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Digitale Immobilienverwaltung : Blutstrom für Vermieter

Angriff der Proptechs: Sascha Donner (links) und Peter Moog wollen mit Evana die Immobilienbranche verändern. Bild: Wolfgang Eilmes

In Frankfurt haben Gründer die Immobilienbranche für sich entdeckt. Nun wollen die Proptechs den Markt erobern. Die Nachfrage ist groß. Mit ihrer Idee könnten Vermieter es bald einfach haben.

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          Eine relativ einfache Frage ist für Peter Moog schwer zu beantworten. Die Zahl ihrer Mitarbeiter haben Unternehmensführer in der Regel schnell parat, und Start-ups aufgrund ihres Alters und der meist überschaubaren Menge des Personals ohnehin. Doch der Geschäftsführer der erst drei Jahre alten Frankfurter Evana AG muss überlegen. Und antwortet dann, er wisse gar nicht so genau, wie viele Menschen derzeit für ihn arbeiteten. Das liegt nicht am fehlenden Interesse an den Angestellten, sondern schlichtweg am schnellen Wachstum, sagt Moog. „Wenn ich mal zwei Wochen nicht im Büro bin, begegne ich schon wieder etlichen neuen Gesichtern, die ich bisher nicht kannte.“

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Derzeit zählt das Unternehmen mit Sitz im Frankfurter Westend 85 Mitarbeiter, Ende des Jahres sollen es etwa 120 sein – das sind relativ hohe Zahlen angesichts des Alters. Evana steht mit diesem Wachstum stellvertretend dafür, dass sich die Immobilienbranche in einem von der Digitalisierung getriebenen Veränderungsprozess befindet. Bis vor einigen Jahren sei dort der Professionalisierungsgrad noch sehr gering gewesen, berichtet Alexander Ubach-Utermöhl. Er ist Geschäftsführer bei Blackprintpartners, das sich an jungen, digitalen Immobilienfirmen – die neudeutsch als Proptechs bezeichnet werden – beteiligt und sie mit anderen Gründern, aber auch mit großen Investoren zusammenbringt. In dieser Rolle hat sich Ubach-Utermöhl in den vergangenen Jahren einen Überblick über die wachsende Proptech-Szene verschafft, zuletzt waren dem Unternehmer zufolge gut 400 bundesweit registriert. Schwerpunkt der Szene ist demnach Berlin; auch in Hamburg und München fänden sich viele Proptechs, so Ubach-Utermöhl, „und Frankfurt holt auf“. Derzeit sind ihm zufolge in Hessen 32 Immobilien-Start-ups zu finden.

          In den vergangenen Jahren hat sich in Frankfurt eine kleine Proptech-Szene entwickelt, auch, weil mit Blackprintpartners, die im Gründerzentrum Tech Quartier sitzen, ein Investor dort seine Heimat hat. Alexander Ubach-Utermöhl glaubt deshalb, es könne gelingen, Frankfurt zu einem starken Proptech-Standort zu machen. So hat sich etwa das Start-up Roomhero, das mithilfe von Algorithmen hilft, Wohn- und Büroflächen schnell, schick und günstig einzurichten, so gut entwickelt, dass es gerade ein deutlich größeres Büro bezogen hat. Das ebenfalls aus Frankfurt stammende Proptech Cunio hat eine App entwickelt, das die Kommunikation von Mietern im Haus, aber auch mit dem Eigentümer verbessern und so kurz gesagt die Pinnwand im Hausflur ersetzen soll. Und die Gründer von Homesharingservices wollen Besitzern von Wohnungen helfen, diese in Abwesenheit, etwa bei einer längeren Reise, einfach und zu einem guten Preis über die Plattform Airbnb zu vermieten.

          Verknüpfter Kettenprozess

          Das wohl am schnellsten wachsende Proptech ist Evana. Das Unternehmen will die Geschäftsabläufe von Unternehmen, die viele Immobilien besitzen, mithilfe künstlicher Intelligenz revolutionieren. Bisher, erklärt Mitgründer Sascha Donner, liefen die Prozesse dort noch an vielen Stellen analog ab. So kündigten Mieter ihre Wohnungen häufig mit einem individuell verfassten Schreiben, das per Post versandt wird. Künftig soll die Evana-Lösung dafür sorgen, dass solche Schreiben wie eine Kündigung digital ausgelesen werden. Die Software erkennt automatisch anhand von bestimmten Formulierungen und Schlüsselbegriffen, dass es sich um eine Kündigung handelt. Mithilfe der Technologie werden dann verschiedene Prozesse ausgelöst, im Falle der Kündigung etwa die Suche nach einem neuen Mieter, die Übergabe der alten Wohnung und die Bestätigung der Kündigung. Der bislang damit verbundene Schriftverkehr zwischen den Abteilungen entfällt.

          Für Vermieter, die sich nicht selbst um ihre Wohnungen oder Häuser kümmern, bietet die Software auch Transparenz. „Viele Asset-Manager wissen gar nicht, wie viele Objekte sie haben oder ob die letzte Mieterhöhung wirklich durchgeführt wurde“, erklärt Moog. Zwar gibt es in der Branche bereits Angebote, die Immobilienverwaltern, die Evana zu seinen Kunden zählt, unterstützt. Doch Sascha Donner hebt hervor, dass die meisten bisher Insellösungen seien. Evana biete Besitzern großer Immobilien-Portfolios ein Komplettpaket an. „Wir wollen die riesigen Datenmengen, die bisher auf vielen kleinen Inseln verteilt sind, wie mit einem Blutstrom verbinden.“ Bisher zählt Evana etwa 20 Kunden, darunter große Unternehmen wie Patrizia Immobilien mit laut Donner rund 1500 Liegenschaften. Die Nachfrage nach dem Evena-Modell ist laut Aussage der Gründer groß, „wir können uns kaum retten“, berichtet Donner. Ursprünglich stammt Evana aus Saarbrücken, dort, ganz in der Nähe des Forschungszentrums für künstliche Intelligenz, sind die Informatiker des jungen Unternehmens zuhause. Doch die Zentrale ist in Frankfurt, „weil wir hier die Nähe zu den potentiellen Kunden haben“, wie Peter Moog begründet.

          Dabei ist Geschwindigkeit ein wichtiger Aspekt der Unternehmensstrategie. Laut Ubach-Utermöhl gibt es weltweit etwa 6000 Proptechs, die meisten in den Vereinigten Staaten. Bei Evana geht es deshalb auch noch nicht darum, mit der Software Geld zu verdienen, das ist erst im Jahr 2020 geplant. Bislang arbeiten die Gründer daran, ihr Produkt möglichst schnell auf den Markt zu bringen, schließlich lebt eine einmal entwickelte Software von der Menge derer, die sie nutzt. Noch in diesem Jahr will Evana seine Lösung in anderen Ländern Europas vorstellen, 2020 sind die Vereinigten Staaten an der Reihe. Weil die technische Grundlage des Produkts komplex sei, konzentriere man sich derzeit auf die Immobilienbranche. Doch schon bald könne man die Anwendung zum Beispiel in anderen Segmenten nutzen, etwa in der Versicherungsbranche oder in Anwaltskanzleien. Evana will wachsen, so viel steht fest. Die Zahl der Mitarbeiter dürfte sich daher in den nächsten Monaten noch öfters ändern.

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