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Der Frankfurter Römer und Unternehmen : Zwei Sprachen, zwei Geschwindigkeiten

Frankfurts Stadtoberhaupt Petra Roth, hier mit F.A.Z.-Karikaturist Achim Greser, will Radeberger den Industriepark Höchst schmackhaft machen Bild: Frank Röth

Die Pannen im Umgang mit den Umzugsplänen der Radeberger Gruppe zeigen, wie Politik und Wirtschaft in Frankfurt aneinander vorbeireden. Viel Zeit bleibt für die Standortsuche des größten deutschen Brauereikonzerns indes nicht mehr.

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          Bei der Deutschen Börse könnte man es als späte Bestätigung empfinden. Der unter hohem Renditedruck stehende Konzern hatte im Januar um seinem Umzug von Frankfurt-Hausen ins günstigere Eschborn nicht viel Federlesens gemacht. Wenige Minuten vor Veröffentlichung der Nachricht per Adhoc-Mitteilung informierte Börsenchef Reto Francioni Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) von der Beschlusslage in seinem Haus – und das war es dann auch. Kein Wort zu früh, kein Wort zuviel. Gestern lud die Börse für den 14. November zur Grundsteinlegung in die Frankfurter Nachbarstadt ein.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          So weit wäre Ulrich Kallmeyer sicherlich auch schon gern. Doch der Chef der Radeberger-Gruppe ließ sich auf Gespräche mit der Frankfurter Stadtverwaltung ein, als er auf Suche nach einem neuen Standort für eine Brauerei und ein Logistikzentrum ging, weil die Wohnbebauung in Sachsenhausen näher kommt, das Unternehmen aber auf Expansionskurs ist. Doch als die Oberbürgermeisterin vor einer Woche zum Gespräch bat, erlebte Kallmeyer, dass die am Tisch sitzende Stadtregierung mit gespaltener Zunge sprach – der Acker in Nieder-Eschbach, den er aus einer Liste potentieller Standorte von Planungsdezernenten Edwin Schwarz (CDU) ausgesucht hatte, fand den Widerspruch von Umweltdezernenten Manuela Rottmann (Die Grünen), weil ein Teil in einem Landschaftsschutzgebiet liegt. Offenkundig hatte es an einer Abstimmung gemangelt.

          Was im Römer als Druck empfunden wird

          Immerhin: Als Hoffnungsschimmer in all der Verwirrung blieb, dass Kallmeyer zugesagt wurde, die Stadt werde sich binnen zwei Wochen abermals beim ihm melden. So hat es der Brauerei-Chef jedenfalls verstanden. Die Oberbürgermeisterin hingegen lässt umgekehrt verlauten, als nächstes sei Radeberger am Zug. Nun geschehen Kommunikationspannen nicht nur im Römer. Doch der Radeberger-Umzug ist nur das jüngste Beispiel dafür, wie sich Unternehmen und Kommunalpolitiker in Frankfurt immer wieder missverstehen.

          Wenn der größte deutsche Brauerei-Konzern im Mai seine Umzugspläne andeutet, im August aus dem Römer eine Liste in Frage kommender Standorte erhält, diese prüft, im Oktober aber noch immer alles im Ungefähren bleibt, findet ein zügige Entscheidungen gewohntes Management, nun sei die Zeit gekommen für eine öffentliche Erklärung, bis Jahresende sollten sich die Politiker doch positionieren. Im Rathaus wiederum, wo man in einer ganz anderen Geschwindigkeit lebt, Entscheidungen unter einer Vielzahl Beteiligter stets vielfach hin- und herwenden muss, wird derlei als Ausüben öffentlichen Drucks empfunden.

          Und: Die Radeberger-Gruppe hat entschieden, in der Nähe von Chemieproduzenten sollte Bier auch in Zukunft nicht gebraut werden. Nun sollte sie über ihre Markenführung am besten Bescheid wissen – zumal am neuen Standort Besucher in einer „Markenwelt“ genannten Ausstellung ausdrücklich erwünscht sind. Doch heißt es im Römer nicht etwa: Dann reden wir fortan nur noch über andere Standorte. Vielmehr kündigt die Oberbürgermeisterin an, noch einmal für den Industriepark Höchst werben zu wollen, der nicht frei zugänglich ist. Manchmal scheint es, als redeten Politiker und Unternehmer geradezu in zwei Sprachen.

          Schwacher Einfluss der Unternehmen

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