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Enexion Group : Energieversorger ohne Kraftwerk

  • -Aktualisiert am

Die Enexion Group unterstützt Unternehmen bei ihrem Energiemanagement (Symbolbild). Bild: ZB

Der Energiemarkt ist groß und komplex: Hilfe gibt es von der Enexion Group aus Schwalbach. Geschäftsführer Björn Vortisch möchte auch den Netzausbau vorantreiben.

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          Wenn Björn Vortisch über die Strukturen des deutschen Strommarktes spricht, wird man sofort froh und dankbar, dass man als Privatkunde lediglich die regelmäßigen Preiserhöhungen seines Versorgers schlucken muss. Auf mehr als zehntausend Regeln und Gesetze bringe es das deutsche Energierecht, und seit der Liberalisierung des Strommarktes im Jahr 1998 kämen stetig neue hinzu. Die angestrebte Energiewende erhöhe die Menge der Vorgaben zusätzlich. Die Endpreise schwankten auch dank zusätzlicher Abgaben und Subventionen, die die eigentlichen Rohstoffkosten überlagern, jährlich um einhundert Prozent und mehr. Ein so kompliziertes Gebilde wie den deutschen Energiemarkt gebe es kein zweites Mal in der Welt.

          Unternehmen, insbesondere aus energieintensiven Branchen wie etwa der Aluminiumproduktion oder der Stahlherstellung, unterhalten deshalb mit mehreren Dutzend Mitarbeitern besetzte Abteilungen für das sogenannte Energievollkostenmanagement. Wer etwas kleiner ist, vertraut diese Aufgabe nicht selten der Schwalbacher Enexion Group und damit Björn Vortisch an. Der Elektroingenieur hat das Unternehmen vor gut zwanzig Jahren mit seinem Partner Theo Parpan gegründet. Heute hat es Niederlassungen in der Türkei, der Schweiz und in Indien und verwaltet für Unternehmen wie Porsche, Infineon, den Schokoladenhersteller Lindt und die Betreiber der großen Rechenzentren Energiemengen im Wert von insgesamt einer Milliarde Euro. Im kleinen Schwalbach am Taunus werden also entscheidende Stellschrauben für das Funktionieren der deutschen Wirtschaft bedient.

          Viel zu tun während Corona

          Viele Kundennamen will Vortisch nicht aufzählen, Diskretion sei Teil des Geschäftmodells. Denn um für die Kundschaft auf den Energiegroßmärkten clever zu agieren, Subventionen zu sichern und Abgaben zu minimieren, müssen diese die Mitarbeiter von Enexion recht tief in ihre Bücher gucken lassen – und ihre Wachstumsstrategien oder auch Pläne für Werksschließungen und ähnliches offenbaren. An der Entwicklung des Energieverbrauchs lässt sich im Falle produzierender Unternehmen gut ablesen, in welche Richtung die Umsätze künftig weisen. Björn Vortisch hat also auch aktuell einen recht guten Überblick, was am vermeintlichen Aufschwung in der Industrie wirklich dran ist, aber er behält ihn für sich. Aus der Hochphase der Corona-Krise erzählt er lediglich, dass seine Mitarbeiter – knapp 70 sind es insgesamt – für etliche Unternehmen ungewöhnlich viel Käufe und Verkäufe auf dem Energiegroßhandelsmarkt gesteuert haben. Enexion habe so viel zu tun gehabt wie selten, um den sprunghaft gestiegenen Kundenforderungen nach mehr Flexibilität gerecht zu werden. Immerhin habe man am Energiemarkt auch große Preiseinbrüche für Strom- und Gaslieferungen bis 2025 nutzen können.

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          Langfristig zu kalkulieren gehört zur Expertise von Enexion. Bis zu fünf Jahre im Voraus sichern sich besonders energiehungrige Unternehmen die benötigten Mengen an Strom und Gas. Gekauft wird natürlich nicht alles auf einmal, sondern zu verschiedenen Bedingungen und Preisen, so dass die Kostenschwankungen in der Gesamtrechnung möglichst im unteren Teil der Spanne aufgefangen werden.

          Risiken im Griff

          Eine Software, die den aktuellen Verbrauch genau beobachtet und den künftigen Bedarf möglichst exakt vorausberechnet, sowie etliche Jahre Erfahrung im Energiegroßhandel waren das Startkapital, mit dem Vortisch und Parpan ihr Unternehmen gegründet haben. Inzwischen böten sie den Kunden weitaus mehr Dienstleistungen, sagt Vortisch. „Es geht darum, die Kosten stabil zu halten und die Risiken im Griff zu haben.“ Um zehn bis 15 Prozent könnten Unternehmen mit Hilfe von Enexion ihre Energievollkosten senken, lautet das Versprechen der Schwalbacher. Dazu brauche es natürlich einen unabhängigen Zugang zum Großmarkt und Verhandlungsgeschick gegenüber Energieproduzenten und Netzbetreibern, mindestens genauso wichtig für die Bilanz sind laut Vortisch sauber ausgefüllte Anträge für verschiedene Subventionen oder die Befreiung von der EEG-Umlage, die der Staat für den Ausbau der erneuerbaren Energien verlangt. „Wir sind in unserer Rolle vergleichbar mit dem Steuerberater, haben anders als der lokale Versorger keine eigenen Interessen auf dem Markt und stehen immer auf der Kundenseite“, betont Vortisch.

          Ein Angebot, das im Rhein-Main-Gebiet vorrangig die Betreiber der großen Datacenter nutzen. Und zwar schon lange bevor in eine ihrer Hallen auch nur ein Server gestellt wird. Die Rechenzentren hängen nicht nur von schnellen Glasfaserleitungen ab, sondern vor allem von einer starken und zuverlässigen Stromversorgung. Doch während die Branche enorm schnell wächst, ist der Netzausbau ein eher behäbiges Verfahren, es können Jahre vergehen, bis neue Trassen verlegt sind. Aber es müsse nicht so lange dauern, sagt Björn Vortisch. „Man kann die Dinge anders oder schneller machen.“ Wie genau, das verhandelt Enexion im Namen seiner Kunden mit den örtlichen Netzbetreibern. Nicht selten steht am Ende ein Vertrag, laut dem die Datacenter-Betreiber einen Teil der Kosten für neue Trassen oder Umspannwerke übernehmen, Hauptsache, der Ausbau kommt nicht ins Stocken.

          Dass dies nicht nur den Unternehmen nützt, davon ist Vortisch überzeugt. Er kritisiert, dass Deutschland die digitale Infrastruktur nur zögerlich ausbaut und den Datacenter-Betreibern, die Infrastruktur für Internetriesen wie Amazon, Google, Netflix, aber auch die Telekommunikation und andere Unternehmen schaffen, bei der Befreiung von Strompreisabgaben nach wie vor nicht entgegenkommt. Die im internationalen Vergleich hohen Kosten seien ein enormer Wettbewerbsnachteil besonders auch für Frankfurt. Denn nirgendwo sonst gebe es nennenswerte Rechenkapazitäten für Datenverkehr und -speicherung. Demnach sei die Formel einfach: „Ohne Frankfurt gibt es keine schnelle Digitalisierung.“

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