https://www.faz.net/-gzg-u6qe

Wirtschaftskriminalität : Wie ein Detektiv

Ein Beispiel von vielen: Bei Siemens wird nach verschwundenen Millionen gesucht Bild: ddp

Ein Frankfurter Unternehmer hilft Firmen bei der Korruptionsbekämpfung. Mancher verrät sich leicht. Segeltouren mit Lieferanten etwa sind ein ganz schlechtes Zeichen.

          3 Min.

          Siemens ist überall. Nicht nur beim Münchener Konzern gibt es Unregelmäßigkeiten, Schmiergeldzahlungen und Korruption, auch andere Unternehmen haben und hatten mit derartigen Vorkommnissen zu kämpfen. Vor geraumer Zeit zum Beispiel ein weltweit operierendes Chemieunternehmen in der Rhein-Main-Region. Dort war durch einen seltsamen Zufall aufgefallen, dass ein Mitarbeiter scheinbar über seine Verhältnisse lebte.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Mann war ein einziges Mal mit einem Porsche auf dem Firmenparkplatz vorgefahren, doch dieses eine Mal genügte, um den Verdacht von Kollegen zu wecken. Die Unternehmensführung beauftragte eine auf Sicherheitsfragen spezialisierte Frankfurter Unternehmensberatung, verdeckt zu ermitteln. Es stellte sich heraus, dass der Verdächtige kostspielige Auslandsreisen unternommen hatte, eine Villa besaß, die teurer war als die des Vorstandsvorsitzenden des Chemieunternehmens, und Bankkonten in der Schweiz unterhielt.

          Fahrlässigkeit von Unternehmen

          Zu seinem Reichtum war der Mann, der als Einkäufer tätig war, durch Provisionen gekommen, die er Lieferanten abgefordert hatte. Für viele Millionen Euro teure Verpackungsmaschinen, die er bei Produzenten in Deutschland, Italien oder Mexiko geordert hatte, hatte das Chemieunternehmen über Jahre hinweg überhöhte Preise gezahlt. Zehn bis 15 Prozent des Rechnungsbetrages hatten die Lieferanten an den ungetreuen Mitarbeiter entrichten müssen, denn der Mann hatte gedroht, andernfalls bei Konkurrenten zu bestellen. Die Affäre der Schmiergeldzahlungen wurde still und leise bereinigt: Aus der vorhandenen Beute konnte ein Gutteil des Schadens beglichen werden, der Mann verließ freiwillig den Betrieb.

          Klaus-Dieter Matschke, Chef der Frankfurter Unternehmensberatung KDM, der diesen und manch ähnlich gelagerten Fall gelöst hat, ist immer wieder darüber erstaunt, wie fahrlässig manche Unternehmen ihre Sicherheitsbelange hintanstellen. Im Falle des Chemieunternehmens hatte der windige Mitarbeiter fünfzehn Jahre auf derselben Position als Einkäufer gearbeitet, er nahm eine unanfechtbare Position ein und konnte ungestört sein Korruptionsnetz stricken. Welche Fehler das Management gemacht hatte? Es verzichtete, so erläutert Matschke, auf eine Rotation. Sinnvollerweise sollten Einkäufer alle paar Jahre auf eine andere Position versetzt werden, auf dass die Banden zu Lieferanten nicht zu eng würden. Auch habe es das Chemie-Unternehmen versäumt gehabt, das „Vier-Augen-Prinzip“ durchzusetzen. Will heißen: alle Verträge müssen von zwei Mitarbeitern vorbereitet und abgeschlossen werden.

          Bei KDM weiß man, dass es oft nur kleine Hinweise sind, die auf Unregelmäßigkeiten und Korruption hinweisen: angebliche Rechenfehler und Nachkalkulationen häufen sich, wichtige Unterlagen und Angebote sind kurzzeitig unauffindbar, Kalkulationsunterlagen werden unauffällig kopiert, ein Mitarbeiter unternimmt Reisen oder Segeltouren mit Lieferanten. Für sich allein beweist keiner dieser Indizien, dass Unrechtmäßiges geschieht. „Aber wenn sich diese Hinweise häufen, ist eine erhöhte Aufmerksamkeit und eine Nachprüfung geboten“, sagt Matschke, der als Kriminaloberrat, als Sicherheitsbeauftragter eines Länder-Innenministeriums und Verfassungsschutz-Chef in einem der neuen Länder Erfahrungen gesammelt hat.

          Gutes Betriebsklima verhindert Korruption

          Sein Unternehmen empfiehlt unter anderem Schmiergeldverbote in Lieferantenverträgen, ein anonymes Korruptionstelefon, eine Regelung für Geschenkannahmen. Matschke hat die Erfahrung gemacht, dass häufig ganze Seilschaften in Unternehmen zusammenarbeiten. Oft würden die Organisatoren von Korruption und Betrug die Schwächen von Mitarbeitern ausnutzen, um diese hineinzuziehen. Zu den Klassikern zählt das Ausnutzen finanzieller Schwierigkeiten. Gefährdet sind natürlich Trinker, Spieler oder Rauschgiftsüchtige.

          Frauen fallen zuweilen auf die „Romeo“-Masche herein. Manchmal ist aber einfach nur pure Dummheit, die Mitarbeiter das Falsche tun lässt. Wie in einem Fall, den Matscheke vor einiger Zeit aufgeklärt hat. Ein Medizinunternehmen hatte ein neues Gerät entwickelt. Noch bevor es auf dem Markt war, hatte ein Konkurrent ein identisches Produkt herausgebracht. Offensichtlich hatte der Wettbewerber die Pläne bekommen. Es stellte sich heraus, dass einige Mitarbeiter auf einem Kongress hatten glänzen wollen und zuviel geplaudert hatten.

          Bei KDM ist man zu der Erkenntnis gelangt, dass ein gutes Betriebsklima ein entscheidender Faktor ist, um Korruption zu verhindern. Wo sich unbezahlte Überstunden häufen, Wochenenden häufig durch Mehrarbeit verdorben werden, kommt es leichter zu Unregelmäßigkeiten. Fast noch schwerwiegender ist nach Meinung Matschkes indes ein fehlendes Sicherheitsbewusstsein bei Managern. Oder sie überschätzen ihre Kontrollsysteme. Wie Siemens. Noch im November hatte ein Sprecher die Antikorruptionsregeln des Konzerns in den höchsten Tönen gelobt. Heute sucht der Vorstand nach verschwundenen Millionen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nächtliche Pressekonferenz: Selenskyj, Merkel, Macron und Putin im Elysée-Palast

          Ukraine-Gipfel : Bewegung in einen versteinerten Prozess

          Der Stillstand sei überwunden, versichern Merkel und Macron nach neun Stunden Verhandlungen. Putin wittert Tauwetter. Doch Selenskyj ist skeptisch: „Mir ist das viel zu wenig.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.