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Das Verbraucherthema : Neuer Ärger in der Apotheke

Zahltag: Weil Festbeträge gesenkt wurden, müssen Versicherte jetzt öfter zuzahlen. Bild: obs

Weil die Krankenkassen ihre Festbeträge für Arzneimittel zum 1. Juli gesenkt haben, müssen Patienten für ihre Tabletten zum Teil deutlich mehr zahlen.

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          Nach welchem Prinzip die Preise für Medikamente in der Apotheke festgesetzt werden, ist für Versicherte ein Buch mit sieben Siegeln. Fest steht: Krankenkassen sind auch vom Gesetzgeber dazu angehalten, ihre Arzneimittelausgaben zu senken. Zum 1. Juli haben sie die Kostenschraube wieder einmal etwas fester angezogen.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zum einen sparen die Kassen über Rabattverträge, die sie mit Pharmaherstellern aushandeln. Den Zuschlag in der Apotheke bekommt dann ein von den Wirkstoffen her vergleichbares, aber preiswerteres Medikament als auf dem Rezept angeordnet – es sei denn, der Arzt schließt dies mit Ankreuzen des Kästchens „aut idem“ (oder ein gleiches) aus.

          Tausende Bluthochdruck-Patienten betroffen

          Zum anderen legt der Spitzenverband der Krankenkassen einmal jährlich fest, wie viel Geld sie für Medikamente höchstens zahlen (Festbetrag). Er nimmt dabei Medikamente ins Visier, die eine vergleichbare Wirkung haben, aber unterschiedlich kosten. Dadurch steigt der Preisdruck bei den Pharmaunternehmen. Allein das Senken der Festbeträge bringt den Kassen 680 Millionen Euro im Jahr. Doch nicht alle Hersteller ziehen mit bei diesem Preisdumping. Zum Leidwesen der Versicherten. Wer auf kein günstigeres Präparat ausweichen kann oder will, muss die Differenz zwischen Erstattungsbetrag der Kassen und Preis in der Apotheke aus eigener Tasche zahlen.

          Und dies seit 1. Juli nicht zu knapp. Konkret geht es um die Blutdrucksenker Olmetec und Votum mit dem Wirkstoff Olmesartan, für dessen Gruppe die Festbeträge gesenkt wurden. Die beiden Hersteller verlangen weiterhin den alten Preis. Statt wenige Euro Zuzahlung wie bisher müssen Patienten jetzt bis zu 86 Euro pro Packung in der Apotheke zahlen. Zehntausende Versicherte sind davon betroffen. Erschwerend kommt hinzu, dass es in diesem Fall kein günstigeres Nachahmer-Präparat (Generika) mit dem identischen Wirkstoff gibt, sondern nur eines mit einem vergleichbaren Wirkstoff, wie Julia Saar, Arzneimittelberaterin bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland, deutlich macht. Viele Blutdruckpatienten fühlen sich damit aber schlechter versorgt als bisher.

          Bis zu 700 Euro für Epilepsie-Medikamente

          Nicht ganz so viele Versicherte, dafür eine sensible Gruppe, nämlich Menschen mit Epilepsie, trifft der neue Festbetrag für das Medikament Keppra. Je nach Dosierung und Verpackungsgröße müssen Kunden in der Apotheke jetzt bis zu 700 Euro übernehmen. Zwar gibt es laut Patientenberaterin Saar einen identischen Wirkstoff, doch die Behandlung von Epilepsie sei sehr sensibel. Patienten würden sich nur ungern umstellen.

          Kein Wunder, dass Patientenberatern wie Apothekern zurzeit viel Unmut entgegenschlägt. „Aktuell gibt es einen hohen Erklärungsbedarf“, sagt Patientenberaterin Saar. Sie kann die Festpreis-Politik der Krankenkassen grundsätzlich nachvollziehen: „Wir müssen auch sehen, wie kostspielig Arzneimittel-Therapien sind.“ Viele der neuen Anpassungen seien zudem unproblematisch, da es nur um kleinere Beträge gehe.

          Apotheken verdienen am Festbetrag nichts hinzu

          Was können die Versicherten tun? „Patienten haben nur die Möglichkeit, entweder zuzuzahlen oder den Arzt zu bitten, ihnen ein gleichwertiges Mittel zu verschreiben, für das kein Festbetrag existiert“, sagt Erika Fink, Apothekerin in Frankfurt und Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen. Sie stellt klar: „Die Apotheken verdienen an neuen Festbeträgen nichts extra.“

          Patientenberaterin Saar gibt zu bedenken, dass die Umstellung auf ein anderes Präparat nicht von heute auf morgen klappt. Der Körper brauche Zeit, sich umzustellen. Rein rechtlich haben Patienten laut Saar keinen Anspruch auf die Erstattung eines teuren Originalpräparates. Allenfalls könnten sie über einen Medizinanwalt Klage einreichen.

          Für Krankenkassen lohnen sich die neuen Festbeträge im Übrigen doppelt. Viele Preise schaffen dadurch den vorgeschriebenen Abstand zu dem gesenkten Erstattungsbetrag nicht mehr. Nur wenn der Preis 30 Prozent unter dem Festbetrag liegt, entfällt die übliche Zuzahlung von 5 bis 10 Euro pro Packung. Das heißt: Patienten müssen jetzt öfter zuzahlen. Nach Angaben des Deutschen Apothekerverbandes ist die Zahl der zuzahlungsfreien Medikamente im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Drittel von 4800 auf 3000 gesunken.

          Die Arzneimittelberatung der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland ist unter der Telefonnummer 0800/0117722 zu erreichen. Gespräche aus dem Festnetz sind gebührenfrei.

          Was Kassen und Patienten zahlen

          • Festbeträge: Für Arzneimittel und auch Hilfsmittel (Brillen, Einlagen, Hörgeräte) kann der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung einen Festbetrag festlegen. Das ist der höchste Preis, den die Kasse für ein Mittel in der Apotheke zahlt. Herstellern steht es frei, ob sie ihre Medikamente über oder unter diesem festgesetzten Höchstbetrag verkaufen. Bei Nachahmerpräparaten (Generika) liegt der Preis meist unterhalb des Festbetrages. Liegt der Preis darüber, muss der Versicherte die Mehrkosten übernehmen. Die Preise werden einmal im Jahr angepasst. Vertreter von Krankenkassen, Ärzten und Krankenhäusern beraten darüber im Gemeinsamen Bundesausschuss.
          • Zuzahlung: Grundsätzlich zahlen Kunden in der Apotheke auf Arzneimittel zehn Prozent des Verkaufspreises dazu, mindestens 5 und höchstens 10 Euro, selbst wenn ein Medikament 1000 Euro kostet. Deshalb spricht man auch von Rezeptgebühr. Bei einer Reihe von rezeptpflichtigen Medikamenten müssen Kassenpatienten seit einigen Jahren nichts mehr zuzahlen, so für Generika mit bestimmten Wirkstoffen, wenn deren Preis um mindestens 30 Prozent unter dem Festbetrag liegt. Der Eigenanteil ist zusätzlich zur Festbetrags-Differenz zu zahlen. Senken die Krankenkassen die Festbeträge, und Hersteller geben beim Preis nicht nach, führt dies auch dazu, dass wieder mehr Präparate unter die Zuzahlungspflicht fallen.
          • Rabattverträge: Jede Krankenkasse darf für ihre Versicherten mit Pharmaunternehmen Rabatte auf Arzneimittelpreise aushandeln. Der Apotheker muss dann das Medikament von der Firma auswählen, mit der die Krankenkasse des Rezept-Einreichers einen Rabattvertrag abgeschlossen hat. Nur durch Ankreuzen des „Aut-idem“-Kästchens auf dem Rezept kann der Arzt ein bestimmtes Arzneimittel außerhalb des Rabattvertrags verordnen. Stimmt der Arzt nicht zu, und möchte der Kunde trotzdem das teurere Original bekommen, kann er das Kassenrezept in der Apotheke in ein Privatrezept umwandeln, indem er das Medikament komplett selbst bezahlt.

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