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Energie : Ökostrom wird beliebter – wenn er günstig ist

Wer Ökostrom bezieht fördert unter anderem den Bau neuer Photovoltaik-Anlagen Bild: AP

Die Nachfrage nach umweltfreundlich erzeugtem Strom wächst hierzulande. Vor allem der Darmstädter Energieversorger Entega profitiert im Rhein-Main-Gebiet davon. Aber auch andere Stromanbieter mischen beim Thema Ökostrom mit.

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          In der Theorie ist es ganz einfach. Fast jeder Zweite hat bei einer Umfrage von Wissenschaftlern der Mainzer Universität angegeben, er zahle gerne etwas mehr, wenn eine Ware nur umweltfreundlich sei. In der Praxis sieht es schon anders aus. Seit langem bietet der Frankfurter Energieversorger Süwag Energie AG einen Stromtarif an, bei dem fünf Euro im Monat der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zufließen. Eine schöne Idee. Nur will leider kaum jemand den teuren Strom haben.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Die Mainova AG, der andere Frankfurter Versorger, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Mainova Plus Ökawe“ heißt der Tarif. 100 Prozent regenerative Energie. Kohlendioxid-Emissionen: null. Radioaktiver Abfall: null. Nachfrage: nicht viel höher. Denn dieser Strom ist nicht billig. Bei einem Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden, das entspricht dem einer durchschnittlichen Familie mit Vater, Mutter und zwei Kindern, werden knapp 900 Euro im Jahr fällig. Für 200 Euro weniger liefert die Mainova die gleiche Menge, aber gemischt aus verschiedenen Quellen, Atomkraft inklusive. Das ist es, was die Leute nach wie vor in großer Zahl wollen.

          Ohne Entega-Ökostromrabatt ist konventioneller Stromtarif billiger

          Dennoch zieht die Nachfrage nach Ökostrom seit einiger Zeit an. Immerhin fünf Prozent der Haushalte in Deutschland haben sich bereits für einen Stromtarif entschieden, bei dem die Energie sauber erzeugt wird. 2006 hatte der Anteil erst bei drei Prozent gelegen. Das Wachstum hängt nicht nur mit einem gestiegenen Umweltbewusstsein zusammen. Mehr noch dürfte es an der Erkenntnis der Energieversorger liegen, dass auch bei Ökostrom die Marktgesetze nicht außer Kraft sind. Dass kräftig Plakate geklebt und Anzeigen geschaltet werden müssen zum Beispiel. Dass der Strom von einem bekannten Anbieter kommen sollte. Und, am wichtigsten: dass das Bekenntnis zur Umwelt am leichtesten fällt, wenn es nicht mit Mehrkosten verbunden ist – oder jedenfalls mit nicht allzu hohen Mehrkosten.

          Im Rhein-Main-Gebiet hat sich vor allem die Entega Vertrieb GmbH & Co. KG als Ökostrom-Anbieterin positioniert, die gemeinsame Vertriebstochter der Heag Südhessische Energie AG aus Darmstadt und der Stadtwerke Mainz AG. Und tatsächlich steht die Entega mit ihrem Angebot in den Stromvergleichsportalen bestens da. Mit ihrem Online-Ökotarif schlägt sie zum Beispiel in Frankfurt bei einem Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden im Jahr fast alle aus dem Rennen – den neuen Anbieter Nuon, der die halbe Stadt zuplakatiert hat, ebenso wie die Mainova mitsamt allen Sonder- und Spezialtarifen, sogar die Billigtöchter der Konzerne Eon und RWE. Das erreicht die Entega aber nur, weil sie Neukunden im ersten Jahr einen Bonus von bis zu 64 Euro gewährt und bei der Standardabfrage jedenfalls auf der führenden Internet-Vergleichsseite www.verivox.de dieser Rabatt gleich abgezogen wird. Lässt man ihn weg, weil der Kunde vielleicht nicht Lust hat, nach einem Jahr abermals zu wechseln, sieht es etwas anders aus (siehe Tabelle). Dann ist es doch nach wie vor billiger, auf einen konventionellen Stromtarif zurückzugreifen.

          „Mein Klima Tarif Strom“ - zur Hälfte Energie aus Atomkraftwerken

          Doch mit ihren munter gestalteten Plakaten und Anzeigen sowie ihren klug berechneten Bonuszahlungen, mit denen man im ersten Vertragsjahr gerade so eben die Konkurrenz schlägt, hat die Entega Erfolg. Die Zahl der Stromkunden stieg um zehn Prozent auf 600.000, wie ein Sprecher berichtet. Für Bestandskunden im Grundversorgungsgebiet Darmstadt und Mainz ist es sogar günstiger, in den Ökotarif zu wechseln, als sich nach dem recht hohen Basistarif beliefern zu lassen. So haben gerade dort viele gewechselt. Alles in allem beziehen nach Unternehmensangaben inzwischen der 360.000 der 600.000 Entega-Kunden Ökostrom.

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