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Einzelhandel : Laden und Sein

  • -Aktualisiert am

Wie ein Gemälde: Die Samenhandlung ist seit fast einhundertfünfzig Jahren am Ort. Bild: Felix Schmitt

Kleine Läden gegen Baumärkte und Smartphones: Ein ungerechter Kampf. Aber warum gibt es sie noch, die alten Geschäfte? In Frankfurt öffnet jeden Morgen eines von Tausenden: Eine Samenhandlung, gegründet im Jahr 1868. Wir schauen mal, welche Geheimnisse sie hat.

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          Im Herzen der Stadt Frankfurt gibt es eine kleine Samenhandlung, so wie man sie auch in anderen Städten noch finden kann. Nichts in diesem Laden ist besonders alt oder neu. Es ist hier nicht nostalgisch und nicht hip, die Produkte sind weder besonders billig noch teuer, das Geschäft ist nicht sehr schön und auch nicht geschmacklos. Es ist einfach nur da.

          Ein stoischer alter Laden, in dem man Dinge für den Balkon und den Garten kaufen kann. Jeder Unternehmensberater würde davon abraten, sich mit so etwas selbständig zu machen, und vermutlich gäbe dafür keine Bank, die bei Verstand ist, einen Kredit.

          Der Laden hat eine lange Geschichte, fast hundertfünfzig Jahre, aber das Bemerkenswerteste an ihm ist, dass er existiert. Weil es davon nicht mehr viele gibt, fällt die Samenhandlung auf. In der Nachbarschaft sind mehrere Bäckereifilialen und auch mehrere andere Einzelhändler, die Schnaps verkaufen, Schusswaffen und Wildschweinbürsten.

          Vor dreißig Jahren waren sogar noch mehrere Samenhandlungen in den Nachbargassen. Jetzt gibt es um die Ecke die Filiale von „Blume 2000“. Draußen auf dem Gehweg der Töngesgasse, die vor dem Krieg eine der schönsten Altstadtgassen in Deutschland war und durchaus eingebüßt hat, stehen rund um den Eingang von „Samen-Andreas“ auf Holzpaletten Kräuter, Gurkenpflanzen und Hollandblumen, Hortensien im Angebot. Drinnen kann man Samenpäckchen kaufen, Erde, Spaten, Vogelfutter, wiederum Hortensien und auch viele andere Blumen für den Garten, und es gibt auch Heckenscheren, Dünger und Chemikalien gegen Blattläuse, selbstgemischten Dünger und Gartenzwerge. Vieles ist hellgrün: die Regale, die Poloshirts der Verkäufer; die Pflanzschalen, Fläschchen, Gießkannen. An der Decke Neonleuchten mit Gittern.

          Von dem Laden können zwei Verkäufer und ein Inhaber mit seiner Familie leben. Sie leben also von etwas ganz Unwahrscheinlichem: einem inhabergeführten Samenladen im Jahr 2015. Warum das möglich ist, weiß auch der Chef nicht.

          Dann kam auch noch das Internet

          Der Chef meint, er finde die Frage hochinteressant, sie beschäftige auch ihn sehr, „ich habe aber keine Antwort, sag es mir bitte, wenn du es herausgefunden hast“. Was der Chef, der 39 Jahre alt ist und korrekterweise Juniorchef genannt werden müsste, da sein Vater gerade nur krankheitsbedingt fehlt, weiß, ist, dass es gut läuft. Verblüffend gut: nicht nur bleibende, sondern steigende Umsätze. In den wichtigsten Monaten, wenn die Leute ihre Gartensachen einkaufen - April und Mai -, stiegen die Umsätze zuletzt meist um mehr als 10 Prozent zum Vorjahr. Auch in diesem Jahr. Nils Andreas sagt: „Wir hatten in diesem Jahr Tage, da haben wir jede bisher gekannte Umsatzgrenze geknackt. Warum das diesen Frühling so massiv war, weiß ich nicht. Das Pflanzenschutzregal war leer, das Pflanzenregal war leer, es hat uns körperlich weh getan.“

          Dabei hat der Chef gar nichts anders gemacht als sein Vater oder die drei Inhabergenerationen zuvor. Aber auf einmal lief es. „Das war so etwa ab 2008“, sagt Andreas. Es könnte ein Zufall sein, dass 2008 das Jahr war, als Nils Andreas in den Laden fest einstieg. Er meint aber, dass es nicht seine Leistung sei. Vorher ging es den Bach runter: Seit den neunziger Jahren, ach was, seit den Achtzigern. Damals kamen nach und nach die Obis und Hagebaumärkte und Tooms, die Gartencenter und Discountblumen. Das war, wusste man schon damals, der sichere Tod der inhabergeführten Einzelhändler. Von heute auf morgen kauften die Leute Rasenmäher und Elektrogeräte im Baumarkt.

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