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Einzelhandel : Flaggenrausch auf dem Höhepunkt

  • Aktualisiert am

Auch Straßenhändler profitieren von der Nachfrage nach Flaggen Bild: F.A.Z. - Mutter

Noch einmal haben die Frankfurter Kaufhäuser händerringend Autofähnchen in Schwarz-Rot-Gold nachgeordert - mit einer solchen Nachfrage hatte unter den Händlern keiner gerechnet.

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          „So etwas hat es noch nie gegeben“, sind sich die Händler einig. Die Schätzungen, wieviel Fahnen zur Weltmeisterschaft bisher verkauft worden sind, reichen hoch bis zu 20 Millionen. Bei den Frankfurter Kaufhäusern hieß es, man habe extra noch einmal Autoflaggen nachgeordert. Zum Halbfinale heute wird mit einer weiteren Fanartikel-Kaufwelle gerechnet - die nicht abebben dürfte, wenn Deutschland weiterkommen sollte. 1600 bis 1700 Flaggen allein in Schwarz-Rot-Gold hat Karstadt auf der Zeil in den vergangenen vier Wochen unter die Leute gebracht, weitere 2500 Fahnen in den Farben anderer Mannschaften. 1000 bis 2000 Deutschland-Flaggen hat Kaufhof auf der Zeil verkauft. Bundesweit setzte Karstadt 340.000 Flaggen ab, Kaufhof mehr als 110.000.

          In beiden großen Kaufhäusern signalisierte man: „Es gibt noch Fahnen, keine Panik.“ Kaufhof nimmt für die Autoflaggen 2,99 Euro, Karstadt 3,95 Euro. Straßenhändler, die mittlerweile Flaggen an Ständen anbieten wie Spargel oder Erdbeeren, verlangen zum Teil fünf bis zehn Euro. Größere Flaggen findet man in den Kaufhäusern für vier bis neun Euro, sehr hochwertige bei spezialisierten Flaggenhändlern auch schon mal für mehr als 100 Euro. Die Tankstellen haben zum Teil Fähnchen verschenkt, wenn man sein Auto in einem der teureren Programme reinigen ließ. Aral berichtet von mehr als 40.000 unters Volk gebrachten Flaggen, Shell von 55.000, Jet von 75.000. Überall scheinen die Autoflaggen allerdings nicht mehr in unbegrenzter Menge vorrätig zu sein.

          Fahnen aus Fernost

          „Wir sind jetzt auf Null“, sagt Ernst Weimann vom Großhändler Pro-Feet, der unter anderem Kaufhof mit Fahnen beliefert. „Wir haben noch einmal 70 bis 80 Kaufhof-Filialen mit Nachschub versorgt“, sagt er. In den vergangenen Wochen habe seine Firma gut 350.000 Flaggen ausgeliefert, insgesamt rund eine Million Deutschland-Fanartikel. Fast alle Fahnen kämen aus Fernost: In Deutschland gebe es zwar noch ein paar Produzenten, aus Kostengründen aber werde der Großteil aus China oder Taiwan importiert.

          Einer der ersten Profiteure vom deutschen Fahnenrausch war ausgerechnet ein Engländer. Als Jeremy Holland vor zwei Jahren seinen Freunden erzählte, er werde bei der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft schwarzrotgoldene Fähnchen verkaufen, sollen die ihn für verrückt erklärt haben. Nachkriegs-Deutschland galt als für nationalen Taumel eher wenig anfällig. Trotzdem setzte Holland auf jene Autofähnchen, die man jetzt überall sieht und die er in den Vereinigten Staaten entdeckt haben soll, bevor er sie 2002 nach England brachte. 200.000 Stück verkaufte seine „Car Flag Company“ gleich in den ersten WM-Tagen in Deutschland, unter anderem an den amerikanischen Handelsriesen Wal-Mart und diverse Tankstellenketten.

          „Es zeichnete sich bei früheren Fußballereignissen schon bei den Türken ab“, berichtet ein Händler. Ein anderer verweist darauf, als die schrecklichen Ereignisse vom 11. September eine Solidaritätswelle mit den Vereinigten Staaten hervorgerufen hätten, habe man ungewöhnlich viele Amerika-Autoflaggen auch in Deutschland sehen können: „Aber daß das jetzt so kommt, hätte keiner gedacht.“ Eine Tankstellenkette berichtet, man habe eigentlich nur probehalber 55.000 Autofahnen ins Sortiment aufgenommen, nachdem die eigens für die WM angeheuerten Trendscouts das Produkt bei südamerikanischen Fans aufgespürt hätten.

          Nach der WM: Fahnen gehören in den Restmüll

          In der ersten Phase der WM sollen auch die Flaggen von Ländern wie Togo, Trinidad und Korea gut gelaufen sein. Über brasilianische Flaggen heißt es, viele Händler hätten sich offenbar verschätzt und gemeint, die Südamerikaner kämen auf jeden Fall ins Finale. Jetzt müßten sie die Fahnen zum Teil zu Schleuderpreisen abgeben, weil sie zu viele auf Lager hätten und darauf sitzenzubleiben drohten.

          Die Autobahn-Meistereien mußten die Autoflaggen zum Teil schon auf der Fahrbahn einsammeln - weil nicht alle höheren Geschwindigkeiten standhielten. Björn Rickert von der Verbraucher-Zentrale hat sich, nicht ganz ernsthaft, in einem Interview mit der Frage beschäftigt, was man mit seiner Deutschland-Fahne machen kann, wenn Italien gewinnt. Man könne sie bis zur Frauen-WM 2007 aufheben, war sein erster Vorschlag. In den gelben Sack gehöre sie auf jeden Fall nicht - Fahnen seien keine Verpackung, auch wenn Fans sich darin einwickelten. Verbrennen sei verboten. Also gehöre die Fahne in den Restmüll - so hart das klingen möge. Vielleicht könnte man ja organisieren, meint der Verbraucherexperte, daß jeder nach der WM seine Fahne an die Straße stelle wie nach Weihnachten den Christbaum. Kommunale und private Entsorger könnten sie einsammeln: „Dann fehlt nur noch eine Idee, was man damit macht.“

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