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Glasbau Hahn aus Frankfurt : Vitrinen für den Pharao

Ein Mitarbeiter der Firma Glasbau Hahn bereitet eine große Glasscheibe zum Schneiden vor. Bild: Maximilian von Lachner

Wenn es etwas gibt, was viele Museen gern aus Frankfurt hätten, dann sind es Vitrinen von Glasbau Hahn. Der Mittelständler bestückt Ausstellungen in der ganzen Welt.

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          Was haben Tutanchamun, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die Holbein-Madonna gemeinsam? Mit der richtigen Antwort auf diese Frage dürfte man in einem Frankfurt-Quiz dem Preisgeld recht nahe kommen: Die weltbekannten Museumsstücke liegen alle gut geschützt vor Diebstahl, Staub und Feuchtigkeit in Vitrinen der Frankfurter Firma Glasbau Hahn. Seit fast einhundert Jahren ist das Familienunternehmen, das 1829 einmal als klassischer Glasereibetrieb begann, auf den Vitrinenbau spezialisiert. Es beliefert auch Ladenketten und private Sammler, aber vor allem in der Museumswelt gelten die Frankfurter als Nummer eins auf diesem Gebiet. "Wer es sich leisten kann, kauft Hahn-Vitrinen", sagt Norbert Leonhardt, der Geschäftsführer und Technische Leiter des etwas mehr als hundert Mitarbeiter zählenden Unternehmens.

          Inga Janović

          Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als er dort begann, war Senior Otto Hahn - ein Neffe des gleichnamigen Nobelpreisträgers - noch aktiv. Er hatte das Vitrinengeschäft Ende der dreißiger Jahre begründet. Jetzt hat Leonhardt mit dessen Enkelgeneration in dem Familienbetrieb einen Neuanfang vollzogen, das Unternehmen ist gerade vom angestammten Sitz an der Hanauer Landstraße im Frankfurter Ostend in die Gwinnerstraße nach Seckbach gezogen.

          Erinnerungsstücke aus der Firmengeschichte

          „Wir haben hier nur 500 Quadratmeter Fläche mehr, aber die Hallen haben große Einfahrtstore für die Lieferanten. Und wir haben endlich wieder die gesamte Firma an einem Ort", sagt Isabelle Hahn, die das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Cousin einige Jahre lang geführt hatte, sich den Kindern zuliebe aber wieder aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat. Als Gesellschafterin bleibt sie eingebunden.

          Beim Umzug, so erzählt sie, habe sie manches Erinnerungsstück aus der Firmengeschichte entdeckt. Großvater Otto hatte während seiner Wanderjahre in Amerika einen Zement entdeckt, mit dem sich Glas auf Glas verkleben ließ, zuvor hatten Vitrinen stets einen Holzrahmen. Als sein Vater ihn dann nach Frankfurt zurückbeorderte, brachte er das neue Material mit - und versuchte sein Glück zuerst mit dem Weiterverkauf. Als Hahn dann selbst in die Vitrinen-Produktion einstieg, hatte er sich schon seine eigene Konkurrenz geschaffen. Trotzdem erarbeitete er sich den Ruf, besser zu sein als die anderen. Er hat bis heute Bestand. "Wenn es um den Preis geht, sind wir nicht konkurrenzfähig, aber qualitativ sind wir immer besser`, sagt Leonhardt. Museen hätten es sogar leichter, an Leihgaben zu kommen, wenn sie zusicherten, die angefragten Stücke in Hahn-Vitrinen zu lagern.

          Ausnahme für den König

          An der Hanauer Landstraße war das Glasbauunternehmen, das in der Region auch nach wie vor als klassische Glaserei tätig ist, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ansässig. Zuvor war die Werkstatt mitten in der Stadt, an der Töngesgasse. "Die ist im Zweiten Weltkrieg im Bombenhagel zerstört worden. Mein Großvater hat lediglich einen Klumpen geschmolzenen Glases retten können. Daraus hat er seiner Frau ein Schmuckstück machen lassen`, erzählt Isabelle Hahn. Der nächste Firmensitz im Ostend wurde über die Jahre mehrmals vergrößert, "das war zuletzt wie ein kleines Dorf`. Leicht sei der Weggang deshalb nicht gefallen. "Aber zum Schluss war jede Lieferung ein Problem. Die großen Lkw kamen von der Hanauer kaum noch aufs Firmengelände`, sagt Leonhardt. Das ist an der Gwinnerstraße deutlich komfortabler. Auch die Nachbarschaft stimmt, in den Hallen nebenan sitzen unter anderem die Möbelmanufaktur E15 und der Tatcraft Makerspace.

          Den Ausschlag für den Umzug gab allerdings der boomende Immobilienmarkt. Schon seit Investoren wie Ardi Goldman damit begannen, die Hanauer Landstraße vom klassischen Gewerbestandort wegzuentwickeln, habe die Familie mehrmals Angebote bekommen, ihr Areal zu verkaufen. "Aber die waren nicht attraktiv“, sagt Isabelle Hahn. Bis die Offerte der OFB Projektentwicklungsgesellschaft kam. Sie wird die bisherigen Hahn-Grundstücke an der Ecke zur Schwedlerstraße für die nächsten 99 Jahre pachten und darauf ein Bürogebäude mit 17500 Quadratmetern Bruttogeschossfläche errichten.

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