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Deutsche Familienversicherung : Aus der Traum vom großen Wurf

Trotz Rückschlags zuversichtlich: Stefan Knoll von der Deutschen Familienversicherung (Archivbild) Bild: Wolfgang Eilmes

Die Deutsche Familienversicherung wollte mit einer Pflegezusatzversicherung für die Chemiebranche in neue Dimensionen vorstoßen. Daraus wird nichts. Im Unternehmen gibt man sich trotzdem kämpferisch.

          3 Min.

          Eigentlich hatten Stefan Knoll und die von ihm gegründete und geführte Deutsche Familienversicherung vor, in diesem Jahr in eine neue Dimension vorzustoßen. Seit November 2019 war der Frankfurter Digitalversicherer Mitglied in einem Versicherungskonsortium, das eine arbeitgeberfinanzierte Pflegezusatzversicherung für die rund 435.000 Mitarbeiter in der Chemieindustrie anbieten sollte. Das Unternehmen plante, damit die Zahl der Verträge und Umsätze erheblich zu steigern und 2021 in die Gewinnzone vorzustoßen. Doch nun musste die Familienversicherung, die ihren Sitz am Frankfurter Reuterweg hat und derzeit gut 160 Mitarbeiter beschäftigt, einen überraschenden Rückzieher machen und sich aus dem Versicherungskonsortium zurückziehen.

          Daniel Schleidt
          Stellvertretender Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das hat Folgen. Schließlich hatten Analysten und Investoren des an der Frankfurter Börse gelisteten Papiers der Familienversicherung in den vergangenen Monaten große Hoffnungen auf Careflex gesetzt. Der Kurs der seit Dezember 2018 notierten Aktie war seitdem lange unauffällig und nahe am Ausgabeniveau geblieben, seit der Verkündung des Careflex-Abschlusses aber auf deutlich über 20 Euro gestiegen. Die Familienversicherung, die 2007 gegründet wurde und sich als erstes deutsches Insurtech, also Versicherungs-Start-up, bezeichnet, gehörte damit zu den Gewinnern und Hoffnungsträgern auf dem Frankfurter Parkett. Doch seit der Nachricht vom Ausstieg ist der Kurs um etwa 40 Prozent auf zuletzt 13,49 Euro eingebrochen.

          Allein von Arbeitgebern finanziert

          Anstatt des avisierten Bestandswachstums von 70 Millionen Euro im Jahr 2021 zuzüglich des finanziellen Ausgleichs für Produktmanagement und Bestandsführung fließen dem Unternehmen als Rückversicherer der Barmenia im gleichen Zeitraum in Summe 40 Millionen Euro zu, rechnet Enid Omerovic vom Analysehaus Frankfurt Main Research vor, der sagt, der Ausstieg der Versicherung sei „sehr überraschend“ gekommen. Das Versicherer-Konsortium besteht künftig allein aus R+V und Barmenia, die Familienversicherung bleibt als Rückversicherer für die Barmenia indirekt beteiligt.

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          Hintergrund für den Rückzug sind die Zinsen an den Finanzmärkten. Die Finanzaufsicht Bafin bezweifelte zuletzt, dass der Digitalversicherer aus Frankfurt auf die anzulegenden Careflex-Beiträge die zwischen den Tarifparteien und den Versicherern vereinbarte Mindestverzinsung von zwei Prozent erwirtschaften kann. Die Bafin soll, auch aufgrund der geringen Größe des Unternehmens, von nur 1,25 Prozent ausgegangen sein, heißt es. In der Folge kam es wohl zu langwierigen Diskussionen über die Berechnungsmethodik, zwischenzeitlich gab die Versicherung bei der Helaba sogar ein Gutachten in Auftrag, damit die Beteiligung an dem Versicherungsmodell nicht platzt. Doch weil Careflex zum Jahresbeginn mit einem Pilotprojekt starten sollte, stieg der Zeitdruck, kurz vor dem Jahresende stieg die Familienversicherung dann aus. Analyst Omerovic sagt, die Versicherung habe für die Abwicklung von Careflex Investitionen in Personal und IT vorgenommen, „auf diesen Fixkosten bleibt das Unternehmen nun sitzen“.

          Knoll weist darauf hin, dass der Careflex-Tarif Ende 2019 in einer wirtschaftlich guten Phase und vor dem Coronavirus kalkuliert worden sei. Doch mit Blick vor allem auf zwei Lockdowns wurde auch dort die Herausforderung, mit den Careflex-Beiträgen am Kapitalmarkt hohe Zinsen zu erwirtschaften, wohl als riskant bewertet. Das Modell Careflex Chemie wurde 2019 von den Arbeitgebern der Chemieindustrie und der Gewerkschaft IG BCE vereinbart und wird Mitte dieses Jahres eingeführt. Das System wird allein von den Arbeitgebern finanziert. Die Familienversicherung hatte ursprünglich einen Anteil von 35 Prozent an dem Konsortium.

          Kein Stellenabbau geplant

          Analyst Omerovic traut dem Unternehmen trotz der schlechten Nachrichten zum Jahresauftakt weiteres Wachstum zu, wie er sagt. Auch Vorstandschef Knoll zeigte sich gegenüber der F.A.Z. enttäuscht, aber dennoch kämpferisch. Das Scheitern des neuen Geschäfts sei zwar bedauerlich, aber angesichts der sonstigen Entwicklung des Unternehmens zu verkraften. Schließlich sei der Abschluss von Careflex eine Art „lucky punch“ gewesen, der mit dem originären Geschäftsmodell der Versicherung nichts zu tun habe. Dazu gehören etwa Krankenzusatz-, Hausrat-, Unfall-, Haftpflicht- und Tierversicherungen. Im Gegenteil habe der digitale Vertriebsansatz des Hauses in der Krise funktioniert.

          Die Zahl der Mitarbeiter soll mit Blick auf die weiteren Wachstumsziele, die am 21. Januar konkretisiert werden sollen, beibehalten werden. In den vergangenen Jahren sei man hier stets auf Kante genäht gewesen, weshalb die eigentlich für die Umsetzung von Careflex aufgebauten Stellen nicht wieder abgebaut würden, heißt es aus dem Unternehmen. Dennoch hat die Familienversicherung die Hoffnung, in diesem Jahr wie ursprünglich geplant einen Gewinn zu erzielen, inzwischen gekippt und dieses Ziel in das Jahr 2022 verschoben.

          Aus den Berechnungen von Analyst Omerovic ergibt sich nun anstatt des bisherigen Kursziels Ende vergangenen Jahres in Höhe von 30 Euro ein neuer Wert von nur noch 16 Euro. Beim Bankhaus Hauck und Aufhäuser ist man optimistischer und geht von 22 Euro aus.

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