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Einzelhandel : Natürlich ist wieder Winterschlußverkauf

Kein Winterschlußverkauf, dafür „Sale” Bild: F.A.Z. - Foto Cornelia Sick

Die dicken, warmen Klamotten müssen raus: Der Kunde sucht im Schlußverkauf wieder nach dem Originellen und ist längst nicht mehr getrieben von Werbesprüchen, wonach „Geiz geil“ und jeder, der das nicht so sehe, „blöd“ ist.

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          In der Galeria Kaufhof an der Frankfurter Hauptwache steht „Saison Ende“ drüber, bei Peek & Cloppenburg in Wiesbaden heißt es „Marken Sale“. Gemeint ist immer dasselbe: Die dicken, warmen Klamotten müssen raus. Der Winterschlußverkauf 2006 ist in vollem Gang.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Menschen, die sich am Wühltisch gegenseitig in den Arm fallen, um textile Beute zum Spottpreis vor fremdem Zugriff zu schützen, gibt es zwar längst nicht mehr. Die gesetzliche Regel, die Winter- und Sommerschlußverkäufe einmal gestattete, ist auch verschwunden. Aber die beiden Motive, die solche Wühltischbilder einmal haben entstehen lassen, sind nach wie vor da und wirksam: Der Handel muß immer noch seine Läger räumen, um Platz für Ware der neuen Saison zu schaffen, und natürlich kauft die Kundschaft auch immer noch gerne günstig ein. Und so hängen dieser Tage wieder überall rote Schilder, beschrieben mit fetten Ziffern und Prozentzeichen, die den Kunden entgegenbrüllen, wieviel sie jetzt sparen können.

          Zwar hat der Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels empfohlen, erst am 23. Januar mit dem so oft totgesagten Schlußverkauf zu beginnen. Tatsächlich aber hat der Handel gleich nach Neujahr losgelegt. „Winterschlußverkauf? Den haben wir ja schon fast wieder hinter uns“, meinte dieser Tage ein Verkäufer beim Herrenausstatter Eckerle in Wiesbaden. Und das offenbar mit einigem Erfolg, denn bereits die erste Januarwoche habe beim Textileinzelhandel mit einem Plus von elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu Buche geschlagen, sagt Frank Albrecht, Präsident des hessischen Einzelhandels. Und das, obwohl die Branche schon im Vorjahr zur selben Zeit einen Zuwachs von 14 Prozent verzeichnet habe.

          Flut von „Sales“

          Der Schlußverkauf beginnt also früher und dauert vielleicht etwas länger - je nachdem, wie voll die Läger noch sind -, verschwunden aber ist er nicht. Und das freut Albrecht genauso wie Siegfried Jacobs, den stellvertretenden Hauptgeschäftsführer des Textileinzelhandelsverbands. „Wir halten den Saisonschlußpunkt nach wie vor für sehr wichtig“, sagt er. Daß die Aufhebung der Sonderverkaufsregelung und die damit verbundene Flut von „Sales“, „20-Prozent-Wochen“ und sonstigen „Tiefpreis-Kampagnen“ den Kunden für den Handel verdorben haben könnte, weil dieser womöglich nur noch auf rote Schilder mit durchgestrichenen Preisen oder ähnliche Reize reagiert und in Richtung Portemonnaie greift, glaubt Jacobs nicht - im Gegenteil. Der Kunde suche auch im Schlußverkauf wieder verstärkt nach dem Originellen und Einzigartigen und sei längst nicht mehr getrieben von Werbesprüchen, wonach „Geiz geil“ und jeder, der das nicht so sehe, „blöd“ sei.

          Über derlei Kundschaft kann sich nach eigenem Bekunden auch Peter Erb, Geschäftsführer des neugestalteten Wiesbadener Karstadt-Kaufhauses am Mauritiusplatz freuen. Umbau und Flächengewinn sind dort fast ausschließlich darauf verwendet worden, gefragte Marken in einer gediegenen Umgebung zu präsentieren. Und das, so sagt Erb, habe sich als die richtige Strategie für das Haus erwiesen. Der Einzelbon, der im Handel als wichtiger Erfolgsmesser gilt, habe sich seither „deutlich erhöht“. Von dieser Linie weicht das Wiesbadener Haus auch zum Schlußverkauf dem Augenschein nach nicht ab.

          Die Möglichkeit, unentwegt Rabatt-Aktionen in allen Einzelhandelszweigen zu veranstalten, drückt allerdings die Margen, wie übereinstimmend zu hören ist. Gewinner sind dabei aber nicht immer die Kunden, wie jüngst ein Vergleich zwischen Elektro-Discountern und anderen Anbietern erbracht hat. Zumindest bei einigen Produkten zahlten gerade Kunden jenes Discounters mehr, der verspricht, bei ihm zu kaufen, beweise, „nicht blöd“ zu sein.

          Sonderangebote zu jeder Zeit - echte wie scheinbare - zwingen den Kunden nach Ansicht Albrechts dazu, „wirklich ganz genau hinzuschauen“, weil eben nicht jedes billige Angebot eines Discounters auch wirklich eine Gelegenheit sei, zumal eine fachkundige Beratung und kulanter Service im Falle eines Problems ohnedies oft fehlten. Für ihn ist es deshalb um so wichtiger, daß der Handel dem „verwirrten Kunden“ auch ohne gesetzlichen Rahmen alle Jahre wieder einen Winter- und einen Sommerschlußverkauf mit echten Gelegenheiten bietet.

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