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Kartenzahlung : Einkaufen mit gesperrter EC-Karte – kein Problem

Auch mit einer vom Inhaber gesperrten EC-Karte können andere per Lastschrift einkaufen Bild: AP

Nicht jedes Mal, wenn Kunden an der Supermarktkasse die EC-Karte zücken, zahlen sie tatsächlich mit Electronic Cash. Das hat Folgen.

          Immer dann, wenn die Kassiererin oder der Kassierer dem Kunden beim Bezahlen mit der EC-Karte einen Zettel mit der Gesamtsumme zur Unterschrift vorlegt, nimmt der Käufer an einem gewöhnlichen Lastschriftverfahren teil. Mit der echten Electronic-Cash-Zahlung, bei der er den nur ihm bekannten PIN-Code an einem mit der Kasse und der Bank verbundenen Gerät eingeben muss, hat das nichts zu tun.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Beim Lastschriftverfahren benutzt der Handel die Karte nur, um rasch an die korrekten Kontodaten des Kunden zu kommen, eine Onlineabfrage bei der Bank, ob alles stimmt, erfolgt nicht. Das spielt keine Rolle, solange der rechtmäßige Eigentümer die Karte benutzt. Wenn das Stück Plastik aber in die Hände eines Diebes oder eines unehrlichen Finders fällt, wird es heikel. Denn auch ein sofortiges Sperren der Karte bleibt für das Lastschriftverfahren ohne Wirkung, weil eben der Sofortkontakt zur Bank fehlt und der Handel erst später seine Geldforderung einreicht.

          Keinerlei Schutz gegen Abbuchungen per Lastschriftverfahren

          Das musste dieser Tage eine Wiesbadenerin erfahren, der ihre EC-Karte beim Einkauf im Supermarkt abhandengekommen war. Sie hatte es rasch gemerkt und die Karte sperren lassen. Auf dem nächsten Kontoauszug entdeckte die Frau dann aber trotzdem nicht nur die Abbuchung des eigenen Einkaufs und an zweiter Stelle die Gebühr fürs Sperren der Karte, sondern gleich darunter den ersten Einkauf des Übeltäters oder der Übeltäterin.

          Hans-Werner Niklasch bestätigt, dass das Sperren keinerlei Schutz gegen Abbuchungen per Lastschriftverfahren bietet. Er ist Geschäftsführer der Euro-Kartensysteme GmbH, einem Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Kreditwirtschaft mit Sitz in Frankfurt, das sich unter anderem um die Sicherheit im Zahlungsverkehr mit Karten kümmert. Jeder kann demnach mit der gesperrten Karte und den darauf abzulesenden Kontodaten weiter überall dort einkaufen, wo das Lastschriftverfahren akzeptiert wird – bis die Gültigkeit der Karte dereinst ausläuft.

          Diebe müssen wohl allenfalls etwas die Unterschrift des rechtmäßigen Eigentümers üben, die sie gleich auf der Karte finden. Das Geschlecht sollte vielleicht noch mit dem auf der Karte verzeichneten Namen übereinstimmen, dann steht einer illegalen Einkaufstour nichts mehr im Wege.

          Den Schaden trägt der Handel

          Für Kunden ist dabei nur tröstlich, dass letztlich nicht sie, sondern die Händler den entstandenen Schaden tragen müssen. Allerdings muss jeder, dem die EC-Karte abhandengekommen ist, nun jede Bewegung auf seinem Konto ganz genau im Blick haben und jeder fremden Abbuchung schnellstmöglich widersprechen. Kartenexperte Niklasch rät ohnedies dazu, stets alle Abbuchungen zu prüfen, da es ja auch ohne Kartenverlust und ohne böse Absicht beim Lastschriftverfahren zu Fehlbuchungen kommen könne. Das ist auch der Rat, den die Verbraucherzentrale Hessen in dieser Sache gibt.

          Erstaunlich ist dabei nicht nur, dass es das unsichere Lastschriftverfahren überhaupt noch gibt, sondern auch, dass der Handel selbst für dieses Verfahren gefochten hat und es gerne behalten würde, obwohl es im Ernstfall zu Lasten des einzelnen Händlers geht. Die Geldinstitute hätten wohl kaum etwas gegen die Abschaffung. Dieter Schoenfeld, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Frankfurt, weiß, warum: Mit der Einführung des Electronic-Cash-Verfahrens sei der Kostenblock der Zahlungsabwicklung voll auf den Handel übergegangen. Die Händler müssten bei einer tatsächlichen EC-Karten-Nutzung mit PIN-Code und Onlinekontakt zum jeweiligen Kreditinstitut 0,3 Prozent je Bon, mindestens aber 27 Cent zahlen, die Telefongebühren und noch einmal eine Postengebühr von 10 bis 15 Cent kämen hinzu. Allein die 0,3 Prozent je Bon, bedeuteten zehn bis 15 Prozent des Gewinns eines Unternehmers im Einzelhandel, sagt Schoenfeld.

          Knapp 100 Schadensfälle auf neun Millionen Kartenzahlungen

          Da die Ausfälle aufgrund des Missbrauchs der EC-Karte im Lastschriftverfahren deutlich geringer seien als die Kosten, die dem Handel beim Electronic-Cash-Verfahren entstünden, sei es aus Sicht des Handels nur logisch, die unter dem Strich günstigere Variante zu bevorzugen. Um ein wenig mehr Sicherheit zu gewinnen und zugleich die Kosten dafür so niedrig wie möglich zu halten, gibt es inzwischen Hightechkassen, die es ermöglichen, je nach Bon-Höhe auszuwählen, ob der Händler das Risiko des Lastschriftverfahrens eingehen oder Electronic Cash fordern will, das ist beispielsweise bei Rewe der Fall.

          Bei Edeka Südwest gibt es zurzeit ebenso noch beide Varianten, wobei in den modernen und größeren Dependancen nur mehr die Zahlung mit dem PIN-Code und in bar möglich ist, wie eine Sprecherin gestern sagte. Die Zahl der Fälle, in denen durch das Lastschriftverfahren ihrem Haus ein Schaden entstünde, sei gering. Auf jährlich rund neun Millionen Kartenzahlungen – Electronic Cash und Lastschrift –, kämen weniger als 100 Schadensfälle durch Lastschrift nach Diebstahl oder Verlust. Verbrauchern, die es stört, dass ein Fremder ihre Karte in Händen hat, und damit nach wie vor zunächst einmal Zugriff auf ihr Konto, bleibt so als letzte Möglichkeit wohl nur noch, das Konto zu schließen.

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