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Deutsche Post : „Nach zehn Stunden ist Schluss“

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Zur Weihnachtszeit sind die Postbeutel besonders prall gefüllt Bild: ddp

Überstunden statt vorweihnachtlicher Gemütlichkeit: Zur Zeit werden fast doppelt so viele Briefe und Postkarten versandt wie sonst üblich. Manchmal muss die Postzustellung abgebrochen werden.

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          Es ist schon merkwürdig: Während an einigen Tagen – insbesondere Montagen – der Briefkasten leer bleibt, findet sich an anderen Tagen gleich ein ganzer Packen Briefe darin. Schnell entsteht da der Eindruck, dass die Sendungen vielleicht irgendwo gehortet und erst zugestellt werden, wenn eine gewisse Menge zusammenkommt. Als „blanken Unsinn“ weist Stefan Heß, Sprecher bei der Deutschen Post AG in Frankfurt, diesen Verdacht zurück. „Wenn es so etwas tatsächlich gäbe, dann würde das unseren Qualitätsteams sofort auffallen und würde umgehend unterbunden.“

          Die Zusteller hätten gar keinen Platz, um Sendungen heimlich zu sammeln. Außerdem würden sie ihre Arbeit dann nur vor sich her schieben und kämen irgendwann nicht mehr nach. Derartiges gäbe es als Einzelfall, aber irgendwann komme es immer heraus. Und „schwarze Schafe“ gebe es in allen Branchen, meint Heß.

          1200 Sendungen am Tag

          Immerhin berichtet Heß über Schwierigkeiten der Post, in Frankfurt, Offenbach und Wiesbaden neue Zusteller zu finden. Um die Ausbildungsplätze besetzen zu können, bietet die Post hier Jugendlichen ohne Schulabschluss eine „Einstiegsqualifikation“ an. In ländlichen Gebieten gebe es derartige Nöte jedoch nicht.

          In diesen Tagen bleibt kaum ein Briefkasten leer. Obgleich die modernen Kommunikationsformen via Telefon, Handy oder Computer immer stärker unseren Alltag prägen, verzeichnet die Post vor Weihnachten einen deutlichen Anstieg der Sendungen. So werden zur Zeit fast doppelt so viele Briefe und Postkarten versandt wie sonst üblich. Ebenso wie die Einzelhändler und Warenhäuser hat sich auch die Post auf das „Saisongeschäft“ vorbereitet: mit einer Urlaubssperre und mit der Beschäftigung von Aushilfen. Allein im Internationalen Postzentrum am Frankfurter Flughafen unterstützen laut Heß 400 Aushilfskräfte die 1700 regulären Mitarbeiter. Und auch die 80.000 Zusteller, die in ganz Deutschland tätig sind, werden von zusätzlichen „Springern“ unterstützt.

          Rund 1200 Sendungen muss ein Briefträger zur Zeit am Tag bearbeiten, berichtet Heß. Das fängt mit dem morgendlichen Sortieren an, das allein drei oder mehr Stunden dauert. Erst danach gehen die Zusteller mit dem Handkarren oder Fahrrad auf ihre Tour. Es gibt jedoch Arbeitsschutzbestimmungen, die besagen, dass ein Briefträger nicht länger als zehn Stunden zustellen darf. Gleichgültig, ob er sein Pensum bis dahin geschafft habe oder nicht, müsse er dann die Tour abbrechen, sagt Heß.

          Hoffnung auf Trinkgelder

          Dies war zum Beispiel kürzlich in Sachsenhausen der Fall. Dort musste ein „Stammzusteller“ seine Tour abbrechen. Die verbliebenen Briefe wurden „zum Stützpunkt“ zurückgebracht und erst am nächsten Tag von Aushilfen zugestellt. Denn der „Stammzusteller“ war dann schon wieder mit der neuen Post beschäftigt. Dann könne es auch vorkommen, dass Haushalte zweimal an einem Tag Briefe zugestellt bekämen und einen ganzen Packen vorfänden, berichtet Heß.

          Dies komme aber eigentlich nur im schlimmsten Fall vor, zum Beispiel, wenn ein Briefträger krank werde oder auf der Tour einen Unfall habe. Normalerweise seien die Bezirke so eingeteilt, dass alle Sendungen in der regulären Arbeitszeit abgearbeitet werden könnten, sagt Heß. Die in der Vorweihnachtszeit anfallenden Überstunden würden ausbezahlt oder in Monaten mit geringerer Arbeitsbelastung abgebummelt. Qualitätsteams würden regelmäßig die Mengen in den Bezirken kontrollieren, damit die Arbeitslast gleichmäßig verteilt sei. Dabei werden die Anzahl der Sendungen, die abhängig von der Zahl der Unternehmen und Institute in einer Straße ist, die Zahl der Haushalte und Wegstrecken berücksichtigt.

          Normalerweise könne ein routinierter Zusteller schon beim Sortieren erkennen, dass sein Pensum nicht zu bewältigen sei, berichtet Heß. Dann müsse er sich melden und bekomme sofort Unterstützung. Dafür gibt es einen „Pool von Entlastungszustellern“. Warum dies in Sachsenhausen nicht geschehen sei, müsse noch geprüft werden. Allerdings würden die Vertreter eher beim Sortieren eingesetzt als beim Zustellen, bei dem Erfahrung wichtig sei. Vor Weihnachten seien deshalb überall die „Stammzusteller“ im Einsatz. Wegen der Hoffnung auf Trinkgelder zu Weihnachten oder Neujahr lasse sich ohnehin kein Briefträger in dieser Zeit vertreten.

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