https://www.faz.net/-gzg-9iuye

Verein als „Werttreiber“ : Eintracht Frankfurt will zur Digitalplattform werden

Abgezockt: Eintracht Frankfurt spielt auch digital in der Bundesliga Bild: Eintracht Frankfurt

Nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch digital will die Eintracht Frankfurt mitmischen: Der Frankfurter Fußballklub bietet neuerdings regionalen Unternehmen Unterstützung an.

          3 Min.

          700 Angriffe am Tag? Als Stefan Knoll diese Zahl nennt, ziehen viele Anwesende überrascht die Augenbrauen hoch. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Familienversicherung, die kürzlich an die Börse gegangen ist und ihre Heimat am Frankfurter Reuterweg hat, bestätigt: 700 Mal täglich müssen die Systeme des Unternehmens und seine IT-Fachleute Hacker-Angriffe abwehren. „Damit muss man als Mittelständler rechnen.“ Knoll sitzt auf einer kleinen Bühne in einem Veranstaltungsraum am Westhafen und übt sich in Sarkasmus. Dass erst der Angriff eines 21 Jahre alten Hobby-Hackers auf Bundestagsabgeordnete nötig gewesen sei, um die Bundesregierung für dieses Thema zu sensibilisieren, sei schon ein starkes Stück, findet Knoll. „Jetzt hat es die Politik endlich mitbekommen.“

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Unternehmer Knoll ist überzeugt, dass digitale Fragen auf der politischen Agenda immer noch zu wenig präsent sind, und appelliert, die Unternehmen könnten nicht auf die öffentliche Hand warten: „Wir müssen das selbst vorantreiben.“ Mit der Frankfurter Eintracht versucht sich seit einigen Monaten ein Unternehmen auf diesem Feld zu positionieren, das man eher mit analogen Zweikämpfen und Ballstaffetten als mit digitalen Prozessen in Verbindung bringen würde: Eintracht Frankfurt.

          Nutzen, Vertrauen und Emotionen

          Auf Einladung des Fußballklubs waren Knoll und weitere Vertreter örtlicher Unternehmen zu der Diskussionsrunde gekommen, und Vorstand Axel Hellmann machte ihnen sogleich ein Angebot: „Wir wollen Unternehmen bei ihrer Digitalisierung helfen.“ Aber wie? Für Hellmann funktioniert eine digitale Transformation dann, wenn drei Faktoren zusammenkommen: Nutzen, Vertrauen und Emotionen. Für Letzteres will die Eintracht zuständig sein. Denn kaum ein anderes Unternehmen der Region verfügt über eine vergleichbare Reichweite: Jedes Heimspiel besuchen rund 50.000 Menschen, die Zahl der Mitglieder beträgt 60.000, die Zahl der Anhänger ein Vielfaches. Und fast alle haben eine emotionale Bindung an den Klub.

          Für andere Unternehmen könnte darin eine Chance stecken, und Hellmann erklärt sie so: Wenn die Eintracht zum Beispiel ein neues Bezahlsystem im Stadion installiert, etwa von ihrem Finanz-Partner Deutsche Bank, dann werde das automatisch von sehr vielen Menschen genutzt. „Auf diese Weise wollen wir Werttreiber der Digitalisierung sein“, wünscht sich der Eintracht-Vorstand.

          „The winner takes it all“

          Schon seit Monaten befasst sich der Fußballverein mit digitalen Themen. Ein neuer Videowürfel und W-Lan in der Arena sind ebenso Ausdruck dieser Strategie wie das jüngst verkündete Engagement im E-Sports. Hellmann fürchtet, dass große Konzerne aus dem Ausland, vor allem aus Amerika, Unternehmen aus der Region immer mehr Wertschöpfung nehmen. Schließlich sei etwa eine Bezahl-App, die nur 1.000 Leute nutzten, nicht überlebensfähig in einem disruptiven Markt, der in vielen Branchen von der Devise lebt „the winner takes it all“. „Wir können über den Fußball jene Reichweite generieren, die wichtig ist, um digitale Produkte groß zu machen.“ So gelinge es, eigene Marken und Produkte am Markt zu plazieren und sich nicht zu abhängig von zum Beispiel amerikanischen Internetgiganten zu machen.

          Künftig wolle die Eintracht mit mehr Unternehmen aus der Rhein-Main-Region ins Gespräch kommen und eine digitale Plattform ausrollen, sagte Hellmann, ohne konkreter zu werden. Dann werde jeder verstehen, wie ein Fußballverein mit Hilfe von Emotionen Unternehmen helfen könne, digitale Geschäftsmodelle erfolgreich zu machen. Schon länger bezeichnet sich die Eintracht als digitaler Vorreiter der Fußball-Bundesliga, „auf diesem Feld haben wir in der Liga viele Alleinstellungsmerkmale“.

          Michael Koch, Digitalchef der Privatkundensparte der Deutschen Bank, hat Sympathie für diesen Ansatz, seit gut einem Jahr ist der Frankfurter Konzern Partner des Fußballklubs. Koch ist überzeugt von der These, dass digitale Produkte ein Erlebnis mitbringen und Emotionen wecken müssten, auch eigene wie die Deutsche-Bank-App.

          Dass das im Fall der Smartphone-Anwendung funktioniert, davon ist Koch überzeugt, wenngleich sein Beispiel doch gewagt war. So mache es ja grundsätzlich keinen Spaß, einen Strafzettel bezahlen zu müssen, sagte der Digitalexperte. Mit seiner App hingegen werde dieser Vorgang durch Abfotografieren des Überweisungsträgers automatisiert – und damit zum reinsten Vergnügen. Wenn er sich zumindest in diesem Punkt mal nicht täuscht.

          Weitere Themen

          Autoren im Chefsessel

          Unternehmer aus Rhein-Main : Autoren im Chefsessel

          Mehrere Unternehmer und Manager aus Rhein-Main haben 2020 eigene Bücher verfasst. Darin geht es viel um die Digitalisierung, das Verhältnis von Privatleben und Geschäft - und um Elefanten in Porzellanläden.

          Topmeldungen

          Laschets Gratwanderung : Der Kampf um den Kurs geht weiter

          Die CDU glaubt nicht ohne Grund, dass Armin Laschet besser als Friedrich Merz die innerparteiliche Spaltung überwinden kann. Dazu muss aber auch der neue Vorsitzende über sich hinauswachsen.

          Pläne der Bahn : Zugfahren nur noch mit FFP2-Maske?

          Die Deutsche Bahn denkt über eine FFP2-Maskenpflicht in sämtlichen Regional- und Fernzügen nach. Das würde einen Bedarf von Millionen Masken täglich bedeuten. Und es gibt noch weitere Probleme.
          Bleibt schlank und pflegt dabei ihre Zähne: Gitta Saxx

          Herzblatt-Geschichten : Mach es wie der Honigdachs

          Warum Wladimir Klitschko ein seltsames Tier verehrt, was Dana Schweiger von Tils Neuer hält und wie Bohlen von den Malediven grüßt: Die Herzblatt-Geschichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.