https://www.faz.net/-gzg-9s1xy

Digitale Landwirtschaft : Frisches Wasser aus Gülle

Interessiert: Julia Klöckner besucht Gründer im Frankfurter Techquartier Bild: BMEL

In Frankfurt präsentieren junge Unternehmer Ideen für eine digitale Landwirtschaft. Die Bundesagrarministerin ist angetan – und verspricht einem Start-up aus Darmstadt direkt ihre Unterstützung.

          3 Min.

          Die Freude über die Worte aus berufenem Munde war Tim Kirchhof anzusehen. Denn gerade hatte Julia Klöckner die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft dem jungen Gründer mitgeteilt, was sie von seiner Erfindung hält. Und das Statement der CDU-Politikerin war eindeutig. „Ich brauch‘ das dringend, was Sie da machen.“ Kirchhof hat mit seinem Start-up Traplinked fernüberwachte Fallen für Ratten und Mäuse entwickelt, die verhindern sollen, dass zum Beispiel in Bäckereien stattdessen weiterhin Giftköder ausgelegt werden. Klöckner könnte sich vorstellen, mithilfe dieser automatisch überwachten Fallen den Einsatz toxischer Stoffe zu reduzieren. „Das würde mir gefallen“, sagt sie.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Horst Reinhardt betrachtet den Dialog zwischen der Ministerin und dem jungen Unternehmer im Frankfurter Gründerzentrum Tech Quartier mit einem zufriedenen Lächeln. Zum zweiten Mal hat die Landwirtschaftliche Rentenbank als Förderbank des Bundes für die Agrar- und Ernährungswirtschaft gemeinsam mit dem Tech Quartier ein Programm ausgeschrieben, das sich an Start-ups aus ganz Deutschland richtet. In dieser Woche sind Gründer von zehn jungen Unternehmen deshalb in Frankfurt zusammengekommen. Das Ziel: Neue Technologien für die Landwirtschaft auf den Feldern „Agtech“ (Agrartechnik) und „Foodtech“ (Ernährungstechnik) zu entwickeln.

          Als die Gründer ihre Projekte der Ministerin Klöckner und Horst Reinhardt, Vorstandssprecher bei der Rentenbank, vorstellen, zeigt sich die breite Palette der Idee: Das Start-up Seperight aus Oldenburg etwa verwertet Gülle nachhaltig zu Strom und Wasser, während Beesharing aus Münster sich um eine digital unterstützte Bestäubung von Bienen kümmert. Reinhardt sagt, Start-ups stünden häufig vor der Herausforderung, einerseits Innovationen entwickeln, gleichzeitig aber auch ihr Unternehmen aufbauen zu müssen. Die Gründerwoche der Rentenbank und des Tech Quartiers soll helfen, klassische Fehler zu vermeiden und neue Lösungen zu entwickeln, sei es durch Seminare, durch das Netzwerken untereinander, durch Gespräche mit Investoren – oder eben durch den Austausch mit der zuständigen Bundesministerin.

          So effizient wie möglich

          Die ist von der Haltung der Unternehmer angetan. Klöckner hat für die Förderung von Innovationen in der Landwirtschaft 110 Millionen Euro für zwei Jahre bereit gestellt und hebt hervor, dass neue Unternehmen mit frischen Ideen eine wichtige Rolle für eine zukunftsfähige Landwirtschaft in Deutschland spielten, in der Ressourcen geschont werden sollen, ohne dass die Effizienz der Produktion darunter leiden muss. Simon Schild von Spannenberg hört das gerne. Gemeinsam mit zwei Studienkollegen von der Technischen Universität Darmstadt hat er vor kurzem das Unternehmen Spray Patternator gegründet. Das Unternehmen will mithilfe digitaler Methoden erreichen, dass beim Versprühen von Pflanzenschutzmitteln auf Feldern weniger verbraucht wird als bisher.

          Schließlich seien die Düsen, mithilfe derer das Mittel auf Feldern verteilt wird, häufig verstopft, der Stoff komme deshalb oft nicht dort an, wo er hin solle. Ein Sensor des Unternehmens soll von jedem Sprühprozess ein digitales Bild erzeugen und damit helfen, die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln genau nachzuverfolgen und so zu optimieren. „Es geht nicht ohne Pflanzenschutzmittel, aber wir wollen ihren Einsatz so effizient wie möglich gestalten“, sagt der Unternehmer aus Griesheim bei Darmstadt. Die Genauigkeit vergleichbarer Geräte derzeit am Markt entspreche nicht mehr heutigen Standards und sorge für zu hohe Verluste. Immerhin vier Prototypen habe man seit der Ausgründung aus der Darmstädter Uni bereits entwickelt, das sei „teuer und zeitaufwendig“ gewesen, berichtet Schild von Spannenberg. Zwar sei man vom Bundeswirtschaftsministerium in das Förderprogramm „Exist“ aufgenommen worden. „Aber uns fehlt die Anschlussfinanzierung.“

          Klöckner ist beeindruckt. „Super Idee“, sagt sie und schlägt vor, das Start-up mit einem großen Hersteller von Landmaschinen in Kontakt zu bringen, um so gemeinsam an neuen Produkten zu arbeiten. Zudem weist die Ministerin darauf hin, dass bereits 21 Start-ups von dem Innovationsprogramm ihres Ministeriums profitierten. Darüber hinaus suche man weiter nach Möglichkeiten, das Potential der Rentenbank als Förderbank des Bundes besser für Gründer auszuschöpfen. Mit der Gründerwoche im Tech Quartier scheint eine Initiative bereits etabliert zu sein, wie auch das Interesse am heutigen Demo Day, wo Gründer ihre Produkte einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen, zeigt: Die Veranstaltung ist seit langem ausgebucht.

          Weitere Themen

          Continental-Werke in Aufruhr

          Stellenabbau : Continental-Werke in Aufruhr

          Arbeitnehmer von Continental wollen sich gegen Sparpläne des Autozulieferers wehren. Die Gewerkschaft IG Metall hat zu einem Aktionstag aufgerufen. In Hessen will der Konzern mehr als 3000 Mitarbeiter entlassen.

          Topmeldungen

          Frankfurt am Main : Stadt der Türme

          Nicht nur den Banken hat Frankfurt seine in Deutschland einzigartige Skyline zu verdanken. Auch Gewerkschaften und Seifenfabrikanten bauten schon Hochhäuser. Wir zeigen die größten und schönsten.

          Bei Vortrag angegriffen : Weizsäcker-Sohn in Klinik getötet

          Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten, ist von einem Angreifer in Berlin bei einem Vortrag erstochen worden. Der Täter wurde festgenommen, über sein Motiv besteht noch Unklarheit.
          Derzeit besonders im Blickpunkt, aber schweigsam: Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann mit seiner Frau Zübeyde

          Vorwürfe gegen Feldmann : Die Stille nach dem Knall

          Die Frau des Frankfurter Rathauschefs Peter Feldmann soll als Kita-Leiterin außer einem Dienstwagen auch ein erhöhtes Gehalt beziehen. Eine politische Affäre wird daraus, falls Feldmann Einfluss genommen hat.

          Braunau : In Hitlers Geburtshaus zieht die Polizei ein

          Nach einem jahrelangen Rechtsstreit hat Österreich angekündigt, das Geburtshaus von Adolf Hitler in eine Polizeistation umzuwandeln. Das Haus dürfe „niemals ein Ort zum Gedenken an den Nationalsozialismus sein", so Innenminister Peschhorn.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.