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Drogerieketten : Müller will mehr Marktanteile in Rhein-Main

Angriff auf den Marktführer: Die Müller-Kette will dem Konkurrenten Schlecker Kunden abjagen Bild: AP

Seit Schlecker "Ihr Platz" geschluckt hat, liegt Müller hinter dm und Rossmann auf Platz vier der großen Drogerieketten. Gemessen an der Filialzahl, legt das Haus viel langsamer zu als der Branchenriese. Aber es wächst, auch in Rhein-Main.

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          Ja, Müller habe im März eine Filiale in Königstein bei Frankfurt eröffnet, und im November soll es noch eine neue geben, in Kelkheim. Nein, mit Expansion habe das nichts zu tun, insistiert die Mitarbeiterin in der Ulmer Zentrale der Müller LTD & Co. KG, es kämen eben immer mal ein paar neue Filialen hinzu. Zurzeit sind es knapp 440 in Deutschland.

          Jochen Remmert
          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Was die Öffentlichkeitsarbeit betrifft, verhält es sich bei Müller wie bei Schlecker, es gibt keine. In ihrer Expansionsstrategie unterscheiden sich die Konkurrenten dagegen deutlich, bislang jedenfalls. Schlecker mietet seit Jahren fast jedes freie Ladenlokal mit mehr als 130 Quadratmeter Verkaufsfläche, um den nach der Zahl der Filialen riesigen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz noch ein wenig auszubauen. Inzwischen zählen die Einzelhandelsexperten des Frankfurter Marktforschungsinstituts Tradedimensions bei Schlecker fast 11 300 Dependancen inklusive der einverleibten „Ihr Platz“-Märkte, in Hessen gab es Ende 2007 gut 800 Schleckerfilialen und rund 700 von Ihr Platz.

          Müller peilt 1000 Filialen in Deutschland an

          Müller kommt nach eigenen Angaben in ganz Europa gerade einmal auf 516. Die kleinste unter den verbliebenen vier großen deutschen Drogerieketten ist außer im Heimatmarkt noch in der Schweiz, in Österreich, Spanien, Slowenien, Ungarn und in Kroatien vertreten. Gemessen an der Zahl der Filialen, ist Rossmann die Nummer zwei nach Schlecker. Nach dem Zukauf der auf den norddeutschen Raum beschränkten Kloppenburg-Drogeriekette betreibt Rossmann Tradedimensions zufolge gut 1430 Standorte (2007) in Deutschland, also etwas mehr als ein Achtel von dem, was der gelernte Metzgermeister Anton Schlecker aus dem schwäbischen Ehingen zu seinem Reich zählt.

          Inzwischen entwickelt aber auch Erwin Müller, Friseurmeister und Patriarch der gleichnamigen Drogeriekette, neuen Expansionsdrang, auch in Rhein-Main. Brancheninsider schließen aus der künftigen Kapazität des jüngst erweiterten Logistik-Zentrums in Ulm, dass der heute 75 Jahre alte Firmengründer das Haus auf eine drei Mal so große Zahl von Filialen wie bislang bringen will. Allein in Deutschland sei geplant, die Zahl der Dependancen auf 1000 zu erhöhen, heißt es.

          Müller-Filialen sind profitabler als die Schlecker-Konkurrenz

          Verglichen mit Schlecker ist das zwar noch keine beeindruckende Zahl, aus der Sicht von dm und Rossmann schon. Allerdings will Müller mit 1000 Filialen erst dorthin, wo dm schon am Ende dieses Sommers sein wird, wie eine Sprecherin aus der dm-Zentrale sagt. Gut 80 Standorte wird dm dann alleine in Hessen haben, und die Karlsruher wollen noch größer werden. Der deutsche Norden ist als neues Expansionsgebiet ausgemacht, alte Gebietsabsprachen mit der Konkurrenz nicht mehr gültig. Bremen ist dabei nur der Anfang. Der dm-Gründer Götz Werner wünscht sich „keine weißen Flecke mehr auf der dm-Deutschlandkarte“ zu entdecken.

          Abgesehen vom Wachstumsdrang der Konkurrenz und dem steigenden Drogerieartikelanteil bei Lidl, Aldi und anderen Discountern, hat der Branchenriese Schlecker noch ein Problem: Er ist zwar auch dem Umsatz nach mit gut 6,3 Milliarden Euro im Jahr 2007 klar die Nummer eins vor dm mit gut drei Milliarden, Rossmann mit 2,73 Milliarden und Müller mit 1,89 Milliarden Euro. Um diesen Umsatz zu erzielen, benötigt Schlecker aber fast 11 300 Filialen. Müller erzielt mit seinen nur 411 deutschen Standorten immerhin deutlich mehr als ein Viertel des Umsatzes von Schlecker.

          Gute Nischen-Chancen für die Müller-Kette

          Zwar sind die Schlecker-Märkte mit durchschnittlich gut 200 Quadratmetern (ohne Ihr Platz) kleiner als das Gros der Märkte der Konkurrenz. Das relativiert aber diesen Unterschied nur, gleicht ihn längst nicht aus. Denn die Konkurrenz muss zwar je Filiale einen höheren Mietzins veranschlagen. Schlecker hat aber mit viel höheren Logistikkosten zu kalkulieren, er muss seine kleinen Dependancen genauso mit Ware versorgen wie andere ihre 800 oder 1000 Quadratmeter großen Filialen.

          Herbert Kuhn, Experte von Tradedimensions, sieht daher das System Schlecker an seine Grenzen stoßen. Der Müller-Kette traut er dagegen zu, mit einer Art Klein-Kaufhaus-Konzept in einer Nische zu wachsen. Je nach Standort finden sich bei Müller nämlich längst nicht nur Drogerieartikel, sondern auch CDs, DVDs, Parfüm, Schreibwaren, Spielwaren, Haushaltswaren, Bücher, Unterwäsche und Dessous, die Heimtierabteilung nicht zu vergessen.

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