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Das Verbraucherthema : Richtig und falsch eingetütet

  • -Aktualisiert am

Kommen oft in die Tüte: Lebensmittel vom Discounter Bild: dpa

Schon nach nur 30 Minuten Benutzung wandern die meisten Plastiktüten in den Müll. Sie vermüllen Landschaften und Meere. Die EU will die Zahl senken. Warum nicht jetzt damit anfangen? Verbraucher haben es in der Hand.

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          Wie oft hat man sich schon geärgert, dass die Tragetasche aus Nylon einmal wieder zu Hause liegt und nicht in der Handtasche steckt, um die Einkäufe nach dem Büro darin zu verstauen. Oder auf dem Wochenmarkt, wenn mit dem Einkauf von Obst und Gemüse und dem Aufsuchen verschiedener Stände die Zahl der ultradünnen Tüten - sogenannter Hemdchenbeutel - steigt.

          Petra Kirchhoff
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das müsste nicht sein - wenn denn der Verbraucher ein bisschen mitdenken und vorausplanen würde. In der Regel legt der Obst- und Gemüsehändler Äpfel ohne Murren in den Korb, und auch die lose Salatmischung wird bereitwillig in der mitgebrachten Plastikschüssel abgewogen. Doch im Alltagsstress oder schlicht aus Bequemlichkeit werden diese Möglichkeiten oft vergessen. Dann tröstet man sich mit dem Gedanken, die Tüten später als Müllbeutel verwenden zu können.

          Nach 30 Minuten in den Müll

          76 Plastiktüten verbrauchen Kunden hierzulande jedes Jahr im Durchschnitt, hinzu kommen 39 Hemdchenbeutel für sogenannte Bedienungsware. Deutschland liegt damit in der EU im Mittelfeld, wie Thomas Fischer, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe, sagt. Von Jahr zu Jahr würden es mehr - mit allen negativen Auswirkungen für die Umwelt.

          Die meisten Plastiktüten werden aus Rohöl hergestellt - eine Verschwendung an Ressourcen und Energie. Dabei wird jede Tüte im Schnitt nur 30 Minuten benutzt. Die meisten werden nach dem Einkauf sofort weggeschmissen und enden in der Müllverbrennung. Oder sie landen in der freien Landschaft, in Flüssen und Meeren, in denen sie 100 bis 500 Jahre benötigen, um vollständig zu zerfallen.

          Allein in die Nordsee gelangen dem Naturschutzbund Deutschland zufolge jedes Jahr 20.000 Tonnen Müll, vornehmlich Plastikteile wie Tüten. Das Umweltbundesamt hat an der Nordsee pro hundert Meter Küste im Schnitt drei Beutel gefunden, die im Supermarkt aus dem Spender gezogen werden können. Im Meer werden die Tüten irgendwann in kleine Teile zerrieben. Fische verwechseln sie leicht mit Nahrung, und so landet der Müll letztendlich wieder auf dem Teller des Verbrauchers. Nur die wenigsten Tüten gelangen über die gelbe Tonne ins Wertstoffrecycling.

          dm-Drogerie schuf Tütchen ab

          Die Umwelthilfe fordert seit langem, die Tütenflut durch eine Umweltabgabe einzudämmen. Die meisten Lebensmittelhändler verlangen zwar inzwischen ein Tütengeld. Doch im Kaufhaus, im Buchhandel und in der Apotheke kommt nach wie vor alles in die Gratis-Plastiktasche, wie Fischer bedauert. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie ein gutes Marketinginstrument seien.

          Allenfalls gibt es zarte Verbannungsversuche. So hat die Drogeriekette dm auch in einigen Frankfurter Filialen die dünnen Abreißtüten abgeschafft. Ein Testversuch, der von den Kunden bisher positiv aufgenommen worden sei, wie es heißt. Eine endgültige Bewertung stehe noch aus. Biobeutel aus nachwachsenden Rohstoffen, wie sie die hessische Handelskette Tegut gerade eingeführt hat, sind aus Umwelthilfe-Sicht keine Lösung, weil damit ein hoher Landverbrauch und Aufwand einhergehen. Zudem bauten sie sich in der Natur genauso langsam ab wie normale Plastiktüten. „Ein Vogel erstickt daran genauso wie an jeder anderen Tüte“, sagt Fischer (siehe Artikel unten).

          Gern zitieren die Umweltschützer das Beispiel Irland. Nachdem die Regierung 2002 eine Umweltsteuer von zunächst 15 und später 22 Cent je Tüte erhoben hatte, sank der Verbrauch um mehr als 90 Prozent. Heute ist Irland das Land in der EU mit dem geringsten Pro-Kopf-Verbrauch an Plastiktüten.

          Zugemüllt: In Panama-City in Florida hat das Meer Plastik an den Strand gespült.
          Zugemüllt: In Panama-City in Florida hat das Meer Plastik an den Strand gespült. : Bild: Reuters

          Nicht gelten lassen will Umweltwissenschaftler Fischer das Argument, es handele sich im Falle der Plastiktüte lediglich um Sympolpolitik. Das Umweltbundesamt hatte in einer Studie den Beitrag von Plastiktüten an den Umweltbelastungen für Kunststoff „aufgrund der geringen Gesamtmenge“ als „verhältnismäßig unbedeutend“ bezeichnet. Für Fischer greift die Betrachtung rein nach dem Gewicht zu kurz: „Wir sprechen hier über Wegwerfartikel.“ Die Umweltgefährdung von Plastiktüten sei deutlich höher als bei anderen Kunststoffartikeln. Nach neuen Umweltauflagen für Plastiktüten, die Ende April in Kraft treten, soll der Einwegtüten-Verbrauch in der EU bis 2025 mehr als halbiert werden, von 90 auf dann 40 Tüten. Wie die Länder das schaffen - entweder über Vorgaben für den Handel oder ein Verbot, GratisTüten herauszugeben -, ist ihre Sache. Insofern hat auch Fischer die Hoffnung auf eine Tütensteuer in Deutschland noch nicht aufgegeben. „Wir haben alle Argumente auf unserer Seite.“

          So oder so kann jeder Verbraucher selbst aktiv werden. Er muss nicht so weit gehen, seine Haare statt mit Shampoo aus der Kunststoff-Flasche mit kaltgerührter veganer Bioseife zu waschen, wie in den Verbraucher-Tipps zum Plastikfasten nachzulesen ist - eine Aktion, die der BUND im vergangenen Jahr zur Fastenzeit initiiert hatte. Aber der Einkauf von Milch und Joghurt ebenso wie Mineralwasser im Glasgebinde ergibt laut Fischer durchaus Sinn. Die Spülmaschinen arbeiteten heute deutlich effizienter als früher und brauchten weniger Energie. Auch werde das Spülwasser mehrfach verwendet, weshalb die Umweltbilanz stimme.

          Für den Mülleimer in der Küche empfiehlt Fischer spezielle dünnwandige Abfalltüten. Die beste Tragetaschen-Lösung für den Einkauf ist aus seiner Sicht die Mehrweg-Tragetasche aus recyceltem Material, wie PET-Getränkeflaschen. Mit einem Anteil von mindestens 80 Prozent kann sie mit dem Blauen Engel gekennzeichnet werden. Die Ökobilanz von Stoffbeuteln stimmt erst dann, wenn sie mindestens 20 Mal zum Einsatz kommen. Eine gute Lösung sind laut Umwelthilfe auch auf die Größe einer Taschentücher-Packung zusammenfaltbare Mehrweg-Tragetaschen aus Polyester, da sie besonders strapazierfähig sind und bis zu zehn Kilo tragen können.

          Bleibt die Herausforderung, das Tragetäschchen morgens auch einzupacken.

          Streitfall Biobeutel

          Der Lebensmittelhändler Tegut führt seit Januar Tüten, die sich anfühlen wie die bisherigen und auch genauso belastbar sind. Neu ist: Ein grüner Aufdruck teilt mit, dass die Tüten „der Umwelt zuliebe“ aus mindestens 85 Prozent nachwachsenden Rohstoffen hergestellt sind. „I’m green“ lautet der Titel. Soll heißen: Die Tüten sind bio. Genauer gesagt aus Biokunststoff. Das Endprodukt ist zwar ein Kunststoff, der aber wird aus Zuckerrohr hergestellt, also aus einer nachwachsenden Pflanze. Angebaut wird sie nach Angaben des Unternehmens in Brasilien. Zusammen mit den Stoffbeuteln und Papiertüten an der Kasse seien nun alle Taschen bei Tegut „nachhaltig optimiert“, sagt eine Unternehmenssprecherin.

          Doch so einfach ist es nicht. Laut Umweltbundesamt haben Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen nämlich keinen ökologischen Vorteil. Dies vor allem, weil durch den Anbau, insbesondere Düngemittel, sowie die Verarbeitung der Pflanzen Böden und Gewässer stark belastet würden. Zudem könnten solche Tüten den Recycling-Kreislauf stören. Die Zersetzung im Meer sei nicht schneller als im Falle herkömmlicher Plastiktüten.

          Plastiktüte werde nur ersetzt

          Julia Barthel von der Deutschen Umwelthilfe pflichtet dem bei. Grundsätzlich sei das Umweltbewusstsein des Unternehmens gutzuheißen. „Doch die alte Plastiktüte wird einfach durch eine neue ersetzt.“ Wenn für das Zuckerrohr Wälder gerodet und Monokulturen gepflanzt würden, schadete dies mehr, als dass es hülfe.

          Der Dachverband für Biokunststoffhersteller, European Bioplastics, sieht das anders. Danach werden nur etwa 0,01 Prozent der weltweit fünf Milliarden Hektar Agrarflächen für den Anbau von Biomasse für Biokunststoffe genutzt. (clip.)

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