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Insurtech aus Frankfurt : Deutsche Familienversicherung trotzt dem Börsenabsturz

Chef: Stefan Knoll, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Familienversicherung, vor selbstgemalten Porträts Bild: Wolfgang Eilmes

Während die meisten Aktien binnen weniger Wochen ein Drittel ihres Wertes oder sogar mehr verloren, hält sich die Deutsche Familienversicherung wacker. Dafür gibt es gute Gründe.

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          Die Aktienbörsen befinden sich rund um den Globus in Aufruhr. Alle Kurse stürzen ab, Aktien verlieren innerhalb weniger Wochen ein Drittel oder mehr ihres Wertes, markieren Allzeittiefs. Alle? Nicht alle! Die Notierung eines kleinen, aber aufstrebenden Unternehmens aus Frankfurt am Main stemmt sich gegen den historischen wasserfallartigen Absturz. Die Aktie der Deutschen Familienversicherung glänzt durch ihre Stabilität. Die Notiz dieses Nebenwerts bewegt sich seit Jahresbeginn in einer überschaubaren Handelsspanne. Die hält sie auch trotz der Kursverluste zur Wochenmitte ein.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Binnen Jahresfrist hat sie fast die Hälfte an Wert gewonnen. Selbst für die vergangenen drei Monaten steht ein Plus von knapp einem Zehntel zu Buche. Der Grund findet sich beim Blick auf das Geschäftsmodell und die Pläne für die mittelfristige Zukunft. Zum einen macht das von Stefan Knoll geführte Unternehmen als sogenanntes Insurtech seine Geschäfte über das Internet. Zum zweiten, und das ist vielleicht noch wichtiger: Die kurz DFV genannte Firma ist an einer Übereinkunft mit den Sozialpartnern der Chemie- und Pharmabranche hierzulande für eine Pflegezusatzversicherung beteiligt.

          Noch ordentlich Luft nach oben

          Analyst Rene Locher des Finanzdienstleisters Mainfirst spricht von einem Quantensprung für das Insurtech und hat deshalb schon vor einiger Zeit sein Kursziel für die DFV-Aktie kräftig auf 27 Euro angehoben; es gilt weiter. Auch gemessen an den Kurszielen anderer Beobachter, die die Firma bewerten, hat das Papier noch ordentlich Luft nach oben. Sie liegen alle klar über der 20-Euro-Marke, während die Notiz aktuell um 16,50 Euro pendelt.

          DFV DT.FAMIL.VERS. O.N.

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          Folgendes gilt als ihr Treibsatz für die nächste Zeit: Vom 1. Juli 2021 an werden Tarifarbeitnehmer über eine tarifliche Pflegezusatzversicherung im Pflegefall besser abgesichert. Diese Versicherung wird durch die Arbeitgeber finanziert. Ein Novum für eine ganze Branche in Deutschland, wie die Gewerkschaft stolz hervorhebt. „Durch die Pflegezusatzversicherung verringert sich der Eigenanteil um satte 1000 Euro im Monat“, erläutert die Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie. Sie bezieht sich auf ein Fallbeispiel der Unterbringung eines Bedürftigen mit Pflegestufe 3 in einem Heim und Gesamtkosten von fast 3200 Euro im Monat. Die Familienversicherung ist Teil eines Konsortiums, das diese Zusatzversicherung betreut.

          „Unternehmen verdoppelt sich“

          Die DFV-Spitze plant angesichts dessen groß. Das Unternehmen werde sich in naher Zukunft verdoppeln, sagt ein Sprecher. Das gelte für die Zahl der Verträge wie für den Umsatz. Erstere werde durch das neue, Careflex genannte Produkt auf eine Million steigen, so die Planung. Der Familienversicherung kommt zupass, dass sie anders als andere Versicherer nicht wegen der Folgen des Coronavirus den Vertrieb einschränken  muss. Sie ist schlicht nicht auf Vertreter angewiesen.

          Der Sprecher nennt die Firma selbstbewusst „Amazon der Versicherer“. Sie sucht zwar keine 100.000 neuen Mitarbeiter, wie Amazon das verlautbart hat, aber immerhin 55. Die Belegschaft zählt derweil 122 Leute.

          Dabei ist die DFV noch recht klein. Der Börsenwert beträgt rund 220 Millionen Euro, während die Allianz ist dagegen auch nach dem jüngsten Kursrückgang 54 Milliarden Euro wert. Zudem schreibt die DFV noch Verluste. 2019 hat sie nach vorläufigen Zahlen diesen sogar ausgeweitet. Der Sprecher gibt aber zu bedenken, laut Planung hätte der Verlust zwischen 9 und 11 Millionen Euro liegen sollen, habe aber nur  rund 4,5 Millionen Euro betragen. „Wir stehen positiv da“, meint er.

          Ungerupft ist auch das Insurtech vom Main nicht durch die schweren Börsenturbulenzen gekommen. Es habe durchaus Verkäufe gegeben, sagt der Sprecher. Bis auf 14,30 Euro ging es hinunter, aber gleich wieder hoch. Denn es seien Investoren eingestiegen, die nach dem Careflex-Deal noch abgewartet hätten, weil es nicht genügend Aktien zum Erwerb gegeben habe. Ihre Nachfrage helfe nun dem Kurs.

          Ob der Vorstand dem Kurs weiter helfen kann, wird sich am Donnerstag zeigen. Dann legt Knoll die endgültigen Geschäftszahlen für 2019 vor und blickt in die nähere Zukunft. In Coronavirus-Zeiten natürlich per Webcast.

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