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Umzug der Deutschen Börse : Die „Frankfurt AG“ ist Geschichte

Börsen-Chef Francioni informierte Stadtoberhaupt Roth nur kurz, bevor er die Anleger unterrichtete Bild: Wolfgang Eilmes

Warum hat niemand im Frankfurter Rathaus etwas von den Umzugsplänen der Deutschen Börse gewusst? Der Fall verweist darauf, dass es um das Verhältnis der Stadt zu den Unternehmen der Mainmetropole seit langem nicht zum Besten steht.

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          Warum hat niemand im Frankfurter Rathaus etwas von den Umzugsplänen der Deutschen Börse gewusst? Die Frage bewegt den Römer noch immer. Die formale Antwort darauf ist leicht. Die Börse ist selbst an der Börse notiert, und sie muss deshalb mit kursrelevanten Informationen sorgsam umgehen. Als der Vorstandsvorsitzende Reto Francioni für Freitag um ein Gespräch mit Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) gebeten hatte, mochte diese zwar Böses geahnt haben. Sie erfuhr von den Plänen aber auch nur Minuten vor allen anderen.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Tatsächlich verweist der spektakuläre Fall darauf, dass es um das Verhältnis der Stadt zu den Unternehmen der Mainmetropole seit langem nicht zum Besten steht. Vieles trägt dazu bei. Dass viele Politiker an Wirtschaft desinteressiert sind zum Beispiel. Dass es lange niemanden in der Stadtregierung gab, der das Amt des Wirtschaftsdezernenten ausfüllte. Das war bei Nikolaus Burggraf (CDU) so, der überhaupt wenig von sich reden machte, und bei Edwin Schwarz (CDU) auch. Immerhin: In der Planungspolitik zeigt sich die Stadt meist investorenfreundlich.

          Ernstes Bemühen nicht abzusprechen

          Der Wirtschaftsförderung wiederum ist zwar ernstes Bemühen nicht abzusprechen. Wie gut ihre Arbeit ist, lässt sich aber schwer beurteilen. Eingeprägt haben sich vor allem die Hakeleien von Geschäftsführerin Urda Martens-Jeebe mit dem regionalen Standortmarketing. Stadtrat Boris Rhein (CDU), Wirtschaftsdezernent seit November, hat rasch eine eigene Stabstelle Wirtschaft im Römer installiert, was als Misstrauensvotum gegenüber der Wirtschaftsförderung gewertet werden darf.

          Eine Wirtschaftsförderin eigener Art ist Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU). Sie lädt zum Beispiel jährlich zum Bankenabend in den Kaisersaal und geht mit Managern auf Delegationsreisen; auch Francioni war schon dabei. Natürlich kennen die Frankfurter Unternehmenschefs die Oberbürgermeisterin. Dass trotzdem niemals der Eindruck entsteht, die Stadt und die Konzerne zögen im Interesse der Mainmetropole an einem Strang, hat seine Ursache allerdings wohl weniger im Römer als vielmehr in der Wirtschaft. Die Stärke Frankfurts, die internationale Verflechtung, kehrt sich hier in ihr Gegenteil um. Die Deutsche Bank steht für viele. Sie beschäftigt in dieser Stadt nicht einmal ein Zehntel ihrer 78.000 Mitarbeiter. Als Frankfurter Unternehmen versteht sich das Kreditinstitut nur begrenzt. Andere wichtige Frankfurter Adressen wie Nestlé oder KPMG unterstehen Zentralen im Ausland, ebenso die Werbebranche.

          Zugleich wird die Verweildauer der Manager immer kürzer geworden; viele sehen Frankfurt bloß als Etappe. Als 2003 die Buchmesse mit einem Umzug nach München liebäugelte, zierten sich Frankfurter Hotelmanager im Gegensatz zu ihren Kollegen in der bayerischen Landeshauptstadt, Nachlässe zu gewähren: Dort spielen mittelständische, ortsverbundene Unternehmer noch eine stärkere Rolle, am Main geben auch in der Hotellerie entsandte Niederlassungsleiter internationaler Konzerne den Ton an.

          Finanzplatz fehlt es an Integrationsfiguren

          Zudem sind die Verbindungen zwischen den Unternehmen selbst dünner geworden. Den Umzugsplänen der Börse ging der Rückzug der Frankfurter Banken aus dem Kreis der Anteilseigner dieses Konzerns voraus; gerade einmal je ein Prozent halten die Deutsche Bank und die Commerzbank derzeit, nachdem beide Kreditinstitute vorübergehend sogar ganz ausgestiegen waren. So ist es nicht überraschend, dass es dem Finanzplatz auch an Integrationsfiguren fehlt, wie sie einst Hermann Josef Abs oder zuletzt Rolf Breuer darstellten. Die „Frankfurt AG“ hat sich aufgelöst, und damit ist auch das Bewusstsein dafür, was dem Standort zuzumuten sei und was nicht, perdu.

          Das heißt nicht, dass alle Verbindungen gekappt wären; es wird schon seine Gründe haben, dass die allermeisten Konzerne bisher in Frankfurt geblieben sind. Das gilt auch und gerade für den Finanzsektor. Wer einmal erlebt hat, wie Konzernchefs bei der Stadt darum kämpfen, dass der Name ihres Unternehmens groß am eigenen Hochhaus prangen darf (im Römer will man nur dezente Werbung an den Türmen), der bekommt auch eine Ahnung davon, dass es ihnen nicht immer nur um Gewinn, sondern auch um allerhand Eitelkeiten geht; auch Manager sind wie alle Männer nur große Jungs. Doch wenn Kapitalismus einmal tatsächlich so ist, wie ihn sich die meisten ohnedies vorstellen, und alleine Rendite eine Rolle spielt, hat die Mainmetropole leicht verloren. Ein Automatismus allerdings ist dies nicht. Auch Städte können schließlich aus Niederlagen lernen.

          Nach den Worten der Chefin der Wirtschaftsförderung Frankfurts, Urda Martens-Jeebe, hat beim Umzug der Börse weder ihre eigene Organisation noch die Stadt insgesamt versagt. Sie bedauere das Vorhaben, aber für den Konzern sei es „notwendige Konsequenz“, nachdem die Performance zuletzt nicht mehr so gut gewesen sei. Zur Börse habe es stets Kontakte gegeben, doch wo „aggressive anglo-amerikanische Fonds“ den Ton angäben, fehle es an einer örtlichen Bindung. Martens-Jeebe sprach mit Blick auf den Eschborner Gewerbesteuersatz von einer Wettbewerbsverzerrung. Von den Umzugsplänen sei vorher nichts zu hören gewesen. Ob etwas schiefgelaufen sei? „Ein Unternehmen hat sich aufgrund der steuerlichen Rahmenbedingungen für einen anderen Standort entschieden.“ (mak.)

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