https://www.faz.net/-gzg-ol60

Einzelhandel : Fabrikverkaufszentrum in Wertheim hofft auf Besuch aus Rhein-Main

  • Aktualisiert am

Den hausgemachten fränkischen Leberkäs', den man im neuen Fabrikverkaufszentrum "Wertheim Village" an der Bude eines Metzgers aus dem nahen Wertheim für 2,50 Euro erwerben kann, gibt es nicht in Frankfurt, nicht in Wiesbaden und auch nicht in Offenbach.

          4 Min.

          Den hausgemachten fränkischen Leberkäs', den man im neuen Fabrikverkaufszentrum "Wertheim Village" an der Bude eines Metzgers aus dem nahen Wertheim für 2,50 Euro erwerben kann, gibt es nicht in Frankfurt, nicht in Wiesbaden und auch nicht in Offenbach. Von den übrigen in dem Zentrum angebotenen Waren läßt sich das nicht ohne weiteres behaupten. Vieles davon ist auch in den Städten zu bekommen - und zumindest zu Saisonende ebenfalls zu deutlich gesenkten Preisen. Gerade die Preise aber sollen die Kunden aus dem Rhein-Main-Gebiet, aus Heidelberg, Stuttgart und Nürnberg auf die Autobahn und - in ein bis anderthalb Stunden - in die Nähe der baden-württembergischen Kreisstadt locken: Hochwertiges günstig, das ist die Botschaft, mit der die Betreibergesellschaft Value Retail wirbt, nicht nur für Wertheim, sondern auch für seine anderen Zentren bei Barcelona, Madrid, zwischen Mailand und Bologna sowie bei Paris. Demnächst soll es ein weiteres "Village" bei Ingolstadt geben.

          Nicht, daß in dem Einkaufszentrum, das vor sechs Wochen eröffnete und in seiner Architektur mit allerhand Türmchen und Törchen an die Kulisse einer Walt-Disney-Märchen-Produktion erinnert, die Preise für Kleidung, Schuhe und Accessoires nicht wirklich deutlich herabgesetzt wären. Sie sind es - ob bei Gant, Gerry, Mexx, Sarar, Timberland, Trussardi Jeans, Versace, Bally oder anderen Herstellern. Nur sind sie das derzeit eben auch in den Innenstädten.

          So ist beispielsweise eine Versace-Krawatte für 39 statt 99 Euro entweder auch in einer Innenstadt-Dependance des italienischen Nobelschneiders zu finden oder in einem Modehaus, das Kleidung verschiedener Hersteller führt. Ähnlich verhält es sich mit einem kaschmirweichen Kurzmantel, für den auch nach der Reduzierung noch etwas mehr als 2000 Euro zu entrichten sind. Und auch der gediegene Einreiher eines anderen Anbieters im Wertheimer Einkaufszentrum ist mit einem Preis von 299 statt 499 Euro zwar günstig. Einmalig ist das Angebot gleichwohl nicht. Einen solchen Herrenanzug mit Dreiknopfsakko in klassischem Dunkelblau oder Graphitgrau aus einem Stoff mit guter Garnqualität gibt es eben auch im innerstädtischen Textilhandel zu stark herabgesetzten Preisen. Beispielsweise offeriert Peek&Cloppenburg in Wiesbaden einen einfarbigen Anzug der Edelmarke Cerruti für 299 statt 599 Euro. Das noch etwas exquisitere Modell, changierend und mit feinem Nadelstreifen, ist für 499 statt 899 Euro zu haben.

          Die "Mutter aller Schnäppchen" sitzt also nicht zwangsläufig irgendwo auf der grünen Wiese. Denn auch dort, wo das noble Tuch dominiert, beispielsweise an der Frankfurter Goethestraße, der Schillerstraße und an der Börsenstraße, sind Schilder wie "Sale" oder "50 Prozent reduziert" kein Fauxpas. Der Taschenhersteller Picard bietet hier ebenso Ledertaschen der Saison mit Preisnachlaß an wie Möller&Schaar Krawatten und Hemden reduziert hat. Bei Armani ist der Hinweis, daß man reduzierte Ware im Laden offeriert, zwar nicht groß, rot und auffallend, sondern klein, dezent und in schwarzer Schrift auf weißem Grund. Die Aussage ist aber dieselbe. Mit dem Fall der Schlußverkaufsregelung werden sich solche Angebote, da ist sich das Gros der Branche sicher, zudem nicht mehr nur auf den Saisonwechsel beschränken.

          "Wir haben unsere Outlet Center quasi mitten in der Innenstadt", meint denn auch der Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands, Frank Albrecht. "Wertheim Village" mit zur Zeit 11000 Quadratmeter Verkaufsfläche und etwa zwei Dutzend bereits eröffneten Geschäften ist aus seiner Sicht für den Einzelhandel im Rhein-Main-Gebiet so wenig eine Gefahr wie das Factory Outlet Center in Zweibrücken. "Darüber spricht hier heute doch niemand mehr", meint Albrecht. Und mit einer Verkaufsfläche von zur Zeit 15000 Quadratmetern und etwa 50 Modemarken ist das Angebot dort im Moment sogar noch erheblich größer als in Wertheim. Allerdings sind es aus dem Rhein-Main-Gebiet bis nach Zweibrücken etwa 150 Kilometer, nach Wertheim nur etwas mehr als 110. Gerade die Textilbranche in und um Aschaffenburg, das man auf dem Weg von Rhein-Main nach Wertheim passiert, sei da schon eher als Konkurrenz zu betrachten, so Albrecht. Was die Menge der reduzierten Ware betrifft, ist das Wertheimer Schnäppchen-Center freilich im Vorteil gegenüber den Einzelhandelsgeschäften der Städte. Ein Preisnachlaß von 70 Prozent ist gleichwohl auch hier die Ausnahme, die Regel sind eher 20 bis 50 Prozent. In den bereits eröffneten Wertheimer Outlet-Geschäften ist nur Gutes über den Start zu erfahren: "Wir sind wirklich sehr, sehr zufrieden", heißt es bei Sarar, einem Herrenmodeanbieter. Bei Versace das gleiche Urteil, die Mitarbeiter der australischen Trendmodefirma Quicksilver schließen sich an: "Es läuft prima."

          Auch die Wirtschaftsförderung Wertheim ist zufrieden: Der Schnäppchenpark vor den Toren bringt mehr Besucher in die Innenstadt, meldet sie. Das bestätigt Berthold Jäger, stellvertretender Vorsitzender der Werbegemeinschaft "Aktuelles Wertheim". Ob es sich auch in einem Umsatzplus der Einzelhändler niederschlägt, könne man zur Zeit noch nicht sagen.

          Um mit den Nachbarn, die zunächst überhaupt nicht begeistert über den Zuzug waren, doch noch zumindest eine Art friedliche Koexistenz zu erreichen, haben sich die Betreiber des Schnäppchen-Centers etwas einfallen lassen: Kunden werden nach Auskunft Jägers auf den Einzelhandel in der nahen Stadt aufmerksam gemacht, falls das Gesuchte im Schnäppchenzentrum nicht zu finden ist. Das lobt Jäger, bleibt aber skeptisch: "Wenn man bei der abgesprochenen Premiumstrategie bleibt, ist das für uns Einzelhändler kein Problem, wenn die Betreiber des Zentrums aber in das mittlere und untere Preissegment gehen, dann kann es für die Wertheimer Händler schwierig werden."

          Ganz auszuschließen ist dies wohl nicht, denn jüngst formulierte der Deutschlandchef von Value Retail, John Quinn, ein ehrgeiziges Ziel: Bis Mai sollen etwa 60 Topmarken in Wertheim vertreten sein. Ortsansässige Einzelhändler sind nach wie vor in Sorge, daß aus dem Schnäppchen-Center schließlich ein ganz gewöhnliches Einkaufszentrum wird, falls das Outlet-Konzept doch nicht so funktioniert. Nur den Metzger muß das nicht sorgen. Seinen heißen fränkischen Leberkäs' und andere Hausmacher-Spezialitäten wird er wohl weiterhin im Schnäppchendorf oder in einem Einkaufszentrum so gut loswerden wie in seinem Stammhaus in der Wertheimer Innenstadt. Jochen Remmert

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christliche Nationalisten : Biden und die Armee Gottes

          Joe Biden macht den christlichen Anhängern Donald Trumps ein Angebot. Doch ein großer Teil von ihnen sind Nationalisten, die das Land für die weißen Christen zurückholen wollen. Biden sehen sie da nur als Feind.

          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Yoga dehnt sich aus

          Sei es für den Körper oder für den Geist: Seit dem Lockdown scheint jeder Yoga zu machen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Das stimmt nicht ganz. Doch ein Wirtschaftsfaktor sind die aus Indien stammenden Übungen allemal.
          Ein Wartezimmerschild in einer Zahnarztpraxis

          Corona-Maßnahmen begründen : Wir Verdrängungskünstler

          Wie lassen sich die weit streuenden Corona-Maßnahmen begründen? Um diese Frage zu beantworten, muss unsere Gesellschaft vor allem aufhören, sie zu verdrängen. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.