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Deutsche Bank : Die Doppelspitze hat Tradition

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Zwei Türme, zwei Chefs: In den Doppeltürmen an der Taunusanlage werden wohl bald wieder zwei Herren die Führung übernehmen. Bild: Frank Röth

Anshu Jain soll gemeinsam mit Jürgen Fitschen Josef Ackermanns Erbe antreten. Die beiden würden nicht das erste Tandem an der Spitze der Deutschen Bank bilden. Bis in die achtziger Jahre war das üblich.

          Alfred Herrhausen war in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Er dachte anders, als man das von Spitzenbankern gewohnt war, nahm die Sorgen der „Dritten Welt“ ernster. Er legte aber auch kurz vor seiner Ermordung 1989 den Grundstein für das global aufgestellte Investmentbanking der Deutschen Bank, das heute in guten Jahren 80 Prozent der Gewinne einspielt. Herrhausen wurde aber noch in anderer Hinsicht eine besondere Stellung in Deutschlands größter Bank zuteil. Als Erster seit vielen Jahren stand er von 1988 an allein an der Spitze der Deutschen Bank.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Über Jahrzehnte war das Kreditinstitut von zwei Herren geführt worden. Mit der jetzt geplanten Lösung, dass der oberste Investmentbanker Anshu Jain gemeinsam mit einem weiteren Vorstandsmitglied den Vorsitz übernimmt, wird also eine Tradition aufgegriffen. Ob bei der Gewaltenteilung die Vorteile oder die Nachteile überwiegen, ist allerdings nicht geklärt.

          Einer war der „Außenminister“

          Hermann Josef Abs war der erste Mann an der Spitze der Bank, die 1957 in Frankfurt aus der neuerlichen Zusammenführung des nach dem Krieg zerschlagenen Kreditinstituts entstand. Als er 1967 in den Aufsichtsrat wechselte, übernahmen Karl Klasen und Franz Heinrich Ulrich die Aufgabe des Vorstandssprechers. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben war die Konzentration des noch auf mehrere Zentralen aufgeteilten Geschäfts in Frankfurt. Klasen zog von der aufgelösten Hamburger Zentrale an die Frankfurter Junghofstraße, Ulrich blieb vorerst in der Düsseldorfer Zentrale. 1970 wurde Klasen Präsident der Bundesbank, so dass die Bank nun doch von Ulrich allein geleitet wurde.

          Doch schon sechs Jahre später wurden mit Wilhelm Christians und Wilfried Guth abermals zwei Vorstandssprecher berufen. Aus den Chroniken der Historischen Gesellschaft der Deutschen Bank geht hervor, dass Christians in dem Gespann als „Außenminister“ tituliert wurde, der sich um die Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen zu Osteuropa kümmerte. Guth pflegte die Kontakte in die deutsche Wirtschaft, unter anderem als Aufsichtsrat bei Siemens, Daimler-Benz und Philipp Holzmann.

          Die Gründe für die Benennung eines Tandempartners liegen auf der Hand

          Als Guth 1985 an die Spitze des Aufsichtsrats wechselte, wurde Alfred Herrhausen zweiter Vorstandssprecher. „Macht muss man auch wollen“, ist ein Zitat, das Herrhausen zugeschrieben wird. 1988 wurde er alleiniger Chef, wie seine bisherigen Nachfolger auch.

          An Machtwillen dürfte es Anshu Jain nicht fehlen. Doch die Gründe für die Benennung eines Tandempartners liegen auf der Hand. Jürgen Fitschen, der als aussichtsreichster Kandidat gilt, soll die Deutschlandverbundenheit der Bank betonen. Der Inder Jain spricht kein Deutsch und hat in Politik und Wirtschaft wenig Kontakte. Wenn die Deutsche Bank die Verbindung zum Heimatmarkt nicht verlieren will – gerade hat Ackermann mit dem Kauf der Postbank gezeigt, wie wichtig ihm das deutsche Privatkundengeschäft ist –, muss sie auch dafür ein glaubwürdiges Gesicht vorweisen. Andererseits führte an Jain kein Weg vorbei, nachdem er seit Jahren den Löwenanteil der Gewinne beisteuert. Wäre er übergangen worden, hätte er das Haus wohl mit einer Kohorte seiner besten Mitarbeiter verlassen.

          Sehr lange besteht die heutige Aufgabenverteilung noch nicht

          Insofern ist die wahrscheinliche Aufgabenteilung sinnvoll: Fitschen kümmert sich um Deutschland, die Politik, Privat- und Geschäftskunden. Jain betreibt weiter das Investmentbanking, befördert das Geschäft in den aufstrebenden asiatischen Märkten und bereitet sich vielleicht auf eine Zeit als alleiniger Chef vor. Dass das Haus auf Dauer von einer Doppelspitze geführt werden soll, ist wohl schon aus praktischen Gründen unwahrscheinlich.

          Sehr lange besteht die heutige Aufgabenverteilung allerdings noch nicht. Erst 2006 wurde das Spitzenamt vom Vorstandssprecher in Vorstandsvorsitzender umgewandelt. Das ist nicht nur Wortklauberei, sondern hat zum Beispiel zur Folge, dass der Mann an der Spitze nicht mehr Erster unter Gleichen ist, den die Vorstände aus ihrem Kreis benennen. Der Vorsitzende wird vom Aufsichtsrat gewählt. Lange bekam der Sprecher auch das gleiche Gehalt wie die übrigen Vorstandsmitglieder, für Entscheidungen galt zumindest offiziell das Prinzip Konsens. Hilmar Kopper, Vorstandssprecher von 1989 bis 1997, wird in dem unter anderem von Lothar Gall verfassten Werk „Die Deutsche Bank 1870–1995“ mit den Worten zitiert: „Wir stimmen nie ab. Wir diskutieren.“ Mancher Konsens komme erst nach heißer Debatte zustande. Auch die neue Doppelspitze wird wohl Entscheidungen erst ausfechten müssen.

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