https://www.faz.net/-gzg-ut20

Handwerk : Der wundersame Boom polnischer Fliesenleger

Unübersichtlich: Großbaustellen sind ein beliebter Einsatzort für Arbeiter aus Osteuropa Bild: dpa

Die Handwerkskammer Rhein-Main zählt inzwischen mehr als 3000 Ein-Mann-Unternehmen - von denen offenbar ein ziemlich großer Teil illegal arbeitet.

          4 Min.

          Marek W. ist selbständiger Handwerker. Er versteht sich aufs Verlegen von Fliesen, Platten und Parkett, kann Türzargen und Regale einbauen. So steht es jedenfalls im Dienstleisterverzeichnis der Handwerkskammer Rhein-Main. Nachfragen geht nicht, denn in dem etwas heruntergekommenen Haus an der Mainzer Landstraße in Frankfurt, in dem er dem Verzeichnis zufolge wohnt, lebt der Mann mit den vielen Fähigkeiten nicht mehr.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          So heißt es wenigstens bei der Hausverwaltung. Und obwohl in dem Haus nach der Liste der Kammer noch 14 weitere Ein-Mann-Unternehmen mit ähnlicher Angebotspalette gemeldet sind, findet sich auch kein anderer der Namen an der Klingelleiste. Zwei Bewohner geben mit klarer Geste zu verstehen, keine Fragen beantworten zu wollen.

          Von Schlepperbanden eingesetzte Kolonnen

          Marek W. und andere dort noch gemeldete Fliesenleger seien längst wieder in Polen, lässt die Hausverwaltung wissen. Ulrich Viehweg von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt vermutet anderes: „Die melden sich unter einer Adresse an, bis sie die Papiere haben, und schlupfen dann ganz schnell woanders im Rhein-Main-Gebiet wieder unter.“ Es spricht also viel dafür, dass Marek W. einer von mehreren tausend Polen und anderen Männern aus den neuen Mitgliedstaaten der EU in Osteuropa ist, die sich bei der Handwerkskammer Rhein-Main als Fliesenleger und in weiteren nicht mehr der Meisterpflicht unterworfenen Berufen als selbständige Einzelunternehmer haben eintragen lassen.

          Das muss sein, um zumindest auf dem Papier den Status der Legalität zu erlangen. Und für den Eintrag muss jeder eine Meldeadresse vorweisen können. Die Folge davon ist, dass nach einer neuen Studie der Industrie- und Handelskammer Frankfurt zur allgemeinen Verblüffung nicht etwa Türken, Italiener oder Amerikaner die meisten ausländischen Unternehmen in Frankfurt und dem Taunus betreiben, sondern Polen – gut 3600.

          Oft sind diese Männer aber weder selbständig noch – wie oft angegeben – als Fliesenleger tätig. Tatsächlich arbeiten viele in von Schlepperbanden auf Großbaustellen eingesetzten Kolonnen illegal als Eisenflechter, Maurer oder Zimmerer, wie die IG Bau, der Verband baugewerblicher Unternehmer, die Handwerkskammer Rhein-Main und Ermittler der Finanzkontrolle Schwarzarbeit berichten. Dabei gehe es nicht selten um organisierte Kriminalität, sagt Otto Kuhn, Geschäftsführer des Unternehmerverbandes.

          „Fliesenleger“ arbeiten schwarz für zehn Euro

          Inzwischen hätten die Zuwanderungsbeschränkungen für Arbeitnehmer aus einigen EU-Mitgliedstaaten wie Polen, Ungarn und Lettland in bestimmten Sparten wie dem Bau eine verhängnisvolle Wirkung entfaltet, sagt Kuhn. Denn einfach als Arbeitnehmer dürfen sie in Deutschland nicht anheuern. Und polnischen Firmen, die Beschäftigte hierherschicken, sind dafür enge Grenzen gesetzt. Diese Bestimmungen sollen das gebeutelte deutsche Baugewerbe schützen. Denn das hat seit 1996 die Hälfte aller damals 1,4 Millionen Stellen eingebüßt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Windräder (und ein Umspannwerk) vor der Sylter Küste

          Offshore-Ausbau : 160 neue Windräder auf dem Meer

          An Land ist der Ausbau der Windenergie fast zum Erliegen gekommen, auf See steht eine ähnliche Entwicklung bevor. Die Windkraftlobby beklagt „Ausbau-Fessel“ und fordert von der Politik, sie zu lockern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.