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Kein Deal, aber trotzdem Geld : „Das gab es bei der Höhle der Löwen noch nie“

  • -Aktualisiert am

Bei der Höhle der Löwen: das Frankfurter Start-up Talking Hands Bild: Marcus Kaufhold

Mit Daumenkinos wollen zwei Gründerinnen Gebärdensprache vermitteln. Nun suchten sie in der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ vor Millionen Zuschauern nach einem Investor. Einen Deal gab es zwar nicht, aber dennoch Geld.

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          Quadratisch, bunt und broschürendünn sind die Lehrbücher, die Maria Möller zusammen mit ihrer Freundin Laura Mohn entwickelt hat, die als Daumenkino jeweils die Gebärde für ein bestimmtes Wort erklären. Wer sie durchblättert, sieht dann zum Beispiel, wie zwei Hände die Geste für Ball formen. Mit dieser Idee hatten die beiden vor wenigen Wochen erst den Gründerpreis der Stadt Frankfurt und damit 12.500 Euro Preisgeld gewonnen. Nun erhofften sich Mohn und Möller sogar 100.000 Euro – und boten den Investoren in der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ dafür 15 Prozent. 

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie sie sind nicht die ersten Gründer aus Hessen, die sich um die Fernsehinvestoren bemühen: Der Pizzateigbäcker Lizza, die Konto-App Finanzguru und die Anti-Migräne-Schlafmaske Mysleepmask konnten in den vergangenen Jahren bereits lukrative Deals mit prominenten Geldgebern wie Carsten Maschmeyer, Nico Rosberg und Ralf Dümmel abschließen. Andere Bewerber sind allerdings auch gescheitert, etwa die Radspeichen-Werbevermittlung Bikuh. „Wir lassen Hände sprechen“, erklären die Gründerinnen ihr Konzept. Jedes zehnte Kind in Deutschland habe eine Höreinschränkung. Aber das Buch sei für alle Kita-Kinder gedacht, damit Inklusion gelinge. Getestet werde bereits aber auch eine Talking-Hands-App, bei der Gebärden nachgeschlagen, aber auch mit Ratespielen erlernt werden könnten. 

          „Das ist geradezu hinreißend“, lobt der frühere Fernsehmanager Georg Kofler. Das sei mal keine verkrampfte Inklusion. Sensationell und clever, findet auch die Shopping-TV-Königin Judith Williams. „Totale Hochachtung“, ergänzt Dagmar Wöhrl. Und hat eine Idee: Sie selbst werde zwar nicht investieren, aber werde für ihre Stiftung die Bücher für 10.000 Euro kaufen. Diesem Vorgehen schließen sich Carsten Maschmeyer, Judith Williams und Georg Kofler sofort an. „Ihr seid eben kein klassischer Investmentcase, aber unbedingt förderungswürdig“, erklärt Kofler diese ungewöhnliche Form der Finanzierung. „Das gab es bei der Höhle der Löwen noch nie.“  

          Frankfurter Gründerpreisträger 2021: Maria Möller (links) und Laura Mohn mit einem Gebärdensprache-Daumenkino Talking Hands für das zum Wort „Huhn“
          Frankfurter Gründerpreisträger 2021: Maria Möller (links) und Laura Mohn mit einem Gebärdensprache-Daumenkino Talking Hands für das zum Wort „Huhn“ : Bild: Marcus Kaufhold

          Die Daumenkinos hatte Laura Mohn als Studentin entwickelt: Als sie vor zwei Jahren an der Frankfurter European School of Design zu ihrer Abschlussprüfung erscheint, hat sie 100 der schmalen Daumenkinos im Gepäck. Ihr Projekt nennt die angehende Kommunikationsdesignerin „Talking Hands“. Die Bilder zeigen die Bewegungsabläufe der gebärdenunterstützten Kommunikation nach Etta Wilken, welche Kindern mit Schwierigkeiten beim Spracherwerb helfen soll, über begleitende Gebärden zur Lautsprache zu kommen. Eine solche Entwicklungsverzögerung tritt unter anderem bei Kindern mit Down-Syndrom häufig auf. Mohns Daumenkinos bilden eine Art Grundwortschatz für Kleinkinder, basierend auf Wilkens Methode.

          Nächtelang hat sie daran gearbeitet, manchmal bis sechs Uhr morgens, um jede der rund zweitausend Zeichnungen zu perfektionieren. Mit Rat und Kaffee steht ihr damals besonders ihre Studienfreundin Maria Möller zur Seite. Beide wohnen zu dieser Zeit in Berlin. Viel ausgemacht habe ihr der Arbeitsaufwand nicht, sagt die Sechsundzwanzigjährige heute. „Ich liebe es einfach.“ Vielleicht auch, weil ihr diese Liebe in die Wiege gelegt worden sei. Ihre Mutter und ihre große Schwester, die das Down-Syndrom habe, seien beide künstlerisch tätig.

          Die Idee zur Abschlussarbeit sei von der Geschichte ihrer Schwester inspiriert. Als sie noch klein war, habe die Familie eigene, ausgedachte Gebärden genutzt, um sich zu verständigen. Die Methode der gebärdenunterstützten Kommunikation habe sie erst im Nachhinein erlernt, sagt Mohn über sich. Mit ihrem Abschlussprojekt habe sie etwas schaffen wollen, das Kindern mit und ohne Behinderung auf eine visuell ansprechende Weise spielerisch die Kommunikation erleichtere.

          Ein Daumenkino für den Begriff Pferd in der Gebärdensprache wird durchgeblättert.
          Ein Daumenkino für den Begriff Pferd in der Gebärdensprache wird durchgeblättert. : Bild: Lucas Bäuml

          Die Prüfung besteht sie gut, trotz der Sehnenscheidenentzündung, die Mohn vom vielen Zeichnen davongetragen hat. Nach dem Abschluss lässt sie die Idee nicht los, das Projekt weiterzuverfolgen. Sie fragt wieder Maria Möller um Rat, und die zögert nicht lange. Unzufrieden mit ihrem Job in einer Berliner Werbeagentur, packt Möller ihre Sachen und zieht zurück nach Frankfurt. Aus dem Studienprojekt soll ein Geschäftsmodell werden. Mohn fungiert als kreativer Kopf, Möller kümmert sich um das laufende Geschäft. Im Februar 2020 machen die jungen Frauen ihre Daumenkinos auf einer eigenen Internetseite bekannt. Viele Kindergärten melden sich, aber auch Logopäden, Arztpraxen und Eltern von Kindern mit Down-Syndrom oder anderen Problemen beim Spracherwerb.

          Trotz der Pandemie geht es seit der Freischaltung der Internetseite stetig bergauf. Seit Juni 2020 sind die beiden Mitglieder des Unibator-Förderprogramms der Frankfurter Goethe-Universität. Die erste Auflage finanzieren die Gründerinnen komplett aus eigener Tasche. Eine Druckerei in Bad Nauheim drucke sie mit ungiftiger Farbe auf widerstandsfähigem Volumenpapier. Das Ergebnis einer Lernkurve, sagt Möller. „Wir haben uns ein bisschen die Welt des Papiers hinein gelebt.“ Vor allem die Rückmeldung der Frankfurter Kita Grüne Soße habe ihnen geholfen, die Produkte zu optimieren. Beispielsweise hätten sie die Daumenkinos noch einmal verkleinert, damit kleine Kinderhände sie besser halten können.

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