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Digitalisierung : Frankfurter Start-ups greifen große Versicherer an

Gut versichert: Marco Adelt, Steffen Glomb und Chris Lodde (von links), die gemeinsam mit Christopher Oster das Start-up Clark leiten, wollen die Branche aufmischen. Bild: Wonge Bergmann

Die Assekuranzbranche steht vor dem Umbruch: Gründer machen ihr mit neuen Apps und digitalen Produkten das Geschäft streitig. Einige davon kommen aus der Region.

          Die Zukunft der Versicherungsbranche ist nicht leicht zu erreichen, zumindest hier nicht. Wer das Versicherungs-Start-up Clark nahe der Frankfurter Konstablerwache besuchen will, muss viermal klingeln, um durch vier verschlossene Türen zu kommen. Versicherungen sind komplexe Unternehmen, und ähnlich komplex scheint der Weg zu Clark zu sein. Einmal angekommen, bestätigt Chris Lodde, einer der vier Geschäftsführer, den ersten Eindruck. „Versicherungen sind ähnlich spannend und kompliziert wie die Steuererklärung.“ Doch um das zu ändern, gibt es seine Firma.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Clark will, ähnlich wie viele andere junge Versicherungs-Start-ups, die ganze Branche revolutionieren. „Wir sehen hier große Chancen“, glaubt Lodde. Fast alle Branchen hätten einen Wandel hinter sich, der durch die Digitalisierung getrieben wurde. Bei Versicherungen hingegen habe sich in den vergangenen Jahren vergleichsweise wenig getan. „Das ist der letzte Dino, der noch digitalisiert wird.“ Clark, Mitte vergangenen Jahres gegründet, versteht sich als digitaler Versicherungsmakler. Nutzern der App verspricht das junge Unternehmen einen einfachen Überblick über alle Verträge und eine Analyse ihrer Qualität. Wer zwei Reiserücktrittsversicherungen hat, den soll der Clark-Algorithmus eigenständig darauf hinweisen. Das Ziel: All jene Prozesse zu automatisieren, bei denen Kunden der persönliche Kontakt zu einem Makler oder Berater keinen Vorteil mehr bringt.

          Start-ups verändern den Markt mit Innovationen

          Unternehmen wie Clark stehen noch am Anfang, das Start-up beschäftigt derzeit 20 Mitarbeiter. Insgesamt schätzt Christian Richter die Zahl sogenannter Insurtech-Firmen, also Technologie-Start-ups aus der Versicherungsbranche, mit einem bereits funktionierenden Produkt im deutschsprachigen Raum auf etwa 20 bis 25. „Noch haben sie den großen Versicherungen nicht den Rang abgelaufen“, sagt Richter, der in der Geschäftsführung der Technologieberatung Accenture das Thema verantwortet. Bislang seien die neuen digitalen Anbieter klein, zum Teil nicht umfangreich finanziert, und noch verzeichneten große Konzerne wegen der neuen Konkurrenz keine signifikanten Umsatzeinbußen. „Doch dass es so kommt, ist nur eine Frage der Zeit.“

          Denn die großen Versicherungshäuser haben zwar erkannt, dass in Insurtechs neue Wettbewerber heranwachsen, wie eine Studie der Unternehmensberatung ZEB herausgefunden hat. Demnach sind drei Viertel der deutschen Versicherer davon überzeugt, dass Start-ups den Markt mit Innovationen verändern werden. Aber die Befragung ergab auch, dass neun von zehn der befragten Führungskräfte aus der Assekuranz auf ihre bestehenden Geschäftsmodelle vertrauen wollen. „In der gesamten Branche gab es in den vergangenen Jahren kaum Veränderungsdruck“, sagt Clark-Geschäftsführer Lodde. Doch mittlerweile seien die Kunden in allen Lebensbereichen schnelle, flexible – sprich digitale – Prozesse gewohnt. „Anbieter, die sich dem verweigern, werden es schwer haben, langfristig zu bestehen“, davon ist er überzeugt.

          Berater Richter sieht das ähnlich und weist darauf hin, dass die Versicherungen innerhalb der Vielzahl ihrer internen Prozesse sowie ihrer Produkte und Dienstleistungen „eine große Angriffsfläche bieten, an denen Insurtechs ihnen das Geschäft streitig machen können“.

          Wie das funktioniert, das kann man auch in einem Achtzigerjahrebau im Frankfurter Westend erleben. Dort sitzt das Start-up Asuro. Geschäftsführerin Marina Zubrod empfängt den Besucher in für Gründer untypisch großen Büroräumen. Asuro ist eine Ausgründung des Maklerunternehmens Hoesch&Partner, hat 13 Mitarbeiter und bietet eine kostenlose App für das Versicherungsmanagement, in der Kunden sämtliche Policen von sich bündeln und verwalten können – unabhängig vom Anbieter. Marina Zubrod sagt, Versicherungsprodukte müssten künftig besser auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen. Lange Zeit sei jener Kunde zufrieden gewesen mit einem weitgehend unveränderten Angebot. „Doch heute will keiner, der gerade einen Vertrag abgeschlossen hat, drei Tage warten, bis die Police per Post eingetroffen ist.“

          „Wir wollen nicht gegen die Versicherer antreten“

          Deshalb geht Zubrod davon aus, dass sich die Branche und die Konzerne in den kommenden Jahren stark verändern werden, „sie werden bald weniger Personal haben“. Ein bis zwei Jahre seien Versicherungen mit der Insurtech-Konkurrenz gegenüber Banken und Fintechs zurück, sagt Zubrod, und Berater Richter sieht das genauso. Aber die Geschwindigkeit, mit der Insurtechs aufholten, ist umso größer. „Viele Experten gehen davon aus, dass der Effekt, mit denen sie die Branche durcheinanderwirbeln werden, umso größer sein wird“, so Richter. Immerhin nimmt er wahr, dass sich die Konzerne mit Minderheitsbeteiligungen und der Gründung von Inkubatoren zunehmend an der Entwicklung beteiligten.

          Auch Clark sorgte erst Anfang August mit einer Finanzierungsrunde für Aufsehen, in der das Start-up von Investoren 13,2 Millionen Euro Kapital einsammelte. Das Geld kam zwar nicht aus einem der großen Assekuranzkonzerne. Dennoch wehrt sich Lodde gegen das klassische Konkurrenzdenken: „Wir wollen nicht gegen die Versicherer antreten“, sagt er. Ziel sei vielmehr, das Kundenerlebnis zu verbessern.

          Das Besuchererlebnis bei Clark jedenfalls ist ein besonderes. Dass man viermal klingeln muss, um reinzukommen, hat aber nicht mit Geheimniskrämerei zu tun, sondern schlicht mit der Sicherheit ihrer Nachbarn: Im gleichen Haus sitzt das ukrainische Generalkonsulat.

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