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Der richtige Stromanbieter : Preisgarantie mit Einschränkung

Alles unter Kontrolle: Der Stromzähler sammelt die Kilowattstunden, die ein Haushalt verbraucht. Mit einem günstigen Tarif kann man sparen. Bild: dpa

Strom bleibt teuer. Sollte man sich jetzt darauf einlassen, einen Tarif mit Preisgarantie für zwei Jahre abzuschließen? Besser nicht, meinen Energieberater. Das Verbraucherthema.

          Das Angebot hört sich gut an. Der regionale Anbieter, die Entega aus Darmstadt, nutzt eine Preiserhöhung zum 1. August, um der Kundin mit Ökostrom-Tarif einen Zweijahresvertrag mit Preisgarantie schmackhaft zu machen. Beim Blick ins Kleingedruckte zeigt sich jedoch, dass es mit der Garantie nicht weit her ist. Denn ausgenommen sind alle Steuern, Umlagen und Abgaben, etwa auch Netzentgelte. Dies sind Posten, die nach Angaben von Carmen Strüh, Energieberaterin bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, inzwischen drei Viertel des Strompreises ausmachen. Nur 26 Prozent des Preises spiegelten die Kosten wider, die der Energieversorger selbst in der Hand habe: Beschaffung, Betrieb und Gewinn.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Strüh kennt die Garantie-Offerten vieler Versorger. „In den allermeisten Fällen handelt es sich jedoch um eingeschränkte Preisgarantien“, sagt sie. Es seien genau die Preisbestandteile herausgenommen, auf die sich Versorger bei Preiserhöhungen gerne beziehen würden. Der Versorger habe somit zu jeder Zeit die Möglichkeit, die Preise über die allgemeinen Geschäftsbedingungen anzupassen. Zwar haben Verbraucher auch in diesem Fall ein Sonderkündigungsrecht. Strüh rät dennoch von Tarifen mit Preisgarantie ab, weil sich der Kunde festlege und damit von Preissenkungen nicht profitiere. Besser sei ein Wechsel zu einem günstigeren Anbieter. Nach wie vor steckten viele Haushalte in einem sehr teuren Grundversorgertarif des örtlichen Netzbetreibers fest, bedauert Strüh.

          Versorger für hohe Preise mitverantwortlich

          Fachleute gehen davon aus, dass Strom teuer bleibt. Die Beschaffungspreise an den Strombörsen gehen zwar seit Jahren zurück - Anfang Juli kostete eine Kilowattstunde im Einkauf weniger als 3,5 Cent -, doch die Haushalte spüren davon nichts. Ein Grund ist der teure Ausbau der Netze. Die Netzentgelte machen inzwischen mehr als ein Fünftel des Strompreises aus. Hinzu kommt die Last durch die EEG-Umlage von aktuell 6,35 Cent je Kilowatt produziertem Strom aus Sonne, Wind und Biomasse. Im Herbst werden die neuen Vergütungspreise dafür festgelegt.

          Energiefachleute wie Strüh machen aber auch die Versorger dafür verantwortlich, dass bei den Verbrauchern von den günstigen Einkaufspreisen nichts ankommt. „Die Unternehmen hätten durchaus die Möglichkeit, diese weiterzugeben“, meint sie. Doch die Versorger beriefen sich auf unterschiedliche Beschaffungsstrategien, etwa darauf, dass sie Strom schon drei Jahre im Voraus einkauften und daher von aktuell günstigen Preisen nicht profitierten. Die Beschaffungspolitik bleibe aber sehr intransparent.

          Auch der kommunale Versorger Entega, der 2015 nach Verlusten wieder die Gewinnzone erreicht hat, begründet seine aktuelle Preiserhöhung beim Ökostrom-Tarif um 2,13 Cent auf 26,75 Cent je Kilowattstunde mit höheren Netzentgelten. Ist das viel, ist das wenig? Diese Frage lässt sich nur beim Blick auf Preisvergleichsportale schnell beantworten.

          Der Tarifvergleich über die Preissuchmaschine Verivox zeigt, dass es beim Wiesbadener Versorger Eswe für den Frankfurter Single-Haushalt 1000 Kilowatt Ökostrom im Jahr knapp 140 Euro günstiger gäbe. Die Preisdifferenz ergibt sich aber nur durch einen Sofortbonus (50 Euro) und einen Neukundenbonus (84 Euro), die im zweiten Jahr wegfallen.

          Auch mit einem Anruf beim Versorger lässt es sich sparen

          Hinzu kommt, dass der Ökostrom von Eswe zwar zu 100 Prozent aus regenerativen Energien stammt, aber nur mit dem TÜV-Label gekennzeichnet ist. Der Entega-Strom hat das OK-Power-Siegel, das strengere Maßstäbe anlegt. So dürfen Energieanbieter, die dieses Siegel verwenden, etwa nicht an Atom- und Braunkohlekraftwerken beteiligt sein. Die Verbraucherzentralen empfehlen für Ökostrom neben dem OK-Power-Label, an dem die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen beteiligt ist, auch das Grüner-Strom-Label sowie die Liste EcoTopTen des Öko-Instituts Freiburg (www.ecotopten.de), das TÜV-Siegel hingegen nicht.

          Schränkt die Entega-Kundin bei der Tarifsuche auf der Verivox-Seite die Suche ein, indem sie das Häkchen nur bei Angeboten mit OK-Power-Label setzt, sieht das Ergebnis anders aus. Im günstigsten Fall könnte sie knapp 24 Euro im Jahr bei der Energie Gut GmbH sparen, einer Tochter der Stadtwerke Duisburg. Möglicherweise käme noch ein Sparbonus von maximal 35 Euro hinzu, wenn der Verbrauch im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sinke. Lohnt sich dafür der Aufwand?

          In der Regel lässt sich auch mit einem Anruf direkt beim Versorger sparen. Der hat ein Interesse daran, seine Kunden zu halten, und ad hoc meistens ein besseres Angebot als das schriftliche parat. Die Entega-Kundin zum Beispiel erfährt auf diese Weise, dass sie auch in einen günstigeren Ökostrom-Tarif mit OK-Power-Label wechseln könnte, dessen Preis von August an nur um 0,29 Cent je Kilowattstunde steigt. Das wird sie sich überlegen. So oder so, wenn sie zustimmt, hätte sie die Möglichkeit, ihre Entscheidung noch 14 Tage danach zu widerrufen.

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