprämie zuständig ist Bild: Frank Röth

Das Bundesamt für Wirtschaft in Eschborn? Kaum bekannt. Bis vor wenigen Tagen. Denn jetzt ist die Behörde für die Abwrackprämie zuständig. Und für die interessieren sich in diesen Tagen viele - 270.000 Anrufe wurden schon an einem Tag gezählt.

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          „Grüß Gott“, meldet sich eine schwäbisch klingende Frauenstimme, „bin ich da richtig bei der Bafa-Hotline?“ Anja Münzberg setzt sich aufrecht hin und sagt: „Ja, da sind Sie richtig.“ Bis zu 100 Anrufe am Tag nimmt die eloquente Frau in ihrem nüchternen Büro im neunten Stock entgegen. Das geht schon seit einer Woche so - auflegen, neuen Anruf annehmen, auflegen. Sie weiß, dass da draußen Tausende auf sie warten, in der Warteschleife hängen oder gar nicht durchkommen. Die schwäbische Stimme quäkt: „Die Lieferzeit für meinen Neuwagen beträgt zwölf Wochen. Woher kriege ich die Garantie, dass dann auch für mich noch 2500 Euro Prämie da sind?“ Anja Münzberg seufzt kaum hörbar und antwortet freundlich, dass man nicht absehen könne, was in zwölf Wochen sei.

          Die Einführung der Abwrackprämie für betagte Fahrzeuge hat den bislang geordneten Alltag des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle ordentlich umgekrempelt. Die Behörde mit Sitz in Eschborn ist für die Vergabe der Umweltprämie zuständig. Und für die interessieren sich in diesen Tagen viele - 270.000 Anrufe wurden schon an einem Tag gezählt. Neun Computerserver und eine verstärkte Telefonanlage waren nötig, um dem Ansturm auf die Antragsformulare im Internet und Informationen am Hörer standzuhalten. Am Dienstag waren es immer noch etwa 30.000 Fragesteller. „Da raucht einem abends ganz schön der Kopf“, sagt Münzberg.

          Eschborner Beitrag für Frieden und nationale Sicherheit

          Eigentlich arbeitet die Frankfurterin in dem Bundesamt im Referat für Handwerksförderung, doch daran ist für die Aushilfstelefonistin gerade nicht zu denken. Die Abwrackprämie überstrahlt derzeit alles in dem klobigen Siebziger-Jahre-Bau an der Frankfurter Straße in Eschborn. Sogar für einen „Tatort“ sollte schon einmal eine Szene auf den schmalen, leidlich ausgeleuchteten Gängen gedreht werden. Doch die Krimimacher fanden ein noch unschöneres Bürogebäude. Dabei fallen in der weithin unbekannten Behörde Entscheidungen von großer Tragweite.

          Das Bundesamt kontrolliert unter anderem die deutsche Rüstungsausfuhr und prüft zum Beispiel auch, ob deutsche Produkte im Ausland zum Bau von Massenvernichtungswaffen missbraucht werden. Ein Eschborner Beitrag für Frieden und nationale Sicherheit. „Iran und Nordkorea stehen bei uns besonders im Blickpunkt. Wir arbeiten da mit dem Auswärtigen Amt und dem Bundesnachrichtendienst zusammen“, sagt Holger Beutel, der eine Arbeitseinheit für Exportkontrolle im Haus leitet und seit Einführung der Abwrackprämie auch als Pressesprecher fungiert. Die 660 Mitarbeiter starke Eschborner Behörde zahlt zum Beispiel auch die milliardenschweren Subventionen im Kohlebergbau aus und ist für die deutschen Mineralöllager für Krisenzeiten zuständig. Auch das Schornsteinfegerregister ist dort beheimatet.

          „Kann ich mir den Neuwagen von Oma schenken lassen?“

          Anja Münzberg hält die Stellung am Telefon. Im wenig gefüllten Regal an der Wand stehen angestaubte Akten mit der Aufschrift „Schriftverkehr China L-Q“, vor sich hat sie Papiere mit Daten und Fakten zur Abwrackprämie ausgebreitet. Jeden Tag bekommt sie neue Details zur Prämie. Sie muss schließlich Fragen beantworten wie: „Mein Ehegatte ist kurz nach der Verschrottung des alten Fahrzeugs verstorben, was nun?“ - „Kann ich mir den Neuwagen von Oma schenken lassen?“ - „Mein Autohändler hat mir aber etwas ganz anderes gesagt!“

          Die schwäbische Stimme in der Leitung meckert noch ein bisschen über das „unausgereifte Ding namens Abwrackprämie“ - und gibt sich schließlich geschlagen. Ziemlich genau 3260 Menschen sind bislang schneller als die Anruferin und haben schon alle Unterlagen samt Zulassungsbescheid des Neuwagens nach Eschborn gesandt. Das zeigt die „Fördermittelübersicht“ auf der Homepage www.bafa.de an. Nur vollständige Anträge werden von jetzt an streng nach der Reihenfolge des Eingangs bearbeitet.

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