https://www.faz.net/-gzg-pyke

: Der amerikanische Traum

  • Aktualisiert am

Ein außergewöhnlicher Mensch ist er zweifellos. Er ist 63 Jahre alt, spielt gelegentlich Jazz mit Börsenchef Werner Seifert - und hat eine aufsehenerregende Karriere hinter sich. Mit einer halben Sekretariats- ...

          2 Min.

          Ein außergewöhnlicher Mensch ist er zweifellos. Er ist 63 Jahre alt, spielt gelegentlich Jazz mit Börsenchef Werner Seifert - und hat eine aufsehenerregende Karriere hinter sich. Mit einer halben Sekretariats- und einer halben Assistenstelle fing August-Wilhelm Scheer 1975 als Professor an der Universität Saarbrücken an. Heute ist der Wirtschaftsinformatiker Vorsitzender des Aufsichtsrats der von ihm 1984 gegründeten IDS Scheer AG, eines Unternehmens mit 2200 Mitarbeitern und rund 280 Millionen Euro Umsatz. Groß gemacht hat die heute börsennotierte Firma vor allem das Programm Aris, eine weltweit verbreitete Software, mit der betriebliche Abläufe erfaßt und analysiert werden können. Außerdem berät Scheer die Regierung des Saarlandes in Wirtschaftsangelegenheiten.

          Scheers zentrale Frage gestern bei den von F.A.Z-Redakteur Manfred Köhler moderierten "Wirtschaftsgesprächen am Main" im Hotel Intercontinental in Frankfurt: Warum ist Deutschland, das Land, in dem so viele Erfindungen gemacht wurden, beim Ideen-Entwickeln zwar immer noch gut, beim Umsetzen aber so wenig erfolgreich? Mehrere Beispiele, die für diese These sprechen, zählte Scheer auf: Das Format "MP 3", mit dem sich Musik aus dem Internet herunterladen läßt, ist in Deutschland entwickelt worden. Die Player, mit denen in der Praxis das Geld verdient wird, stammen aus Asien. Ähnliches gelte für das Faxgerät, den Transrapid oder den Wankelmotor.

          "Man muß sich für die Analyse genau angucken, welche Phasen eine Innovation durchläuft", sagte Scheer. Die erste Phase, auch "Inventionsphase" genannt, bestehe aus der Grundlagenforschung, aus der eine Idee komme, und der Anwendungsforschung, bei der diese zu einem Prototypen weiterentwickelt werde. "Dann kommt aber der ,Hebel', mit dem aus Prototypen Produkte werden." In technologieorientierten Kleinstfirmen oder Ausgründungen werde oft mit der Produktion begonnen. Für einen weltweiten Vertrieb aber brauche man dann ein Unternehmen mit globalen Vertriebswegen: "Das ist die schwierigste Schnittstelle."

          Bill Gates, der Microsoft-Gründer, mit dem er sich am Montag treffe, wäre "nie aus seiner Garage herausgekommen", meinte Scheer, wenn er nicht eine enge Kooperation für seine Software mit dem Hardware-Riesen IBM eingegangen wäre. An vergleichbaren Möglichkeiten in Deutschland mangele es: "Wir haben, von Ausnahmen abgesehen, keine großen erfolgreichen Unternehmen im Hightech-Bereich - darum ist es auch für die nachwachsenden so schwer." Gerade in letzter Zeit hätten mehrfach amerikanische Unternehmen kleine deutsche Technologiefirmen übernommen. "Die verwenden dann aber vor allem die Idee und die Kunden, aber ziehen die Entwicklung nach Amerika." Im Gespräch mit Bundespräsident Horst Köhler habe er dafür plädiert, bei Regierungsreisen sollten lieber junge Unternehmer mitgenommen werden, um denen eine Tür zu öffnen: "Herr von Pierer kann schließlich auch allein nach China fahren."

          Aus seiner eigenen Erfahrung plädiert Scheer für ein neues Verständnis der Freiheit von Forschung und Lehre an den Universitäten: "Das beginnt schon beim Wertesystem in den Köpfen." Viele Professoren hätten zu viel Angst vor dem Kontakt mit der Wirtschaft: "Für einen richtigen Mathematiker ist schon eine Zahl fast etwas Unanständiges." Als er selbst seinerzeit das Unternehmen IDS gegründet habe, hätten viele Universitäts-Kollegen gemeint, er gebe zu viel akademische Freiheit auf. "Die einzige Freiheit, die ich aufgegeben haben, ist die Freiheit, nicht zu forschen", sagte Scheer. Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU), damals an der Universität Assistent, habe ihm von der Kollegen-Meinung berichtet: "Sehr bedauerlich", hätten viele gesagt, "gekauft, gefangen". Die Studenten dagegen hätten gesehen, daß er ein "tolles Leben" habe führen und ein teures Auto fahren können, statt "immer mit dem Audi zur Uni" zu müssen. Scheer: "Meine Bücher sind in zehn Sprachen übersetzt. Aber mein Erfolg war die Produktion. Von Aris haben wir 52000 Lizenzen in alle Welt verkauft." CHRISTIAN SIEDENBIEDEL

          Die "Wirtschaftsgespräche am Main" sind eine Veranstaltung des Hotel Intercontinental Frankfurt, der Wirtschaftsinitiative Metropolitana Frankfurt/Rhein-Main, der Messe Frankfurt GmbH und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Weitere Themen

          Pionierleistungen Video-Seite öffnen

          Upländer Molkerei : Pionierleistungen

          Die Geschäftsführerin der Upländer Bauernmolkerei. Katrin Artzt-Steinbrink, spricht über die eigenen Pionierleistungen und den Weg in die Zukunft.

          Topmeldungen

          DFB-Liebling Robin Gosens : „Zwick mich mal“

          Die Geschichte von Robin Gosens gibt es eigentlich nicht mehr: Von einem, der auf dem Dorfplatz entdeckt wurde und nun bei der EM für überwältigende Momente sorgt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.