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Innenstädte : Ein Zentrum an der richtigen Stelle hilft

Berliner Platz in Kronberg Bild: F.A.Z. - Nedden

Jahrelang wurden Einkaufszentren nur am Stadtrand oder an Autobahnabfahrten gebaut. Jetzt entstehen wieder Einzelhandelsflächen in den Innenstädten - eine unverhoffte Chance, die Zentren wieder zu beleben.

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          Wiesbaden hat es bereits seit Mitte März, das Lilien-Carré. In Frankfurt wird an der Baustelle an Deutschlands umsatzstärkster Einkaufsmeile Zeil rund um die Uhr gearbeitet, damit Frankfurt Hoch Vier wie geplant im Herbst 2008 eröffnen kann. In Darmstadt, Offenbach, Hanau und Rüsselsheim warten Investoren auf die Zustimmung der Politik, um Einkaufszentren in den Innenstädten zu errichten. In Wiesbaden und Frankfurt legt man sogar bereits nach: In der Landeshauptstadt soll ein Luisen-Forum in der Fußgängerzone entstehen, in Frankfurt wurde jetzt angekündigt, dass mit dem Bau des Urban Entertainment Center (UEC) am Frankfurter Messegelände im nächsten Jahr begonnen wird.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Einkaufszentren entstehen nicht mehr auf der grünen Wiese, sie rücken in die Städte. Beim Deutschen Institut für Urbanistik beobachtet man diesen Trend schon länger. Neu sei, dass nun Projektentwickler und Investoren nicht mehr allein in die großen Städte drängten, sondern auch die Mittelstädte mit einer Einwohnerzahl unter 100.000 für sich entdeckten. Der Grund dafür sei zum einen, dass immer mehr Menschen lieber in Städten als anderswo lebten, zum anderen das veränderte Bewusstsein der Politiker: „Sie kriegen heute große Einkaufszentren auf der grünen Wiese nicht mehr genehmigt“, sagt Institutsmitarbeiter Gerd Kühn. Ob die neuen Zentren die Innenstädte beleben, statt sie zu beeinträchtigen, wie es den Standorten auf der grünen Wiese nachgesagt wird, dazu vermag Kühn keine Aussage zu treffen.

          Einkaufszentrum auf dem Rüsselsheimer Opelgelände

          Im hessischen Wirtschaftsministerium ist man hingegen überzeugt, ein Einkaufszentrum an der richtigen Stelle stärke die Innenstadt, mache sie attraktiver. Das Angebot werde moderner und zeitgemäßer. Das Geschäft werde belebt, denn ein gewisses Maß an Erneuerung müsse sein. Es sei schließlich nicht Aufgabe von Planung, den Einzelhandel vor Konkurrenz zu schützen. Die Diskussion sei allerdings darüber zu führen, wo ein geeigneter Standort sei. Das Ministerium empfiehlt den Kommunen, ihre zentralen Versorgungsareale zu definieren und eine Ansiedlung nur in diesem Gebiet zuzulassen. Bereits ein Standort am Rande der Innenstadt, wie das geplante UEC in Frankfurt oder das Lilien-Carré neben dem Wiesbadener Hauptbahnhof, fünfzehn bis zwanzig Gehminuten vom Kern der Innenstadt entfernt, gelte als grenzwertig.

          Thomas Doerr, Berater für Einkaufszentren in Düsseldorf, warnt vor der Annahme, jedes Einkaufszentrum in der Innenstadt tue einer Kommune gut. Nur wenn es zum Bestandteil der Innenstadt werde, nicht zu einer Enklave, könne das Konzept, die Stadt zu beleben, aufgehen. Dann biete ein Zentrum unumstritten Vorteile, werte es Städte auf, mache sie wieder interessant. Um eine negative Entwicklung zu verhindern, empfiehlt Doerr, die Zahl der Parkplätze in einem Einkaufszentrum zu begrenzen, jedoch in Laufnähe entsprechende Angebote zu schaffen. Kunden nähmen die Innenstadt noch wahr, das Zentrum werde nicht zum geschlossenen System. Mit diesen „macht man Mittelstädte nämlich kaputt“, sagt Doerr.

          In Rüsselsheim will man auf Doerrs Rat hören. Dort steht ein Vertragsabschluss unmittelbar bevor: Auf dem ältesten Teil des Opelgeländes soll ein großes Einkaufszentrum entstehen. Dies müsse, wenn überhaupt, so „löchrig sein wie ein Schweizer Käse“, fordert Oberbürgermeister Stefan Gieltowski (SPD), damit es die angrenzende Innenstadt sinnvoll ergänze. Gleichzeitig will man natürlich auch in Rüsselsheim ein Zentrum schaffen, mit Ausstrahlungskraft weit über die Stadt hinaus, will man mitmachen im Wettbewerb der Städte im Rhein-Main-Gebiet. Wohl wissend, dass 2006 selbst in Südhessen die Zahl der Einwohner erstmals rückläufig war.

          „Das UEC ist wie ein „Main-Taunus-Zentrum II“

          In Darmstadt wird diskutiert, ob nicht am Ostrand der Innenstadt, unmittelbar neben dem Wissenschafts- und Kongresszentrum, das Ende des Jahres fertiggestellt sein wird, ein Einkaufszentrum gebaut werden soll. Schließlich hat Darmstadt mit neuer Konkurrenz unmittelbar vor den Toren der Stadt zu kämpfen: Dort entsteht auf Weiterstädter Gemarkung ein riesiger Komplex, der mit 60.000 Quadratmeter Verkaufsfläche fast in die Liga des Main-Taunus-Zentrums aufrückt, das seinerseits noch einmal erweitert wird. Das sind Entwicklungen, die Regionalplaner gerne aufgehalten hätten. Von Fehlentwicklungen ist auch im Wirtschaftsministerium die Rede, schließlich handelt es sich um auch dort unerwünschte Standorte auf der grünen Wiese.

          Für den hessischen Einzelhandelsverband geht es angesichts stagnierender Umsätze längst nur noch darum, „anderen die Kunden wegzunehmen – mehr werden es ja nicht mehr“. Und die Verkaufsflächen genügten auch, sagt Gerd Kämpfer, Justitiar des Verbands. Dennoch bewertet er Vorhaben wie Frankfurt Hoch Vier positiv, sie gäben der gesamten Innenstadt einen Impuls.

          Das UEC hingegen sei wie ein „Main-Taunus-Zentrum II“. Die Industrie- und Handelskammer Frankfurt gesteht ein, dass das Vorhaben an der Frankfurter Messe derzeit noch nicht, wohl aber in fünf bis zehn Jahren in der Innenstadt liege. Doch wegen seiner optimalen Verkehrslage könne es Kaufkraftströme aus der Region anziehen. Genau die, um die Offenbach, Hanau, Darmstadt, Rüsselsheim und Wiesbaden und nicht zuletzt auch Frankfurt Hoch Vier auch werben.

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