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Entschädigung bei Zugausfall : Pendler in Mainz haben schlechte Karten

Kein Zug wird kommen: In Mainz brauchen Bahnfahrer derzeit einen langen Atem Bild: dpa

Bei Zugausfall und Verspätung bekommen Bahnfahrer Geld zurück. Details regelt das Fahrgastrechtegesetz. Pendler mit Zeitkarte, die sich seit zwei Wochen täglich über die Bahn in Mainz ärgern müssen, kommen darin allerdings schlecht weg.

          Wann bekommen Reisende bei Verspätung grundsätzlich Geld zurück?

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Entschädigung im Eisenbahnverkehr beginnt bei einer Verspätung von mindestens 60 Minuten. In diesem Fall gibt es 25 Prozent des gezahlten Fahrpreises für die einfache Fahrt zurück (auch bei Hin- und Rückfahrkarte), von zwei Stunden Verspätung an wird die Hälfte des Fahrpreises erstattet. Beim ICE-Sprinter gibt es von 30 Minuten Verspätung an den Aufpreis zurück. Dies alles gilt aber grundsätzlich nur dann, wenn die Deutsche Bahn oder andere Verkehrsunternehmen für die Verspätung verantwortlich sind und nicht unvorhersehbare Ereignisse wie Unwetter, Streiks oder Anschläge.

          Gilt das auch für Pendler mit Zeitkarte?

          Nein, Fahrgäste mit Wochen-, Monats- und Jahreskarte ebenso wie mit Bahn-Card 100 werden nur pauschal je Verspätung von 60 Minuten an entschädigt. Der Rückzahlungsbetrag fällt in diesem Fall deutlich geringer aus. Im Nahverkehr liegt die Entschädigung für Zeitkarten - hierunter fallen auch das Schöne-Wochenende-Ticket und andere Länder-Tickets - bei 1,50 Euro pro Fahrt in der zweiten Klasse und 2,25 Euro in der ersten Klasse. Im Fernverkehr liegen die Erstattungsbeträge bei 5 (zweite Klasse) und 7,50 Euro (erste Klasse), bei Nutzung der Bahn-Card 100 bei 10 und 15 Euro. Grundsätzlich erstattet die Bahn bei Zeitkarten nur maximal 25 Prozent des Wertes der Karte.

          Wann können Bahn-Fahrer von einer Reise zurücktreten?

          Bei einer Verspätung von mehr als einer Stunde kann der Reisende sein Ticket zurückgeben und den kompletten Fahrpreis zurückverlangen. Erkennt er unterwegs, dass die Weiterfahrt nach den ursprünglichen Reiseplänen sinnlos ist, kann er auch unterwegs umkehren und sich anschließend den vollen Fahrpreis erstatten lassen.

          Was gilt zurzeit in Mainz?

          Nach Angaben der Bahn gelten in Mainz besondere Kulanzregeln. Reisenden, die von der Fahrt von oder nach Mainz zurücktreten wollen, weil ihr Zug dort nicht hält, werden Fahrkarten und Reservierungen erstattet. Auch können zuggebundene Fahrkarten für Züge von und nach Mainz, die dort nicht halten, für eine alternative Verbindung gültig geschrieben werden. Für Berufspendler mit Zeitkarte gibt es bisher allerdings kein Kulanzangebot. Wenn Züge nicht mindestens eine Stunde verspätet sind, gehen sie leer aus und erhalten ohnehin allenfalls Mini-Beträge, wie Verbraucher- und Fahrgastschützer monieren. Sie fordern eine Entschädigung schon bei eine Verspätung von 30 Minuten.

          Welche Möglichkeiten gibt es bei einer Verspätung von weniger als einer Stunde?

          Wird die Ankunft eines Zuges mit mindestens 20 Minuten Verspätung angekündigt, dürfen Reisende, auch Berufspendler mit Zeitkarte, in einen anderen, auch höherwertigen Zug einsteigen, sofern dieser nicht reservierungspflichtig ist (das sind ICE-Sprinter, City Night Line und Sonderzüge). Ist ein Aufschlag, eine weitere Fahrkarte für diesen Zug erforderlich, muss der Reisende diese zunächst aus eigener Tasche bezahlen und kann die Kosten anschließend geltend machen. Ausgenommen von dieser Regelung sind das Schöne-Wochenende-Ticket und andere Länder-Tickets.

          Was ist, wenn abends der letzte Zug abgefahren ist? Kann ich dann ein Taxi nehmen oder ein Hotel?

          Ist absehbar, dass ein Zug, der planmäßig zwischen 0 und 5 Uhr ankommen soll, eine Stunde und mehr verspätet ist, können Bahnkunden mit dem Taxi weiterreisen, sofern das nicht preisgünstiger mit einem Bus oder anderen Verkehrsmittel geht. Organisiert die Bahn Sammeltaxen, haben diese Vorrang. Maximal 80 Euro spendiert die Bahn für die Taxifahrt - auch dann, wenn der letzte Zug des Tages ausfällt und ein Ziel nicht mehr vor Mitternacht erreicht werden kann. Einen Anspruch auf eine Gratis-Übernachtung zu „angemessenen Kosten“ im Hotel haben Reisende dann, wenn ein Zug so verspätet ankommt, dass eine Weiterfahrt nicht mehr zumutbar ist.

          Gibt es einen Anspruch auf Versorgung mit Essen und Trinken?

          Für Verspätungen um mehr als 60 Minuten gilt: Mahlzeiten und Erfrischungen sind im angemessenen Verhältnis zur Wartezeit anzubieten - sofern im Zug oder am Bahnhof verfügbar. An größeren Bahnhöfen sollte es also keine Mühe machen, Reisende mit Wasser, Tee oder Kaffee zu versorgen.

          Und wenn es Ärger gibt?

          Wer mit der Entscheidung des Servicecenters Fahrgastrechte (siehe Kasten) nicht zufrieden ist, sollte dort Widerspruch einlegen. In diesem Fall wird die Beschwerde von einem anderen Mitarbeiter noch einmal geprüft. Eine Anlaufstelle ist auch das Bürgertelefon (02 28/30 79 54 00) des Eisenbahn-Bundesamts, der Aufsicht aller Eisenbahnunternehmen in Deutschland. Bei Streitfällen - auch mit Bus-, Flug- und Schiffsunternehmen - vermittelt die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (Söp): kontakt@soep-online.de; Telefonnummer 0 30/64 49 93 30.

          Wo kann man sich über seine Rechte informieren?

          Das geht über die Service-Hotline Fahrgastrechte: 01 80/6 20 21 78 (20 Cent aus dem Festnetz). Die Mitarbeiter sind zurzeit ohne lange Wartezeit zu erreichen.

          Ein Formular, viele Wege

          Bahnreisende können Ansprüche wegen verspäteter Züge über ein für alle Eisenbahnunternehmen geltendes Beschwerdeblatt, das Fahrgastrechte-Formular, geltend machen. Das gibt es beim Zugbegleiter und am Bahnhof (DB Information, Reisezentrum) oder, bequemer, zum Herunterladen im Internet: www.fahrgastrechte.info. Wer viel mit der Bahn unterwegs ist, sollte am besten immer eins in der Tasche haben.

          Die Verspätung müssen sich Reisende auf dem ausgefüllten Formular bestätigen lassen. Wenn sie Glück haben, treffen sie im Zug einen Schaffner, der das macht. Andernfalls müssen sie sich den Stempel anschließend an der DB Information (geht in der Regel bis zu fünf Tage nach der Reise) oder im DB Reisezentrum (dort längstens ein Jahr nach der Reise) abholen. Im DB Reisezentrum wird die Entschädigung sofort ausgezahlt, wenn mit dem Formular die Originalfahrkarte vorgelegt wird.

          Ein anderer Weg ist die Entschädigung durch das Servicecenter Fahrgastrechte in Frankfurt, wohin das Formular samt Originalfahrkarte oder Kopie geschickt werden muss. Dieser Weg ist unter anderem dann vorgeschrieben, wenn Reisende keine Bestätigung ihrer Verspätung auf dem Formular erhalten haben.

          Inhaber einer Zeitkarte können Erstattungen ebenfalls nur schriftlich über das Servicecenter geltend machen. Die Adresse lautet: Servicecenter Fahrgastrechte, 60647 Frankfurt. In diesem Fall reicht ein formloses Schreiben, das den geplanten Reiseverlauf und alle Verspätungen mitsamt der Zugnummern genau auflistet. Die Zeitkarte kann in Kopie beigelegt werden. Da die Bahn grundsätzlich keine Bagatellbeträge unter 4 Euro auszahlt, müssen Nahverkehrsreisende Verspätungsfälle gesammelt einreichen. Grundsätzlich erstattet die Bahn nur 25 Prozent des Wertes einer Zeitkarte. Bahnreisende haben die Wahl zwischen Geld und Gutschein. (hoff.)

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