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Gesundheitsbranche und Corona : „Denkanstöße durch die Pandemie“

Führungs-Duo: Anna Eichhorn und Stefan Grüttner stehen an der Spitze der hessischen Gesundheitswirtschaft. Bild: Wonge Bergmann

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise? Die Vorsitzenden des Vereins Gesundheitswirtschaft Rhein-Main sprechen im Interview über Veränderungen durch die Pandemie, gestiegene Reputation für Branche und Bereiche, die gestärkt aus der Krise hervorgehen.

          5 Min.

          Ist die Gesundheitswirtschaft Gewinner oder Verlierer der Corona-Pandemie?

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eichhorn: Insgesamt hat die Gesundheitsbranche, für die wir sprechen und für die wir eine Plattform sind, an Aufmerksamkeit gewonnen, an positiver Reputation. Es hat sich gezeigt, wie wichtig ein gutfunktionierendes Gesundheitssystem ist. Das hat zu mehr Wertschätzung geführt. Es gibt Themen wie die Digitalisierung, die Fahrt aufgenommen und Zuspruch gewonnen haben.

          Auch die Forschung, aus der Sie selbst kommen, hat an Ansehen gewonnen. 

          Eichhorn: Ja, die Wertschätzung für meine Branche der Biotechnologie ist insbesondere durch die Impfstoffhersteller gestiegen. Bisher war das Interesse daran nicht so groß.Das freut mich persönlich natürlich sehr. Auch das Vertrauen in Wissenschaft und Forschung und deren Ergebnisse ist gestiegen.

          Es gibt jedoch auch Verlierer?

          Grüttner: Es wird Bereiche geben, die gestärkt hervorgehen, und andere, die zu kämpfen haben. Das kann man heute noch nicht endgültig beurteilen, wo das der Fall sein wird. In der stationären Versorgung zum Beispiel haben die großen Krankenhäuser mit dem enormen Rückgang der elektiven Eingriffe zu kämpfen. Es sind weniger Patienten behandelt worden. Das trifft auch auf Arztpraxen zu. Der Verein Gesundheitswirtschaft Rhein-Main wird eine Plattform bieten, um dies zu diskutieren und zu einem Meinungsaustausch zu kommen. Mit diesen Themen müssen wir uns auseinandersetzen, dafür sind wir da.

          Die ganze Zeit hieß es, dass zu viele Eingriffe gemacht würden und die Patienten zu oft in die Arztpraxen kämen. Jetzt wird viel Geld für eine Werbekampagne in die Hand genommen, um Patienten in die Kliniken und Praxen zurückzuholen.

          Grüttner: Die Werbekampagne sehe ich fast mit einem lachenden Auge. Bis vor ein paar Monaten wäre es nicht denkbar gewesen, dass sich in Hessen die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenhausgesellschaft auf eine gemeinsame Aktion verständigen. Da hat Corona etwas Positives bewirkt. Die Kommunikation der beiden Sektoren hat sich in den letzten Wochen verbessert, woran ich als Berater auch einen gewissen Anteil hatte. Da hat man eine offene Tür genutzt, um gemeinsam durchzugehen. Es wurden Strukturen geschaffen, die Bestand haben werden.

          Die Kampagne finden Sie sinnvoll?

          Grüttner: Die Kampagne hat einen ernsten Hintergrund. So ist zum Beispiel die Zahl der Patienten, die wegen eines Schlaganfalls stationär behandelt wurden, in der Corona-Krise um 50 Prozent zurückgegangen. Das heißt aber nicht, dass es weniger Schlaganfälle gegeben hat. Die Patienten hatten vielmehr Angst, sich in Behandlung zu begeben. Viele Dinge, die medizinisch hätten gemacht werden müssen, wurden nicht gemacht. Das wird in der Zukunft Probleme bereiten. Deshalb muss man vermitteln, dass man sowohl in der Arztpraxis als auch im Krankenhaus sicher und ansteckungsfrei behandelt wird.

          Meinen Sie, dass das gestiegene Ansehen des Gesundheitswesens es leichter macht, künftig Nachwuchs zu finden?

          Eichhorn: Das sind genau die Fragen, die wir mit unseren Mitgliedern diskutieren wollen. Uns geht es darum, die Akteure, die sich darüber Gedanken machen, zusammenzubringen, damit sie sich darüber austauschen können. Ich persönlich finde, die Pandemie hat uns viele Denkanstöße gegeben.

          Was sind die dringlichsten Themen, über die Sie als nächstes diskutieren wollen?

          Grüttner: Ein Verein wie die Gesundheitswirtschaft Rhein-Main, der seine Stärke im Austausch und der Vernetzung hat, steht vor einer besonderen Herausforderung, weil man sich derzeit nicht persönlich treffen kann. Im persönlichen Gespräch erwachsen Meinungsbildungen und Konzepte. Unsere wesentliche Aufgabe ist es deshalb, wenn es Lockerungen geben wird, wieder Präsenzveranstaltungen zu organisieren. Parallel müssen wir uns Konzepte überlegen, wie wir die Ziele auch in digitaler Form erreichen können. Damit haben wir schon vor Corona begonnen, indem wir die Website neu gestaltet und einen internen Mitgliederbereich geschaffen haben, der zum Austausch genutzt werden kann.

          Der Austausch wird sich ändern?

          Eichhorn: Wir müssen aktuell, wie so viele, auf Sicht fahren, müssen sehen, welche Formate sich in den nächsten Monaten realisieren lassen. Wir brauchen Flexibilität und Kreativität in den Konzepten. Das treibt uns an. Wir wollen die ausgetretenen Pfade verlassen. Wobei wir das nicht erst jetzt tun, das hat schon beim vorigen Wechsel im Vorsitz von Herrn Gerster zu Herrn Burkhart begonnen. Wir wollten eine Neuausrichtung des Vereins, eine Digitalisierung des Vereinslebens. Vielleicht hat die Pandemie das noch einmal gepusht. Es ist ein Weiterführen einer begonnenen Idee.

          Mir ging es allerdings weniger um die Formate als um Inhalte. Was haben Sie sich da vorgenommen?

          Grüttner: Zum Beispiel die Frage, ob Apps im Gesundheitswesen Sinn machen. Ist das Spielzeug oder eine Hilfe? Wie geht es weiter mit elektronischer Patientenakte oder elektronischem Rezept? Die gesamte Telemedizin hat einen neuen Schub bekommen. Wie können wir kanalisieren, was für die Versorgung wichtig ist. Wie Transparenz schaffen, damit Patienten den Überblick behalten. Das sind Themen, die wir in der nächsten Zeit bearbeiten wollen.

          Zur Telemedizin hat der Verein schon zuvor Kongresse organisiert. Welche neuen Themen gibt es?

          Eichhorn: Wir legen keine Themen fest, sondern stehen in einem engen Austausch mit unseren Mitgliedern und hören, was diese beschäftigt. Welche Themen hätten sie gerne aufbereitet? So verstehe ich die Vereinsarbeit. Es gibt Sachen, die uns persönlich interessieren, aber die machen wir nicht zum Thema der Frühjahrstagung. Wir haben noch kein fertiges Jahresprogramm 2021, aber sicher werden sich aus der Pandemie zahlreiche Themen ergeben. Wir werden erst im nächsten Jahr Schlüsse ziehen können. Was haben wir gelernt, was ist gut gelaufen, was nicht. Zwei Themen, die uns ganz sicher langfristig beschäftigen werden, sind die Fachkräftegewinnung und die Finanzierung unseres Gesundheitssystems.

          Erwarten die Mitglieder von Ihnen, dass Sie als ehemaliger Gesundheitsminister bestimmte Themen voranbringen können, weil Sie noch Einfluss auf die Politik haben?

          Grüttner: Das Thema Gesundheit war ein wichtiges Thema in meiner aktiven politischen Zeit. Der Verein ist auf mich zugekommen, als ich aus der Politik ausgeschieden bin. Dabei gab es in meiner aktiven Zeit auch Dispute zu bestimmten Sachthemen. Ich finde gut, dass auch ein kontroverser Austausch möglich ist. Deshalb habe ich nicht gezögert, als man mich fragte, ob ich im Vorstand mitarbeiten möchte. Dass ich so schnell in die Führung gekommen bin, war überraschend.

          Planen Sie auch einen Disput mit Ihrem Nachfolger im Ministerium?

          Grüttner: Wenn es Themen gibt, die zu diskutieren sind, und es zu einer Diskussion mit den politisch Verantwortlichen kommt, wird das ausgetragen. Natürlich hat der Verein eine Meinung, aber keine parteipolitische. Das traut man mir zu und ich mir auch, da zu unterscheiden. Seit meinem Ausscheiden habe ich mich zu politischen Gesundheitsthemen nicht geäußert. Ich habe Respekt vor dem Amt und mir Zurückhaltung auferlegt. Aber berufliche Stationen, die man gehabt hat, muss man auch nutzen und Erfahrungen einbringen.

          Wie kam es dazu, dass Sie sich die Führungsaufgaben teilen?

          Grüttner: Wir finden es gut, die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen. Auch, weil wir aus unterschiedlichen Richtungen kommen und damit die Breite repräsentieren, die den Verein ausmacht.

          Frau Eichhorn, war die Doppelspitze für Sie auch notwendig, um die Arbeit mit dem Beruf in Einklang zu bringen?

          Eichhorn: Ich bin schon seit 2007 im Vorstand des Vereins und weiß, worauf ich mich da einlasse. Ich habe nicht lange gezögert, weil mir der Verein und das, was er geschaffen hat, am Herzen liegt. Ich habe einen Vollzeitjob, das Ehrenamt ist da schon eine Herausforderung, der ich mich aber gerne stelle. Die Doppelspitze ermöglicht uns Entlastung. Es bedarf allerdings einer guten Absprache, wer für was verantwortlich ist. Voraussetzung ist, dass man sich gut versteht und dass es Spaß macht. Ich glaube, dass wir das zusammen gut machen können.

          Neuer Vorsitz für Gesundheitswirtschaft Rhein-Main

          Der Verein Gesundheitswirtschaft Rhein-Main wird künftig von einer Doppelspitze geführt. Anna Eichhorn, Vorstandsvorsitzende der Humatrix AG, und der frühere hessische Sozialminister Stefan Grüttner sind seit 9. Juli kommissarische Vorsitzende. Im März nächsten Jahres soll der Vorstand turnusgemäß von den etwa 200 Mitgliedern neu gewählt werden. Dem im Jahr 2006 gegründeten Verein, der sich als Stimme der Gesundheitswirtschaft in der Region sieht, gehören Krankenhäuser, Ärzte, Pharma-, Biotechnologie- und Medizintechnik-Unternehmen, Versicherungen, Beratungsunternehmen, Verbände, Kammern, Kommunen, Forschungseinrichtungen und Politiker aus Rheinland-Pfalz, Hessen und Bayern an. Der bisherige Vorsitzende Michael Burkhart, der das Amt im März vorigen Jahres vom langjährigen Vorsitzenden Florian Gerster übernommen hatte, war zurückgetreten, weil er zusätzliche Aufgaben bei seinem Arbeitgeber PWC übernommen hat. Im vergangenen Jahr hatte der Vorstand beschlossen, den Verein neu auszurichten und stärker auf Digitalisierung zu setzen. Der eigene Anspruch hat sich zudem laut Grüttner von Qualität und Wachstum zu Vernetzen und Gestalten verschoben. Die 48 Jahre alte Naturwissenschaftlerin Anna Eichhorn hat nach dem Studium der Biochemie mit vier Kommilitonen Humatrix gegründet. Das Unternehmen ist auf Genanalysen spezialisiert. Eichhorn ist außerdem im Aufsichtsrat der Brain AG und des Frankfurter Innovationszentrums Biotechnologie. Sie ist verheiratet, hat zwei minderjährige Töchter und lebt in Frankfurt. Stefan Grüttner war von April 2003 bis August 2010 Minister in der Hessischen Staatskanzlei und von August 2010 bis Januar 2019 als hessischer Sozialminister auch für Gesundheit zuständig. Der 63 Jahre alte CDU-Politiker lebt in Offenbach, wo er sich lange Zeit politisch engagiert hat. Nach seinem Ausscheiden aus politischen Ämtern hat er einen Beratervertrag bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen unterschrieben. Nach eigenen Angaben bitten ihn auch andere Akteure im Gesundheitswesen um Rat, denen er unentgeltlich zur Seite steht. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

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