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Kraftfahrtbundesamt : Diesel-Krise schiebt Absatz von Elektroautos an

Strom von Aldi: Der Discounter lockt schon mit unentgeltlichen Solartankstellen für Kunden mit „Stromer“. Bild: Kerstin Papon

Die Autobauer haben das Vertrauen in den Dieselantrieb geschwächt. So sehr, dass sich die Käufer langsam, aber zunehmend für Elektroautos interessieren.

          Die Diesel-Krise befeuert offenbar das Wachstum der E-Mobilität. Zwar bewegen sich die Neuzulassungen von Elektroautos in absoluten Zahlen noch immer auf niedrigem Niveau, und die eine Million reinen Elektroautos, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2020 auf deutschen Straßen sehen wollte, werden mit ziemlicher Sicherheit nicht erreicht. Aber die reinen Stromer und noch mehr die Autos mit Hybridantrieb, also Fahrzeuge, bei denen sowohl Verbrennungs- als auch Elektromotoren Räder antreiben, legen immer kräftiger zu.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          So weisen die jüngsten Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamtes im September für Hybridfahrzeuge im Vergleich zum September 2016 ein sattes Plus von 76,4 Prozent auf 8674 Neuzulassungen aus. Bei den rein elektrischen Autos sind es 2247 neu zugelassene Fahrzeuge, was ein Zuwachs von fast 37 Prozent bedeutet. Die Auswertung der Zahlen nach Bundesländern sind noch nicht veröffentlicht, die Werte für Hessen liegen aber in aller Regel bei etwa zehn Prozent der Zahlen für ganz Deutschland.

          Deutsche freunden sich mit Elektroantrieb an

          Dass sich die deutschen Autokäufer unter der anhaltenden Verunsicherung in Sachen Diesel allmählich doch dem Elektroantrieb oder mindestens einer Antriebskombination aus Verbrennungs- und Elektromotor zuwenden, lässt sich auch an der Zahl der Förderanträge ablesen, die Autokäufer beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle in Eschborn stellen können. Sie ist inzwischen deutlich gestiegen auf 33 660, Stand 30. September. Bemerkenswert ist dabei, dass die reinen Elektrofahrzeuge mit fast 19 600 noch vor den Plug-in-Hybriden liegen.

          Ob es an der noch dürftigen Lade-Infrastruktur liegt oder daran, dass auch ein mit Kohlestrom versorgtes Elektroauto nicht als emmissionsfrei gelten kann, muss an dieser Stelle offenbleiben, jedenfalls erweisen sich die Hessen ausweislich der Antragsstatistik nicht eben als Vorreiter der Elektromobilität: Mit 2653 Anträgen liegt das Bundesland auf Rang fünf, hinter Bayern, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Dabei entfielen von den in Hessen gestellten Anträge 1436 auf reine Elektroautos und 1216 auf Hybrid-Fahrzeuge.

          Noch viel Luft nach oben

          Die steigende Zahl von Anträgen für Elektro- und Hybridfahrzeuge bei der Eschborner Behörde gibt ein klein wenig Grund zur Hoffnung. Hält man sich allerdings vor Augen, dass bei der Umweltprämie, mit der man vor einigen Jahren alte Dieselfahrzeuge aus dem Verkehr ziehen und den Kauf neuer ankurbeln wollte, in wenigen Tagen 150.000 Anträge eingingen, bleibt die Größenordnung der E-Mobilitäts-Förderanträge ernüchternd.

          Noch viel ernüchternder sind allerdings für die Verfechter des Dieselmotors die neuesten Zulassungszahlen der Selbstzünder. Im Vergleich zum September 2016 sind sie um mehr als ein Fünftel gefallen. Der Anteil der Dieselfahrzeuge an den Neuzulassungen beläuft sich nach Angaben des Kraftfahrbundesamtes nun auf nur noch 36,3 Prozent. Vor der Diesel-Krise hatte er jenseits der 50 Prozent gelegen. Im Sommer wurden erstmals seit sieben Jahren wieder mehr Autos mit Benzinmotor als mit Dieselantrieb verkauft.

          Hessens Kraftfahrzeuggewerbe warnt Mitgliedsunternehmen

          Auch im September profitierten die Benziner wieder, die Neuzulassungen stiegen im Vergleich zum Vorjahresmonat um 8,7 Prozent, deren Anteil an allen Neuzulassungen beträgt jetzt fast 60 Prozent. Das hessische Kraftfahrzeuggewerbe warnt inzwischen, dass die Diesel-Krise zu einem ernsthaften Problem für manches Mitgliedsunternehmen werden könnte. In ganz Deutschland stünden riesige Bestände an gebrauchten Dieselfahrzeugen auf den Höfen der Händler. Sie seien gar nicht mehr oder nur noch mit gewaltigen Abschlägen abzusetzen.

          Auf 300.000 Fahrzeuge mit einem Wert von rund 4,3 Milliarden Euro belaufen sich den Angaben zufolge die deutschlandweiten Bestände. Geht man auch hier wieder von der Faustformel aus, dass für Hessen etwa ein Zehntel der Zahlen im Bund anzusetzen ist, erscheinen die Befürchtungen des hessischen Branchenverbands nicht unbegründet. Die Wanderungsbewegung vom Diesel zum Benziner sorge im Automobilhandel für wachsende Sorgen, bestätigt Jürgen Karpinski, Präsident des Kraftfahrzeug-Landesverbands. Die Branche müsse auf jeden Fall Abschreibungen vornehmen.

          E-Autos und Hybride auch als Gebrauchte gefragt

          Zugleich beobachten die hessischen Betriebe, dass reine E-Autos und Hybridfahrzeuge inzwischen auch als Gebrauchte gefragt sind, wenn auch noch mit geringen Stückzahlen. Den Angaben zufolge legten reine Elektrofahrzeuge um 96,2 Prozent zu auf jetzt 51 Halterwechsel, bei den Hybrid-Personenwagen wuchsen die Halterwechsel um 95,6 Prozent auf nunmehr 352.

          Bei den Firmenflotten spielen diese Antriebe aber praktisch noch keine Rolle, da dominiert im Moment weiterhin der Diesel. Das kann sich allerdings rasch ändern, wie Experten sagen. Zuletzt waren mehr als 70 Prozent der Autos von Unternehmen mit einem Dieselmotor ausgestattet. Rücken aber auch Firmen vom Diesel ab und stellen wieder auf Benziner mit gleicher Leistung um, geraten die Hersteller noch mehr unter Druck. Denn ihre Flotten würden so womöglich die Limits der Kohlendioxid-Vorschriften der Europäischen Union nicht schaffen, was Strafzahlungen in Millionenhöhe nach sich ziehen könnte.

          Den massiven Rückgang der Dieselzulassungen, der aktuell auch in Hessen zu beobachten ist, hat Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg-Essen und Leiter des dort angesiedelten Centers Automotive Research, schon vor Monaten vorausgesagt. Seiner Ansicht nach bleibt den Autobauern gar nichts anderes übrig, als den Umstieg in die Elektromobilität weiter zu beschleunigen. Das Problem mit der Lade-Infrastruktur und der mehr oder auch weniger sauberen Stromquellen ist dabei allerdings noch nicht gelöst.

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